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“Stanzen” – Ein Kurzfilm über das heutige Mariupol

“Stanzen” –  Ein Kurzfilm über das heutige Mariupol
Kyiv, 15. November 2016.

Trotz Krieg geht das Leben weiter, auch in der Zone der Anti-Terror-Operation (ATO). Dort entstehen neue Jugend- und Kulturprojekte. Sie dienen der Suche neuer Ausdrucksformen für die Wirklichkeit, in der heute junge Menschen im Osten der Ukraine leben. Auch geht es dabei darum, die Realitäten in post-sowjetischen Industriestädten zu verstehen und zu verändern. Davon handelt ein Film des Regisseurs Serhij Dorohowzew.

In der Ukraine ist der Kurzfilm “Stanzen” erschienen. Er zeigt den seelischen Zustand der “gesichtslosen” Ukrainer, die in den Industriestädten im Osten des Landes leben – am Beispiel von Mariupol. Dies ist das erste Werk des jungen Regisseurs Serhij Dorohowzew, der selbst aus Mariupol stammt. Welche Absicht er mit seinem Film verfolgt, erzählte er während einer Pressekonferenz im Ukraine Crisis Media Center im Rahmen des Projekts “Sprecher des friedlichen Lebens”, das vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt wird.

Dorohowzew sagte, der Film sei eigentlich als ein “Sprungbrett” gedacht gewesen, für das nicht viel Zeit und wenig Ressourcen aufgebracht werden sollten. An dem Film hätten nur vier Personen gearbeitet. Das Filmmaterial sei an drei Tagen entstanden, der darauffolgende Schnitt habe etwa drei Monate in Anspruch genommen. Die Kosten, inklusive des ausgeliehenen Geräts, hätten sich lediglich auf rund 100 Dollar belaufen.

Menschen zu einem gleichen Leben verurteilt

Der Film “Stanzen” – das sind menschenleere Flächen, Straßen und Plätze in Mariupol, über denen das von weitem zu sehende gewaltige Stahlwerk “Azovstal” mit seinen rauchenden Schornsteinen thront. Die gesichtslose und amorphe Stadt, in denen die Menschen zu einem gleichen Leben ohne Freiräume und eigene Initiative verurteilt sind, zieht sich wie ein roter Faden durch die Bilder des Films.

“Ich wollte nicht nur Mariupol zeigen, sondern die allgemeine Situation im Land. Dass die Menschen in der Routine des Alltags sich selbst ‘stanzen’ oder sie von jemandem von ‘oben’ ‘gestanzt’ werden, damit sie sich kulturell und geistig nicht weiterentwickeln. Mein Held versucht, mit den leeren Stadtplänen herauszufinden, was mit den Menschen passiert ist und warum sie nicht den Wunsch haben, sich weiterzuentwickeln. Er selbst hat den Wunsch sich weiterzuentwickeln. Aber wenn er versucht, etwas zu unternehmen, wird auch er ‘gestanzt’ und verwirrt”, sagte Dorohowzew. Die Idee des “Stanzens” verbildlicht eine Maschine, die Hunderte identischer Teile produziert.

“Wir müssen die Mentalität der Menschen verändern”

Begleitet werden die Bilder des Films von philosophischen Gedichten der ukrainischen Schriftsteller Hryhorij Skoworoda, Iwan Franko, Taras Schewtschenko und Wasyl Stus. “Wir haben Strophen ausgesucht, die am besten diese Situation unterstreichen”, sagte der Regisseur. Die Werke der ukrainischen Dichter stehen in einem krassem Gegensatz zum grauen, industriellen und sowjetischen Erscheinungsbild der Stadt.

Symbol für den Wunsch, sich weiterzuentwickeln, ist ein Kreuz. Es wurde aufgestellt an der Stelle des inzwischen beseitigten Lenin-Denkmals – in Gedenken an die Todesopfer des Krieges im Osten der Ukraine. Mehrmals wurde es bereits mutwillig niedergerissen. Doch Menschen in Mariupol stellten es immer wieder neu auf.

“Historisch gesehen ist Mariupol meiner Meinung nach ukrainisch, aber die sowjetische Vergangenheit hat in der Stadt tiefe Wunden hinterlassen. Diese Vergangenheit kann man überwinden, aber dafür muss man die Mentalität der Menschen verändern – mit Kultur, Bildung und ukrainischer Identität”, sagte Dorohowzew.

Erfolge bei Filmfestivals

Der Regisseur betonte, sein Film sei bereits beim Showroom des Internationalen Filmfestivals in Odessa dabei gewesen. Preise habe er beim Festival “Liebe wird die Welt retten” in Saprorischschja, beim Wettbewerb “Wie ist Mariupol?”, beim Festival “Aus dem Land in die Ukraine” sowie beim Internationalen Filmfestival “KiTy” in Mariupol bekommen. Im nächsten Jahr soll der Film beim Internationalen Dokumentarfilmfestival “DocuDays” gezeigt werden.

Eine auf zehn Minuten gekürzte Fassung des Films “Stanzen” ist in den Sprachen Ukrainisch und Englisch auf YouTube zu sehen. Das Filmteam will auch künftig zusammenarbeiten. “Wir haben bereits Ideen, was man demnächst drehen könnte, das sind Kurz- aber auch Spielfilme”, sagte Dorohowzew.

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