Befreit und vergessen? Wie Torezk zu einer Geisterstadt wird

Befreit und vergessen? Wie Torezk zu einer Geisterstadt wird

Die Internetzeitung „Ukrajinska Prawda“ hat die Stadt Torezk besucht. Ziel des Besuchs war, zu verstehen, warum sich dort nicht alle über die ukrainische Armee freuen, und wie sich die Stadt  in den zwei Jahren nach der Befreiung von den pro-russischen Militärverbänden verändert hat. Denn im Fall einer großflächigen Offensive würde Torezk, das nur vier Kilometer von der Front entfernt ist, den ersten Schlag abbekommen. Von eben dieser Bevölkerung hängt unter anderem ab, wie der Gegner empfangen werden würde: als Feind oder als „Befreier“.

Das Ukraine Crisis Media Center veröffentlicht eine gekürzte Version des Artikels aus der Onlineausgabe „Ukrajinska Prawda“.

Stille mit Pausen zum Beschuss

Wenn man am Wochenende auf den Hauptplatz von Torezk kommt, könnte man meinen, man sei in einer Geisterstadt gelandet. Ein Gefühl von Hast erzeugt höchstens der Markt, aber dieser arbeitet nur unter der Woche.

Das Café und das Billardlokal in einer ehemaligen Freizeiteinrichtung sind seit Beginn der Kriegshandlungen geschlossen: Der Besitzer ist weggezogen und ist bis heute nicht zurückgekommen. Da ist noch das Gebäude des Einkaufszentrums „Moskau“ mit zugemauerten Fenstern. Eigentlich wurde es bereits unter der alten Regierung „eingemottet“. Der Krieg veränderte höchstens einige Elemente der Fassade. Nun prangt dort der mit Sprühdosen aufgetragene Schriftzug „Ruhm der Ukraine!“. Aus dem Mosaik „Kreml“ auf dem Gebäude wurden die roten Sterne heraus gekratzt. Die Fahnen wurden in den Farben blau-gelb übermalt. „Das haben unserer Patrioten gemacht“, berichtet stolz Wolodymyr Elez, der Vorsitzende des Vereins „Deine neue Stadt“, während er auf die übermalten Fahnen zeigt. Der Verein wurde von einer Gruppe heimischer Freiwilliger gegründet, die sich wegen des Kriegsgeschehens gesellschaftlich engagieren.

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Bei der Fortsetzung der Exkursion über den Hauptplatz der Stadt zeigt Elez auf einen Plattenbau. Eine Ecke im ersten Stock ist mit Einschusslöchern dicht übersät, die in zwei Jahren noch immer niemand repariert hat. Daneben am Fenster prangt Werbung einer Bank mit dem Spruch „Emotionen, die man lieber vergisst“.

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Auch die Schussgeräusche, die ab und zu die Stadt erreichen, erlauben ebenso wenig, die „Emotionen zu vergessen“, so auch die eindrucksvolle schwarze Fassade des ehemaligen „Weißen Hauses“ an den Hauptplatz.

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Das Gebäude hatten Separatisten während ihres Rückzuges im Juli 2014 mit Panzern beschossen. Das Gebäude, in dem früher der Stadtrat tagte, ist nicht eingezäunt.

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Es gibt keine Wache, jeder kann hineingehen. Innen sind schwarze, verbrannte Wände, unter den Füßen Glas und Zement, in den Räumen Berge aus Betonteilen.

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Den Müllhaufen hat in zwei Jahren immer noch niemand beseitigt. Im Zentrum von Torezk ist die Zeit 2014 scheinbar stehen geblieben.

Umbenennung der Stadt

Das Gefühl einer Geisterstadt wird noch verstärkt durch ein Metallschild mit Schusslöchern und der Aufschrift „Dserschinsk – die Stadt, in der ich geboren wurde“. Die Umbenennung von Dserschinsk in Torezk im Rahmen der Dekommunisierung und die Demontage der Denkmäler Lenins und Dserschinskijs waren die bis jetzt einzigen spürbaren Veränderungen in der Stadt.

