Kiew
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Patriotismus ohne Nationalismus: Die Ukraine nimmt Abschied vom Philosophen Myroslaw Popowytsch

Patriotismus ohne Nationalismus: Die Ukraine nimmt Abschied vom Philosophen Myroslaw Popowytsch
Kiew, 16. Februar 2018.

Am 10. Februar 2018 ist im Alter von 88 Jahren der ukrainische Philosoph Myroslaw Popowytsch gestorben. Ein ständiges Thema in den Medien, aber auch in Experten- und Diplomaten-Kreisen ist der ukrainische Nationalismus. Oft werden in den Diskussionen die Begriffe Patriotismus und Nationalismus gleichgesetzt. Ein anderes Thema ist die Dekommunisierung. Ferner wird den Intellektuellen des Landes oft vorgeworfen, dem Präsidenten Petro Poroschenko “blind” zu folgen. Westliche Diplomaten sehen in der Ukraine die Gefahr einer fehlenden Konsolidierung der Gesellschaft. Zu all diesen Fragen boten Popowytschs Gedanken eine Alternative. Sie zeigen, dass Patriotismus nicht Nationalismus extrem rechter Färbung sein muss und dass nicht alle Intellektuellen eine radikale Dekommunisierung unterstützen. Popowytsch hat gezeigt, dass in der Ukraine durchaus das Bewusstsein besteht, die Gesellschaft einen zu müssen. Das Ukraine Crisis Media Center stellt Popowytsch vor:

Myroslaw Popowytsch wurde 1930 in Schytomyr geboren. Von 1948 bis 1953 studierte er an der Philosophischen Fakultät der Universität von Kiew und arbeitete dann als Dorflehrer und Direktor einer ländlichen Schule. 1959 promovierte er am Institut für Philosophie, wo er sein ganzes Leben lang arbeitete.

Popowytsch war Mitglied der Kommunistischen Partei, doch 1989 übernahm er die Leitung des ersten Verbandes der nationaldemokratischen Volksbewegung der Ukraine “Ruch”. Er gehörte zu den Gründern der Initiativgruppe “1. Dezember”. Geschaffen wurde die Vereinigung von Intellektuellen anlässlich des 20. Jahrestag des Unabhängigkeits-Referendums im Jahr 1991, als sich eine überwältigende Mehrheit der Menschen in der Ukraine für die Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion ausgesprochen hatten. Die Vereinigung der Intellektuellen war eine Antwort auf einen Aufruf der drei größten Kirchen: der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats, der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. Die Initiativgruppe “1. Dezember” legte eine “Deklaration der Grundprinzipien für die Einigung des ukrainischen Volkes” sowie eine “Charter des freien Menschen” vor.

Popowytsch verfasste fast 400 wissenschaftliche Arbeiten, darunter 21 Monographien. Viele davon sind in andere Sprachen übersetzt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen: “Hryhorij Skoworoda” (1984) – ein Buch über den ukrainischen Humanisten, Philosophen und Dichter des 18. Jahrhunderts; “Die Weltsicht der frühen Slawen” (1985); “Nikolai Gogol” (1989); “Die Ukraine und Europa: die Rechten und Linken” (1996); “Essays über die Kulturgeschichte der Ukraine” (1998); “Das rote Jahrhundert” (2005) und “Mensch sein” (2011).


“Das rote Jahrhundert” und der ukrainische Nationalismus

Der Titel des Buches “Das rote Jahrhundert”, so Popowytsch, bedeute nicht, dass “das letzte Jahrhundert rot war; es war bunt und endete im allgemeinen mit außerordentlicher Vielfarbigkeit”. Er habe dieses Buch geschrieben, “weil es für uns meistens rot war.” “Für mich als Autor war dieses Jahrhundert mein Leben. Ich erinnere mich an mehr als Hälfte des Jahrhunderts. Das Leben meiner Eltern begann mit ihm. Es wird Autoren geben, die besser wissen werden als ich, was zwischen dem Anfang und Ende des 20. Jahrhunderts geschah. Aber ich werde immer den Vorteil besitzen, dass ich damals gelebt habe und alles mit meinem Herzen empfand”, schrieb Popowytsch.

“Ich bin kein Nationalist”, sagte er 2015 in einem Interview. “Ich führe nicht die Linie der OUN fort, ich bin nicht Anhänger von Bandera oder Melnyk. Aber vor der Ukraine steht die Aufgabe ihrer nationalen Befreiung. Menschen verschiedener Richtung haben sich an diesem Kampf beteiligt, und das muss berücksichtigt werden, wenn man Ereignisse bewertet”, sagte er. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) wurde 1929 gegründet. Ihr Ziel war, einen vereinigten ukrainischen unabhängigen Staat zu schaffen. 1940 spaltete sich die OUN: die älteren, moderaten Mitgliedern unterstützten Andrij Melnyk, während die jüngeren und radikalen Stepan Bandera folgten.

Der ukrainische Journalist Andrij Kulikow schrieb in diesem Zusammenhang über Popowytsch: “Myroslaw Popowytsch ist ein angesehener ukrainischer Patriot. In seiner Art und Weise, wie er sprach, und in der Art, wie er die Notwendigkeit der Unabhängigkeit der Ukraine begründete, gab es keinen Extremismus, vor dem sich die Menschen beim neuen Gedanken an die Unabhängigkeit des Landes fürchteten.”


