Kiew
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Ukrainisch vs. Russisch: Welche Sprache muss geschützt werden?

Ukrainisch vs. Russisch: Welche Sprache muss geschützt werden?
Kiew, 17. März 2018.

Die Ukraine ist ein mehrsprachiges Land, in dem Ukrainisch, Russisch, Rumänisch, Ungarisch, Polnisch, Krimtatarisch, Bulgarisch, Gagausisch und andere Sprachen gesprochen werden. 2003 hat die Ukraine die Europäische Charta der Regionalsprachen ratifiziert und sich verpflichtet, die Regionalsprachen des Landes zu schützen. Am meisten verbreitet sind Ukrainisch und Russisch. Russisch ist die Sprache des einstigen Machtzentrums Moskau, von dem die Ukraine bis zu ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 beherrscht wurde. Und Russisch ist die Sprache des jetzigen Nachbarn Russland – seit 2014 für die Ukraine ein Aggressor-Staat. Der Streit um die ukrainische und russische Sprache war schon oft ein Instrument im politischen Kampf innerhalb der Ukraine. Wie sieht dort die Mehrsprachigkeit aus? Warum ist die Europäische Charta der Regionalsprachen nicht dazu geeignet, die russische Sprache in der Ukraine zu schützen? Was bringt ein neues Sprachengesetz? Eine Analyse des Ukraine Crisis Media Center:

Wie sieht die Mehrsprachigkeit in der Ukraine aus?

Weltweit und insbesondere in Europa gibt es viele Länder mit mehr als einer Staats- oder Amtssprache. Es gibt Staaten, in denen neben der Hauptsprache anderen Sprachen einen besonderen Status genießen. Überall nimmt aufgrund von Migrationsprozessen und der Globalisierung die Mehrsprachigkeit zu. Die Sprachen-Lage in der Ukraine kann mit der in einigen EU-Ländern verglichen werden. Aber gleichzeitig wäre es falsch, nicht die Parallelen zu sehen, die zwischen der Ukraine und postkolonialen Ländern bestehen. Die Ukraine war größtenteils über Jahrhunderte Teil des Russischen Reiches und der Sowjetunion, wodurch der russischen Sprache ein höherer Status zukam.

Sprachliche Asymmetrie. Das Fehlen einer eigenen Staatlichkeit und die russische Herrschaft haben in der Ukraine eine “sprachliche Asymmetrie” bewirkt, die bis heute besteht. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 gibt die Mehrheit der Bürger Ukrainisch als Muttersprache an. Bei der Volkszählung 2001 waren es landesweit 67,5 Prozent.

Aber man muss auch betrachten, welche Sprache genutzt wird. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit der Ukraine wurden nur 49,3 Prozent der Schüler auf Ukrainisch unterrichtet – im Jahr 2012 waren es schon 81,9 Prozent. Aber im Alltagsleben fehlt eine positive Dynamik bei der Anwendung des Ukrainischen. Heute betrachten 68 Prozent der Bürger Ukrainisch als ihre Muttersprache, mehr als 80 Prozent der Schüler und Studenten werden auf Ukrainisch unterrichtet, aber nur 50 Prozent sprechen zu Hause Ukrainisch. Nur 39 Prozent machen dies auf der Arbeit. Somit nutzen sie nicht die Sprache in ihrem Berufsleben, die sie als Muttersprache betrachten und in der sie im Bildungswesen unterrichtet wurden. Volodymyr Kulyk, Politologe und Sprachen-Experte, meint in diesem Zusammenhang: “In der Ukraine gibt es nicht mehr russische Muttersprachler als ukrainische, aber sie haben immer noch mehr Einfluss.”

Keine klaren Sprachgrenzen. Das Besondere an der Situation in der Ukraine ist auch, dass es unmöglich ist, das Gebiet einer russischen “Sprachminderheit” territorial klar zu umreißen. Russisch ist keine Sprache einer Region oder eines kompakten Siedlungsgebiet einer Minderheit.

Zum Vergleich: Die Situation in der Ukraine ist völlig anders als zum Beispiel in der Schweiz, einem Land, das aus verschiedensprachigen Kantonen besteht. Dort vermischen sich die Sprachen praktisch nicht. Wenn man innerhalb der Schweiz die Sprachgrenzen überschreitet, muss man die Sprache wechseln. In der Ukraine hingegen betrachten wenige Menschen ausschließlich Ukrainisch oder nur Russisch als “ihre eigene Sprache”. Die meisten beherrschen fließend oder ausreichend beide Sprachen.

Die Europäische Charta der Regionalsprachen und die Ukraine

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, die 1992 in Straßburg angenommen wurde, zielt darauf ab, “die historischen Regionalsprachen und Sprachen der nationalen Minderheiten in Europa zu schützen und zu entwickeln”. 2003 wurde sie von der Ukraine ratifiziert. In der Ukraine gelten die Bestimmungen der Charta für die Sprachen der folgenden nationalen Minderheiten: Belarussen, Bulgaren, Gagausen, Griechen, Juden, Krimtataren, Moldauer, Deutsche, Polen, Russen, Rumänen, Slowaken und Ungarn.

“Rotes Buch” der Sprachen. Die Charta schützt nicht nur das Recht der Bürger, die eine oder andere Sprache zu sprechen. Sie schützt auch die Sprachen selbst, um sie vor dem Verschwinden zu bewahren.