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Neu hinzugekommen sind in den letzten zwei Jahren im Zentrum von Torezk höchstens der Kinderspielplatz und die sogenannte „Allee“ für frisch Verheiratete mit kitschig geschmiedeten Figuren. Sie wurden am großen Gebäude des städtischen Kulturhauses aufgestellt, dessen Fenster derzeit mit Sperrholz vernagelt sind. Dieser Palast mit rund 1000 Sitzplätzen war einst der Stolz der Stadt. Vor dem Krieg kamen Stars des Showbusiness hierher und es wurden Musik- und Tanzkurse angeboten.

Da das Kulturhaus aber die Nebenkosten nicht zahlen konnte, wurde es im Jahr 2015 von seinem Besitzer, dem Bergbauunternehmen „Dserschinskugol“, stillgelegt.

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Der Bürgermeister hilft örtlichen Aktivisten nicht

„Auf unserem Hauptplatz ist es am Wochenende nicht immer so leise. Gestern haben wir ein Konzert der Band „Wertep“ aus Dnipro organisiert. Die Apparatur musste aber in Slawjansk ausgeliehen werden. Unser Bürgermeister gab uns weder Konzerttechnik, noch eine Sommerabdeckung für die Bühne“, sagt Elez und zeigt auf eine kleine Bühne vor dem abgebrannten „Weißen Haus“, von der aus im Jahr 2014 der Bürgermeister Wolodymyr Slipzow die Entscheidung des Stadtrats bekannt gab, ein „Referendum“durchzuführen.

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Elez beschwert sich, dass die Aktivisten für ihre Aktivitäten keine Kinder aus der örtlichen Musikschule zu Auftritten einladen können, weil es dafür angeblich insgeheim ein Verbot des Bürgermeisters gibt. „Letztes Jahr zog der Bürgermeister wegen der angeblich gesetzeswidrigen Veranstaltung der Feier zum Unabhängigkeitstag gegen mich vor Gericht. Er beschuldigte uns der Urkundenfälschung. Ich hatte im Antrag zur Durchführung von Veranstaltungen als Vorstandsvorsitzender des Vereins unterschrieben. Aber der Verein war noch nicht registriert, obwohl wir bereits einen entsprechenden Status hatten und ich mich Vorstandsvorsitzender nennen durfte“, fügt der Aktivist hinzu.

Keine Zeit für Konzerte

„Von wem ‚bekommen sie‘ nichts? Man gab ihnen Strom. Technik haben sie eigene mitgebracht, weil unsere nicht so modern ist. Ich habe ihnen bereits gesagt, dass sie wenigstens einen Baum in der Stadt pflanzen sollen! Na ja, die Drehkreuze haben sie immerhin neu gestrichen“, sagte aufgeregt Bürgermeister Wolodymyr Slipzow am nächsten Tag gegenüber der Internetzeitung „Ukrajinska Prawda“ auf die Vorwürfe der Aktivisten. Slipzow selbst zog, nachdem das „Weiße Hauses“ beschossen wurde, mit seinen Angestellten in das Gebäude des Kindergartens im Stadtzentrum um.

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Innerhalb von nur zwei Jahren wurden in Torezk und in den vom Torezker Stadtrat verwalteten Ortschaften und Dörfern mehr als 800 Objekte beschädigt. Mehr als 300 von ihnen sind Wohnhäuser. „Schulen, Kindergärten und andere soziale Einrichtungen haben wir mit eigenen Mitteln und Zuwendungen internationaler Hilfsorganisationen wieder aufgebaut. Internationale Organisationen zahlen kein Geld direkt aus, sondern gewähren es für Baumaterial wie Glas, Dachpappe und Schiefer“, berichtete Slipzow.