Über den Maidan und Petro Poroschenko

“Der Maidan hat nicht einfach die Regierung zu Fall gebracht. Der Studentenstreik von 1990, der sich auf die Forderung beschränkte, eine Regierung durch eine andere zu ersetzen, änderte jedoch nichts an der Substanz. Der Maidan hat hingegen die politische Struktur der Ukraine verändert. Und gerade das kann man nicht mehr verändern”, sagte Popowytsch über die Revolution der Würde auf dem Kiewer Maidan im Jahr 2013/2014.

Er hatte die Präsidentschaftskandidatur von Petro Poroschenko unterstützt. “Ich habe einen Aufruf geschrieben, damit alle so abstimmen, dass ein Sieg schon in der ersten Wahlrunde gelingt. Und ich bereue das nicht. Aber jetzt habe ich Angst, ob er mit dieser Last fertig wird. Die Last der Macht ist so schrecklich, dass sie Menschen von innen erdrückt”, sagte Popowytsch 2015.

Poroschenko erklärte nach dem Tod des Philosophen: “Für mich bedeutet das heute nicht nur der Verlust eines großen Ukrainers, einer großen Persönlichkeit des Landes. Ich kann sagen, dass Myroslaw in gewisser Weise mein Lehrer war.”


Über Russland, das Imperium und den Krieg im Donbass

“Wenn die Ukraine nach Europa zieht, dann werden ihr auch die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken folgen. Russland weiß das”, sagte Popowytsch. Er fügte hinzu, dass schon der russische Zar Nikolaus I. gesagt habe, dass er Polen gehen lassen würde, aber niemals Kleinrussland, wie die Zaren die Ukraine damals nannten. “Das würde das Ende des Imperiums bedeuten. Diese Frage ist nicht nur aktuell, sondern sie ist Kern der gesamten Putin-Politik”, so Popowytsch.

Er betonte, dass die Russen, mit denen er in den 1970er Jahren in der Küche Tee getrunken habe, seine Freunde geblieben seien. Über die Russen insgesamt sagte er: “Vielleicht verstehen sie die Bedeutung der Unabhängigkeit der Ukraine nicht, obwohl, wahrscheinlich verstehen sie das jetzt schon, weil sie Putin begriffen haben. Aber die Mehrheit der Russen ist weit davon entfernt, ihre eigene tragische Situation zu begreifen.”

“Heute vergessen wir manchmal sogar, dass der gegenwärtige Krieg ein Krieg der Prinzipien ist. Wir wissen, und es ist wahr, dass es einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine gibt: Es ist ein unerklärter Krieg, aber wir alle wissen, worum es dabei geht”, schreib Popowytsch. Es gehe nicht um einen Sprachenstreit, um die Rolle der ukrainischen und russischen Sprache, auch nicht um die Unabhängigkeit des Landes, sondern darum, eine Gesellschaft mit einem menschlichen Antlitz aufzubauen.


Über die Dekommunisierung in der Ukraine

“Die Gesetze zur Dekommunisierung sollten vorsichtig umgesetzt werden”, meinte Popowytsch. “Letztendlich gab es den Staat und wir waren loyale Bürger dieses Staates. Aber wenn man jegliche Zusammenarbeit mit diesem Staat zu Kollaboration erklärt, wozu manche bei der Interpretation der Gesetze über die Dekommunisierung neigen, dann bedeutet das, uns alle zu Kollaborateuren zu erklären und ins Gefängnis zu werfen”, so Popowytsch.

Photo: Svitlana Levchenko / The Ukrainians

“Ich war Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, aber in hohem Maße waren es die Bemühungen solcher KPdSU-Mitglieder wie ich, dass am Ende die Diktatur der kriminell-politischen kommunistischen Bande zu Fall gebracht wurde. Und das bedeutet, dass man hier keine neue Gräben graben sollte”, betonte Popowytsch.

“Derzeit wird die ehemalige Sowjetunion oft grau dargestellt, wo es nichts Positives gab”, sagte in diesem Zusammenhang die ukrainische Soziologin Iryna Bekeschkina und fügte hinzu. “Aber warum ist dann die Sowjetunion so leicht zusammengebrochen? Ja, es gab Menschen, die offen gegen das sowjetische System gekämpft haben, aber sie wurden schnell von der Gesellschaft isoliert, kamen ins Gefängnis und ihre Stimme war mehr im Ausland zu hören als in der sowjetischen Ukraine.” Doch es habe auch Menschen gegeben, so Bekeschkina, die nicht offen gegen das System gekämpften hätten, aber Tag für Tag mit ihrem Einfluss auf ihre Umgebung das verkrustete sowjetische System ins Wanken gebracht hätten.


… aus dem letzten Text des Philosophen

“Jeden Tag und jede Stunde stehen wir vor ungelösten Problemen, die einen Zusammenbruch des Staates hinauf beschwören. Im Bemühen, das Böse zu ersticken, erzeugen wir neues Böses. Vor unseren Augen läuft die Selbstzerstörung des Staates. Diese These ist heute relevant, sie war es vor einem Monat und wird es leider wahrscheinlich auch noch in einem Monat sein”, schrieb Popowytsch im Februar 2018. Ihm zufolge ist das mangelnde Vertrauen in die nationale Konsolidierung die größte Gefahr für die Ukraine.

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