Ukraine: Schutz des Stärkeren und nicht des Schwächeren. Viele ukrainische Experten glauben, nicht die Unterzeichnung und Ratifizierung der Charta sei ein Fehler gewesen, sondern die Tatsache, dass die russische Sprache in der Ukraine auf die Liste der Minderheiten- und Regionalsprachen gesetzt worden sei. Schließlich ziele die Charta auf Minderheitensprachen ab, und auch auf solche Sprachen, die in ihrer Existenz bedroht seien. Auf die russische Sprache in der Ukraine treffe dies aber nicht zu.

Die Charta wurde nach der Ratifizierung durch das ukrainische Parlament zu einem weiteren Instrument in den Händen der politischen Kräfte, die versuchen, die Schutzmechanismen der Charta auf die russische Sprache anzuwenden, die in der Ukraine eh eine vorherrschende Stellung hat. Dies führt zu einer Diskriminierung der ukrainischen Sprache, die formal die Sprache der Mehrheit ist.

Der Sprachwissenschaftler Oleksandr Ponomariw, meint in diesem Zusammenhang: “In der Ukraine sollten anhand der Empfehlungen der Europäischen Charta nur drei Sprachen geschützt werden: Erstens Krimtatarisch, zweitens Karaimisch, das noch auf der Krim gesprochen wird, und drittens Gagausisch, dessen Vertreter im Gebiet Odessa leben.”

Was bringt das neue Sprachengesetz?

Regelungen für die Staatssprache berühren nicht das Privatleben. Der Gesetzentwurf mit der Nummer 5670 “Über die Staatssprache” soll das Ende Februar für verfassungswidrig erklärte sogenannte Kiwalow-Kolesnitschenko-Gesetz ersetzen. Das Gesetz aus dem jahr 2012, benannt nach seinen Autoren, die Abgeordnete der damaligen Regierungspartei “Partei der Regionen” waren, legte zwar fest, dass Ukrainisch Staatssprache ist, weitete aber die Verwendung von Regionalsprachen erheblich aus. So wurde eine Sprache zur Regionalsprache erklärt, wenn die Träger dieser Sprache mindestens zehn Prozent der Bevölkerung einer bestimmten Region stellen. Basierend auf Daten der Volkszählung 2001 wurde so Russisch in 13 von 27 Gebieten der Ukraine zur “Regionalsprache”. Doch neben der Krim gibt es nur zwei weitere Regionen in der Ukraine, wo mehr als 50 Prozent der Einwohner Russisch als ihre Muttersprache betrachten: Donezk und Luhansk im Osten des Landes.

Der neue Gesetzentwurf greift weder in die private Kommunikation noch in religiöse Riten ein. Doch sollen Vertreter öffentlicher Ämter, Lehrer und Beschäftigte im Gesundheitswesen verpflichtet werden, die Staatssprache Ukrainisch zu beherrschen. Das Gesetz regelt zudem die Anwendung der Staatssprache in staatlichen Organen und in öffentlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Werbung, Medien, Bildung, Wissenschaft, kulturelle Veranstaltungen, Informationen über Waren, Dienstleistung, Gesundheitsschutz, Verkehrswesen, usw.

Recht und Wirklichkeit. Oft kommt es zu Missverständnissen, wenn ausländische Beobachter Dinge nicht verstehen, die Ukrainern gut bekannt sind: nämlich, dass Gesetze nicht unbedingt auch umgesetzt werden. In einem funktionierenden Rechtsstaat genügt es, etwas im Gesetz zu verankern. In der Ukraine ist dem aber nicht immer so. Obwohl Ukrainisch seit 25 Jahren den Status einer Staatssprache besitzt, sprechen viele Politiker in der Ukraine grundsätzlich immer noch kein Ukrainisch.

Der Politologe und Sprachen-Experte Volodymyr Kulyk meint dazu, die Verwendung der ukrainischen Sprache müsste man den Beamten in ihre Anweisungen hineinschreiben: “Sie handeln eher nach Anweisungen, die ihre Arbeit regeln, und weniger nach direkten Gesetzesbestimmungen. Außerdem braucht man politischen Willen. Gesetze werden durchgesetzt, wenn jemand darauf besteht. Zum Beispiel sah das Kolesnitschenko-Gesetz für Ukrainisch den Status der Staatssprache auf dem ganzen Territorium des Landes vor und für Russisch und andere Sprachen den Status einer Regionalsprache in bestimmten Gebieten des Landes. Russisch bekam den Status einer Regionalsprache in allen östlichen und südlichen Regionen. Aber auch dieses Gesetz wurde nicht umgesetzt. Die meisten Dokumente werden nicht zweisprachig, sondern nur auf Ukrainisch verfasst. Die mündliche Kommunikation läuft dagegen nur auf Russisch, obwohl sie, wenn vom Bürger gewünscht, auch auf Ukrainisch erfolgen müsste. Somit werden weder die Rechte der ukrainischsprachigen noch die der russischsprachigen Bürger garantiert. Es läuft so, wie es den Beamten bequemer ist.”

Umsetzung des neuen Gesetzes. Daher sieht das neue Gesetz Mechanismen vor, mit denen die Umsetzung des Gesetz überwacht werden soll. Es wird einen Beauftragten für den Schutz der Staatssprache und einen Dienst von Sprach-Inspektoren geben. Sie sollen Gutachten erstellen und Kontrollen im öffentlichen Sektor und in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens durchführen, wo der Gebrauch der Staatssprache Ukrainisch bindend ist. Aber sie werden sich natürlich nicht in die private Kommunikation zwischen Bürgern einmischen. Wann das neue Sprachengesetz verabschiedet wird, ist noch unklar. Wie es dann in der Praxis funktionieren wird, wird die Zeit zeigen.

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