Aus dem Etat der Stadt wurden in zwei Jahren zwei Millionen Hrywnja für den Wiederaufbau der beschädigten Objekte bereitgestellt. „Eine weitere Million wurde bei der Bevölkerung gesammelt. Woher haben die Leute dieses Geld? Na ja, Kinder müssen ja Kindergärten und Schulen besuchen, deswegen sammelten die Leute. Was soll man denn machen?“, fügte der Bürgermeister hinzu.

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Die Wohnhäuser wurden von den Menschen in der Regel mit eigenen Kräften repariert.

„Wir haben alles selbst gemacht. Gut, dass in unserem Haus jemand wohnt, der sich mit Fenstern auskennt, er half uns, sie einzusetzen“, erzählt eine Raumpflegerin an einem Plattenbau, dessen Eingang 2014 während eines Gefechts von einem Geschoss getroffen wurde. Mit eigener Kraft renovieren die Menschen auch heute noch beschädigte Häuser. Familie Hontschar, die im Städtchen Schelesnoje bei Torezk lebt, wartet seit mehr als einem Monat auf die Reparatur ihres Daches, das in der Nacht des 13. Juli von einem Geschoss getroffen wurde. „Fenster, Schiefer, Mörtel und Nägel gab uns die ‚Caritas‘. Auch Arbeiter wollten sie uns schicken, aber wir warten seit einem Monat.“ Schelesnoje untersteht dem Torezker Stadtrat. Auf dessen Hilfe warten die Hontschars bislang vergeblich.

Von der Frontlinie bis Schelesnoje, das vor der Dekommunisierung Artemewo hieß, ist es nur ein Kilometer. Geschützfeuer hört man hier fast täglich, doch Geschosse schlagen hier selten ein. In der Nacht des 13. Juli geriet das Haus der 85-jährigen Nachbarin der Hontschars unter Beschuss: Die alte Frau starb in ihrem Bett. „Warum wir von hier nicht wegfahren? Wohin sollen wir denn fahren, wer braucht uns?” Tetjana Hontschar verbirgt ihre Verwunderung über diese Frage nicht.

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Niemand braucht die Familie Hontschar und das ganze Städtchen Schelesnoje mit einigen Tausend Einwohnern, das einst für die Arbeiter des Artem-Bergwerks gebaut wurde, das schon 2002 stillgelegt wurde.

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Zwischen dem Pflaster auf der Hauptstraße der Stadt ist überall hohes Unkraut. Die Fahrbahn ist voller Schlaglöcher, die wie Einschusskrater von Geschossen aussehen. In den vergangenen zwei Jahren haben sich hier höchstens die Masten entlang der Straße verändert. Freiwillige malten auf sie blau-gelbe Fahnen. Aber vor dem Hintergrund der Ruinen wirken auch diese traurig.

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Das einzige Café der Stadt erinnert an surreale Szenen aus Endzeitfilmen. Vor dem einstöckigen und verfallenen, von Einschusslöchern übersäten Gebäude ohne Schild steht ein Plastiktisch mit zerrissenem, verblassten Schirm. „Und dort, seht ihr den ‚Bestattungsdienst‘? Das ist das florierenste Geschäft in Artemowe“, sagt unser Begleiter ironisch.

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Zwischen dem Dickicht auf der ehemaligen Promenade steht, wie ein Geist der Vergangenheit, die Statue des Bolschewiks Artem. Niemand beeilt sich, sie abzubauen. Das wichtigste Symbol dieser verlassenen Stadt sind aber die Ruinen des Verwaltungsgebäudes des ehemaligen Artem-Bergwerks. Die eingestürzte Kolonnade – ein Teil liegt direkt auf der Fahrbahn – bewegt zum Nachdenken: Ist das alles durch Beschuss oder wegen Verwahrlosung eingestürzt? In Torezk und Umgebung vermischen sich Zerstörung durch Geschosse eng mit dem Verfall, zu dem jahrzehntelange Misswirtschaft und Gleichgültigkeit, was die Zukunft von Bergbau-Städten angeht,  geführt haben.

