Kiew
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Niederländischer Botschafter in der Ukraine: „Es ist nicht im Interesse von Europa, die Ukraine zu kolonialisieren“

Niederländischer Botschafter in der Ukraine: „Es ist nicht im Interesse von Europa, die Ukraine zu kolonialisieren“

Das Ukraine Crisis Media Center veröffentlicht eine gekürzte Fassung des Interviews von Tatjana Omeltschenko in der Onlineausgabe delo.ua mit dem niederländischen Botschafter in der Ukraine, Kees Jan René Klompenhouwer, über die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und den Niederlanden: Entwicklung am Dnipro, niederländische Unternehmen in der Ukraine und Aussichten für den ukrainischen Export in die EU-Länder.

Welche Ideen gibt es zur Entwicklung des Dnipro als Transportweg und was sind die Hindernisse dafür?

In der Ukraine werden weniger als 4 Prozent der Waren über Flüsse transportiert. Zum Vergleich: in den Niederlanden sind es 49 Prozent. Der Dnipro ist ein europäischer Fluss, der in Zukunft in den transeuropäischen Transportkorridor integriert werden könnte.

Sollten in der Ukraine die Umsätze der agroindustriellen Produktion zusammen mit deren Export weiter steigen, wird sich auch der Beförderungsbedarf auf bis zu 600.000 Fahrten erhöhen. Aber das wird sicherlich zur Zerstörung der ukrainischen Straßen führen, sowie zu höheren Abgasemissionen. Der Dnipro wäre eine ernsthafte Alternative zum LKW- oder Bahntransport. (…) Über den Fluss könnten in der Ukraine nicht nur Getreide befördert werden, sondern auch Metall, Kohle, Baustoffe oder ganze Containerladungen.

Die Logistik des ukrainischen Transportsystems, einschließlich die der Flüsse, muss entsprechend internationalen Standards modernisiert werden. (…) Auf dem Dinpro gibt es sechs Schleusen, die repariert werden müssen, wobei für deren Modernisierung keine Unsummen benötigt werden. (…) Ein weiteres Problem ist die Versandung des Flusses. An mehreren Stellen müssen Baggerarbeiten durchgeführt werden.

Wie sollen die Projekte zur Entwicklung des Dnipro finanziert werden?

Das Ministerium für Infrastruktur der Ukraine kündigte eine Ausschreibung zur Durchführung der Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten am Dnipro an. Außerdem sind die Europäische Investitionsbank und die EBRD bereit, der Ukraine bis zu 50 Mio. Euro für die Modernisierungsarbeiten an der Flussinfrastruktur zu gewähren. (…)

Vor dem Maidan legten die Niederlande die Priorität bei der Ukraine auf die Zusammenarbeit im Energie- und Energiesparbereich. Hat sich daran etwas geändert?

Die wirtschaftlichen Bedingungen unserer Zusammenarbeit haben sich völlig geändert. Wenn man über den Gasbereich spricht, so plante der Konzern Royal Dutch Shell, nach Vorkommen zu suchen und, sofern möglich, danach Schiefergas in der Ukraine zu fördern. Aber bei dem derzeitig niedrigen Preis für traditionelles Erdöl und Gas ist die Förderung von Schiefergas unrentabel. Hinzu kommt, dass sich ein Teil des Gebiets, wo die Gasexplorationsarbeiten geplant wurden, im Donbass befindet. Aus diesen Gründen wurde das Projekt auf Eis gelegt.

Im Energiebereich arbeiten wir derzeit intensiv am Potential zur Nutzung von Biomasse. Landwirtschaftsabfälle finden in der Ukraine oftmals keine Anwendung (…). Die Niederlande finanzieren mehrere Pilotprojekte, um das technische Prinzip zur Nutzung von Biogas zu zeigen und dessen wirtschaftlichen Vorteil zu beweisen.

2013 waren über 500 Unternehmen mit ausländischem Kapital in der Ukraine registriert. Wie ist es heute?

Kein Unternehmen ist aus der Ukraine abgezogen. Manche haben während der Krise nur ihr Entwicklungstempo verringert. Laut Daten unserer Botschaft waren zum Herbst 2013 zirka 250 niederländische Unternehmen registriert. Heute sind es 350. Sie arbeiten hauptsächlich im IT- und Landwirtschaftsbereich. Zum Beispiel nahm „Galicia Greenery“ eine zweite Reihe von Gemüsetreibhäusern im Gebiet von Lwiw in Betrieb; die Gesellschaft „Zeelandia“ beschäftigt sich mit der Produktion von Konditorprodukten; und „Unilever“ eröffnete im Sommer 2015 bei Hostomel (Kiewer Gebiet) eine Abfüllanlage für Tee.

Gegnerische Experten für das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU meinen, dass unser Land für den Westen nur als Absatzmarkt für eigene, minderwertige Produkte und wegen der billigen Arbeitskräfte interessant sei… Das heißt, als Kolonie.

Die Ukraine kann man von der Wirtschaftsleistung her mit einer der 12 holländischen Provinzen vergleichen – mit Nordholland. Trotzdem hat Ihr Land Potential. (…) Und wenn man es richtig nutzt, werden davon alle profitieren. Die EU ist ganz und gar nicht daran interessiert, dass die ukrainische Wirtschaft auf dem jetzigen Niveau bleibt. Es ist nicht im Interesse Europas, Ihren Staat in eine Kolonie zu verwandeln.

In der „New York Times“ erschien ein Artikel, dass die ukrainische Wirtschaft erstmals hohe Verluste nach dem Beitritt zur Freihandelszone mit der EU erlitt. Großer Schaden entstand durch die europäischen Quoten auf importierte Produkte.

Die Bedingungen des Abkommens sehen Fristen für die Anpassung an die europäischen Standards vor. Während dieser Übergangszeit ist es wichtig, sich der neuen Möglichkeiten bewusst zu werden und die Produktion umzuorientieren. Was die Quoten betrifft, so wurden sie bereits erhöht. Aber das Problem besteht auch darin, dass die ukrainische Wirtschaft nicht diversifiziert ist und Ihr Land bisher noch nicht die Möglichkeiten vollständig nutzt, die durch die Freihandelszone gegeben sind.

Der ukrainische Export in die Niederlande ist um das zweifache geringer als der niederländische Import in die Ukraine. Haben die Holländer weniger Interesse an ukrainischen Produkten?

In diesem Fall bestimmt der Preis und die Qualität die Nachfrage. Außerdem ist es notwendig, nicht nur zu wissen, wie man qualitative Produkte herstellt, sondern auch, wie man sie verkauft. Aber wir helfen der Ukraine bei der Diversifizierung der Produkte und des Warenexports. Mit Hilfe der holländischen Regierung wurden Trainings für kleine und mittlere Unternehmen zu den Regulierungsbedingungen beim Handel mit Europa durchgeführt. (…) Wir veröffentlichten auch ein Nachschlagewerk für ukrainische Exporteure, in dem Empfehlungen für den Markteintritt in der EU aufgelistet sind. Die Botschaft veranstaltet Handelsmissionen in der Ukraine und lädt holländische Gesellschaften zur Kontaktaufnahme mit ukrainischen Geschäftskreisen ein.

Ich sehe ein enormes Potential bei der Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern.

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