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Die Ultras und der Krieg: Dessen ist sich die ukrainische Gesellschaft nicht bewusst

Die Ultras und der Krieg: Dessen ist sich die ukrainische Gesellschaft nicht bewusst

Offiziell gilt der 12. April 2014 als der Tag, an dem der Krieg in der Ukraine begann. An jenem Tag wurden von russischen Sicherheitskräften die Gebäude der Polizei und des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) in den Städten Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka besetzt. Doch es gibt eine Gruppe von Menschen in der Ukraine, für die der Krieg schon drei Monate vor diesen Ereignissen begann.

Es sind die ukrainischen Ultras. Für sie begann der Krieg schon mit der Konfrontation mit den Sicherheitskräften in der Nähe des Dynamo-Stadions in Kiew, das nach dem bekannten Fußballtrainer Walerij Lobanowskyj benannt ist. Der friedliche Protest auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, ging dort in der Hruschewskyj-Straße in brutale Zusammenstöße über. Die gegen die Fußballfans eingesetzte Spezialeinheit der Polizei “Berkut” war nur formal eine ukrainische, sie handelte alles andere als in ukrainischem Interesse.

Alle Fehden zwischen den Ultra-Gruppierungen in der Ukraine, die verschiedene Fußballclubs unterstützten, waren Anfang 2014 vergessen. Sie schlossen sich alle gegen einen gemeinsamen Feind zusammen. Die Fans, die bis dahin von den an Fußball desinteressierten Bürgern meist argwöhnisch betrachtet wurden, wurden plötzlich in der Konfrontation mit den Sicherheitskräften zu deren Beschützern. Für die Ultras begann der Krieg am 19. Januar 2014 und er dauert für sie bis heute an.

Heute sagt kaum jemand mehr, die Fußballfans seien nur in der Lage, unter den Menschen Angst und Schrecken zu verbreiten und für Schlägereien zu sorgen. Im Jahr 2014, angesichts des Aggressors, vergaßen die Fans von Dynamo und Shakhtar, Dnipro und Metalist ihre Feindseligkeiten. Die Ultras des Fußballclubs Charkiw hatten als erste die neue Lage im Lande begriffen. Von ihnen stammt das bekannte Liedchen über Putin.

Im Frühjahr 2014 zogen die Ultras vom Maidan direkt in den bewaffneten Konflikt im Osten der Ukraine. Viele Ultras gehörten zu den ersten, die sich nach dem Beginn der Aggression seitens Russlands und der prorussischen Kräfte im Donbass der Anti-Terror-Operation angeschlossen hatten, um die Ukraine zu verteidigen. Sie stellten sie meisten Angehörigen der Freiwilligen-Bataillone Asow, Ajdar, Dnipro-1 und Donbass, aber auch der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) sowie des ersten und zweiten Reserve-Bataillons der ukrainischen Nationalgarde sowie des Freiwilligen-Korps des Rechten Sektors.

Der Krieg schwindet immer mehr im Bewusstsein der Menschen, die oft vergessen, was Geschlossenheit zum Schutz des eigenen Staates willen bedeutet. Irgendwo im Osten ist eine kampffähige Armee im Einsatz, die die Verteidigung schon aufrecht erhält. Es entsteht die Illusion von Ruhe. Wichtiger erscheint nicht das Überleben des eigenen Staates im Krieg, sondern politische Fragen, die nur spalten.

In dieser Situation kann man viel von den “Fußball-Hooligans” lernen. Sie haben anscheinend am besten begriffen, dass wir nicht in einer “Zeit des Friedens” leben. Was auch immer es für Probleme in diesem Staat mit Reformen und den politischen Eliten gibt, man muss ihn verteidigen, so wie er ist.

Man muss anderen ein Vorbild sein. Den Staat verändern bedeutet, bei sich selbst anzufangen. Gerades dies ist den Ultras gelungen. Dies sollten alle vor dem Hintergrund regelmäßiger Hysterien in sozialen Netzwerken verinnerlichen.

Das Ukraine Crisis Media Center hat Artikel von Andriy Synyavskyi für Censor.Net zusammengefasst.

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