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Eine Zukunft ohne Zukunft

Der Rückgang der Produktion, die voranschreitende Schließung der Bergwerke und die fehlenden Produktionsalternativen zeichnen eine unklare Perspektive für Torezk und die ihm untergeordneten Dörfer und Städtchen. Die Aussicht auf Arbeitslosigkeit trägt nicht zu einer patriotischen Gesinnung der Bewohner der nahe der Front gelegenen Stadt bei. 2002 hatte man gemäß einem staatlichen Programm begonnen, die subventionierten Bergwerke zu schließen, da die Selbstkosten der Kohleförderung hier ungerechtfertigt hoch waren. Zuerst schloss das Bergwerk „Artem“, dann „Nowa“. 2014 schloss auch das Werk „Juschnaja“. Heute sind nur noch die drei Werke „Zentralna“, „Torezka“ und „Sewerna“ in Betrieb, wobei im Bergwerk „Sewernaja“ die Zahl der Arbeiter um die Hälfte reduziert wurde, sowie das Bergwerk „Matrony Moskowskoj“, die von einem Geschäftsmann aus der sogenannten „Donezker Volksrepublik“ angemietet wurde.

Allerdings werden im Bergwerk „Matrony“ seit Anfang 2016 keine Löhne an die Bergarbeiter ausgezahlt. Die geschuldete Summe beläuft sich bereits auf elf Millionen Hrywnja.

„Wenn Löhne nicht ausgezahlt werden, kommt auch kein Geld ins Budget der Stadt. Dabei macht die Einkommensteuer 87 Prozent der Steuereinnahmen der Stadt aus“, sagt die erste Stellvertreterin des Bürgermeisters von Torezk, Walentyna Staruschtschenko.

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Auch das örtliche Transportunternehmen, das mit der Eisenbahn Kohle transportierte, schuldet seinen Arbeitern Lohn. Das Schicksal dieses Unternehmens ist schleierhaft, hängt es doch direkt von der Entwicklung der Kohlebergwerke ab, die aber stagniert. Eine Schließung droht auch der Aufbereitungsanlage. Sie ist in Privatbesitz, doch mit der Schließung der Bergwerke wird auch sie überflüssig.

„Wir hatten außerdem eine Maschinenfabrik mit einer einzigartigen Produktion von Werkbänken mit programmierbarer Steuerung. Bis zu 3000 Menschen arbeiteten dort. Aber 2006 privatisierte eine Firma von Rinat Achmetow (ukrainischer Oligarch) die Fabrik und schloss sie. Wofür wird die Dserschinksi-Fabrik gebraucht, wenn es gleiche Fabriken auch in Druschkiwka und Horliwka gibt?“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin über die „Besonderheiten der Entwicklung der regionalen Industrie“. Seit den 2000er Jahren wurde viel über ein staatliches Programm zur Gründung neuer Unternehmen als Alternative zur Kohleförderung gesprochen. In Torezk wurde sogar Grund und Boden  für eine Maschinenfabrik bereitgestellt. Doch außer den Gesprächen passierte nichts. Im Rathaus wünscht man sich ein Unternehmen, das in der Leichtindustrie tätig wäre, da die Arbeitslosigkeit unter Frauen bis zu 65 Prozent erreicht.

„Ich wollte hier Treibhäuser errichten, um Tomaten anzubauen. Ich habe sogar eine europäische Bank gefunden, die einen Kredit mit unter zwei Prozent Zinsen vergab. Doch „Oschtschadbank“ weigerte sich, als staatlicher Garant aufzutreten“, beschwert sich Bürgermeister Slipzow, während er ein Faltblatt mit Investitionsprojekten, die noch vor dem Krieg ausgearbeitet worden waren, hochhält.

Im Rathaus war man empört über die Novellen zum Haushaltsgesetz, die vom Parlament Ende dieses Frühjahrs angenommen wurden. Als Stadt in der „Grauzone“, die unter Beschuss liegt, erhält Torezk aufgrund dessen keine Finanzierung für Infrastrukturprojekte aus dem Staatshaushalt mehr. Vor Annahme des Gesetzes war geplant, für den Wiederaufbau von Torezk 46 Millionen Hrywnja zur Verfügung zu stellen, insbesondere für die Wiederherstellung des Wasserversorgungssystems (Wasser gibt es in Torezk nur sechs Stunden am Tag), für die Wärmeisolierung des örtlichen Krankenhauses und für andere Renovierungsarbeiten.

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Darüber hinaus beklagt man sich auch über das Gesetz, das im Parlament im September 2014 angenommen wurde. Mit diesem Gesetz wurden alle Unternehmen im Gebiet der Anti-Terror-Operation von den Steuern für die Anmietung kommunalen und staatlichen Eigentums und von Pachtzahlungen für Land befreit. „Die Pachteinnahmen waren unsere Einkünfte. Allein in diesem Jahr haben wir zwölf Millionen Hrywnja weniger erhalten. Zu friedlichen Zeiten war es so: Man hat Subventionen gewährt und hat dafür eine Kompensation bekommen. Doch auf all unsere Fragen, wo diese Kompensation bleibt, gibt es heute keine Antwort“, sagt Staruschtschenko und weist somit alle Vorwürfe über den kritischen Zustand des einen oder anderen Objekts zurück. Es gebe kein Geld. Punkt.

Eine misslungene Mission

„Kiew hat uns vergessen. Als Janukowitsch Präsident war, wurde die Arbeit in den Bergwerken noch irgendwie unterstützt, und jetzt wird es immer schlimmer und schlimmer“, beschwert sich Sergij Poplawez, Bergmann der Grube „Zentralna“, dessen Gehalt unter Janukowitsch 5000 Hrywnja betragen hatte und inzwischen auf 4000 gesunken ist. „Wir alle verstehen, dass Bergwerke geschlossen werden müssen, aber unterstützt doch wenigstens die, die noch in Betrieb sind! Wir haben nicht einmal mehr Ersatzteile! Wenn Schienen kaputt gehen, haben wir keine Schrauben, um sie wieder an den Bahnschwellen zu befestigen, und dann fährt der Wagen nicht!  Und wenn wichtigere Dinge kaputt gehen, müssen wir auf eigene Kosten Urlaub nehmen, bis eine Möglichkeit gefunden wird, sie zu reparieren“, fügt Poplawez hinzu.

Der Bergarbeiter Sergij, der pro-ukrainisch gesinnt ist, macht sich Sorgen, dass die Lage dazu führen könnte, dass sich bei den Arbeitern eine anti-ukrainische Stimmung durchsetzen könnte.  Schon jetzt nennen ihn seine Kollegen herablassend „Ukrop“ („Dill“, beleidigender Ausdruck für „Ukrainer“), unter anderem wegen seines Engagements als Freiwilliger. Sergij liefert von Hausfrauen des Ortes zubereitete Speisen an die ukrainischen Soldaten an die Front. Seiner Meinung nach sind die meisten Bergarbeiter in Torezk pro-russisch eingestellt. Sich mit Russen zu streiten ist für sie zudem ungünstig, denn wer seine Arbeit verliert, fährt zum Geldverdienen nach Russland.

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Dort, in Russland, haben mehrere hundert Familien aus Torezk ein besseres Schicksal gefunden. „Als hier alles begann, fuhren meine Kinder in die Kiewer Region. Dort wurden sie zuerst gut aufgenommen, aber dann musste man hohe kommunale Wohngelder begleichen, und die Einstellung ihnen gegenüber änderte sich. Daher kehrten sie zurück, und danach fuhren sie nach Russland. Dort gab man ihnen ein Haus, eine Arbeit. Mein Sohn verdient 25.000 Rubel, meine Tochter 15.000, außerdem bekommen sie Kindergeld und humanitäre Hilfe. Nach fünf Jahren, verspricht man ihnen, bekommen sie eine Wohnung und die russische Staatsbürgerschaft. Deswegen beeilen sie sich nicht, zurückzukehren. Fast alle jungen Leute aus unserem Haus sind nach Russland gefahren“, erzählt die Rentnerin Nina Filimonowa aus Torezk. Sie selbst hat nicht vor, irgendwohin zu fahren. Doch sie übersteht jeden Beschuss nur schwer, letztes Mal, als die Türen und die Fenster bebten, wurde sie vom Krankenwagen abgeholt.

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„Wir haben Angst. Aber die alten Leute fahren nirgendwo mehr hin. Außerdem kriegen wir genug Rente und Zuschüsse, und der Bürgermeister hilft uns immer. Slipzow hat mir als Invalide noch kein einziges Mal etwas abgeschlagen. Er hilft, wenn nicht mit Geld, dann mit Kohle“, sagt Filimonowa, die sich keine Rückkehr der „Donezker Volksrepublik“ wünscht, weil niemand weiß, wie das sein würde: „Es soll bleiben, wie es ist, nicht schlimmer“.

Insbesondere dank der alten Menschen konnte sich Slipzow, der nunmehr ehemalige Bürgermeister von Torezk, ungefähr 18 Jahre lang im Chefsessel halten. In dieser Zeit wurde er praktisch zum „Besitzer“ der Stadt und monopolisierte faktisch alle Kleinunternehmen.

2015 gab es hier keine Kommunalwahlen, aber wahrscheinlich wäre Slipzow wiedergewählt worden, obwohl er das separatistische Referendum unterstützt hatte. Am 17. August 2016 wurde der Bürgermeister von Torezk, Wolodymyr Slipzow, wegen Verdachts auf „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation und Verletzung der territorialen Integrität“ festgenommen. Das mehr als zwei Jahre zurückliegende Geschehen, als Slipzow im Frühjahr 2014 die Entscheidung, ein separatistisches Referendum durchzuführen unterstützte und auch erlaubte, die Flagge der sogenannten „Donezker Volksrepublik“ aufzuhängen, war bloß ein Vorwand für den Arrest. Denn ähnliche Entscheidungen trafen auch Bürgermeister mehrerer anderer Städte im Donbass, die ihre Ämter bis heute ungestraft innehaben.

Wie die „Ukrajinska Prawda“ erfuhr, ist die plötzliche Verhaftung des Bürgermeisters eine Folge seiner Weigerung, sich einzumischen, als hunderte Bewohner von Torezk am 5. Juli 2016 die Durchfahrt von Kriegsgerät der ukrainischen Armee blockiert hatten. Die Menschen erklärten die Blockade damit, dass sie Angst hätten, das Gerät könnte zur Zielscheibe für die Leute der “Donezker Volksrepublik” werden. Durch Beschuss könnten Stadtviertel zerstört werden.

Die Festnahme des Bürgermeisters war selbst für seine Opponenten vor Ort eine Überraschung, die ihn dafür verantwortlich sehen, dass sich in der Stadt pro-russische Ansichten halten. In Wirklichkeit wird sich Slipzows Festnahme auf das Schicksal der Stadt nicht auswirken. Der Grundstein für das Sterben der Stadt wurde bereits lange vor dem Krieg gelegt. „Aus Horliwka kommen zu uns Menschen, um einzukaufen und um ihre Rente abzuholen. Wenn sie sehen würden, dass sich hier die Bergwerke entwickeln, neue Unternehmen gegründet werden, dass hier das Leben brodelt, vielleicht würden sie dann gerne in die Ukraine zurückkommen. Und so bleibt ihnen nur übrig, aus zwei Übeln das kleinere zu wählen“, sagt ein Mitarbeiter des Stadtrats von Torezk den Journalisten der „Ukrajinska Prawda“ während sie das Gebäude des Stadtrates verlassen.

Städte nahe der Front sollten in letzten zwei Jahren zu einem Vorbild und einem Orientierungspunkt für die besetzten Gebiete werden. In Torezk ist das bislang gescheitert.

Marjana Pjetsuch für Ukrajinska Prawda

Bilder: Ukrajinska Prawda (C)

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