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WM 2018: Hat Fußball nichts mit Politik zu tun?

WM 2018: Hat Fußball nichts mit Politik zu tun?
Kiew, 15. Juni 2018.

Am 14. Juni hat in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft begonnen. Vor dem Turnier gab es Diskussionen darüber, ob man mit einem Boykott der Sportveranstaltung Russlands Verhalten in der internationalen Arena verurteilen könne. Wer hat sich letztlich für einen Boykott und in welcher Form entschieden? Einzelheiten vom Ukraine Crisis Media Center:

Hat Russland die WM verdient?

Bei einer geheimen Abstimmung im Jahr 2010 entschied die FIFA, dass Russland Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 wird. Damals sah kaum jemand in Russland eine Bedrohung. Erst recht konnte man die heftigste geopolitische Konfrontation zwischen Russland und der westlichen Welt seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht vorhersehen. Den Zuschlag für die WM betrachtet der russische Präsident Wladimir Putin als seinen Sieg.

Korruption bei der FIFA. Noch 2010 behaupteten Sportjournalisten, Experten und Insider der FIFA, Russland sei nicht auf ehrliche Art und Weise an die WM gekommen. Das FBI und die Schweizerische Bundesanwaltschaft leiteten Ermittlungen wegen Korruption bei der FIFA ein und die FIFA führte 2014 selbst Untersuchungen durch. 2015 trat Joseph Blatter als FIFA-Präsident zurück. Später bestätigte er, Russland habe den Zuschlag für die WM durch geheime Abmachungen erhalten. Doch offizielle Untersuchungen konnten dies nicht belegen. Neuer FIFA-Präsident wurde Anfang 2016 Gianni Infantino. Er gilt als Schützling des ehemaligen UEFA-Präsidenten Michel Platini, der ebenfalls wegen Finanzbetrugs entlassen wurde. Er erklärte, es gebe keinen Grund, die WM aus Russland zu verlegen.

Doping-Skandal 2017. Ein weiteres Argument für einen WM-Boykott war der Doping-Skandal mit den russischen Olympiateilnehmern 2017. Der Ex-Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, Richard Pound, sagte, Russland sei kein geeigneter Ort für eine solche Veranstaltung.

Boykott-Aufruf wegen Syrien. Im April 2017 forderte der amerikanische Senator Richard Blumenthal wegen der blutigen russischen Angriffe in Syrien die Verlegung der WM. Gerade das Vorgehen Russlands in Syrien war der Grund für den Aufruf der internationalen Menschenrechtsorganisation “Human Rights Watch”, die WM in Russland zu boykottieren.

Boykott-Aufruf wegen der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass. Die ukrainische Führung hat wiederholt einen Boykott der WM in dem Aggressor-Staat Russland gefordert. Kürzlich richtete der ukrainische Sportminister, Ihor Schdanow, einen Brief an seine Amtskollegen in 35 Ländern, deren Fußballmannschaften an der WM teilnehmen. Er rief die Länder auf, das Turnier zu boykottieren.

Wer boykottiert wie und warum die WM?

Großbritannien, Island und Australien. Für Großbritannien war nicht Russlands Vorgehen gegen die Ukraine, sondern der Fall Sergej Skripal der eigentlich Grund, die WM zu boykottieren. Für die Vergiftung des ehemaligen russischen Spions in England machen die Briten die russische Führung verantwortlich. Mitte März, mitten im Skandal, erklärte Premierministerin Theresa May vor dem Parlament, dass Regierungsvertreter und Angehörige der königlichen Familie nicht nach Russland reisen würden. Die Fußballmannschaft des Landes nimmt aber am Turnier teil. Doch die britischen Fans wurden vor einer möglichen “negativen Einstellung” gegenüber Briten in Russland gewarnt.

Eine ähnliche Position nahm Ende März die isländische Regierung ein. Auch die Mannschaft dieses Landes nimmt aber an der WM teil. Eine Woche vor dem Start des Turniers schloss sich Australien dem Boykott an, dessen Team es ebenfalls bis zur WM geschafft hat. Die australische Presse begründete die Entscheidung der Regierung, keine Vertreter nach Russland zu entsenden, nicht allein mit dem Fall Skripal, sondern auch mit dem Abschlussbericht des internationalen Ermittlungsteams zur Beteiligung Russlands am Abschuss des malaysischen Flugzeugs MH17 im Jahr 2014 über dem Donbass. Dabei wurden 38 Australier getötet.

Polen verurteilt die Politik Russlands. Auch die polnische Führung hat erklärt, sie verurteile die Innen- und Außenpolitik Russlands. Daher werde sie niemanden zur Eröffnung der der WM und zu den Spielen schicken. “Der polnische Präsident Duda plant nicht, die WM zu besuchen”, sagte der Präsidentenberater Andrzej Dera. Doch sollte die polnische Nationalmannschaft das Finale erreichen, werde er das Staatsoberhaupt bitten, doch noch hinzufahren.

Deutschland und Frankreich ignorieren, aber boykottieren nicht. Deutsche Politiker, darunter der Bundespräsident, der Außenminister, der Vizekanzler und der Finanzminister, haben ebenfalls erklärt, nicht zur WM nach Russland zu fahren. Doch einen offiziellen Boykott verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht. Was Frankreich angeht, so sagte der französische Präsident Emmanuel Macron während seines Besuchs in Russland bei einer Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, er werde zum Spiel der französischen Mannschaft kommen, sollte sie ins Halbfinale kommen. Später änderte Macron etwas seine Meinung und sagte im französischen Fernsehen, er werde nach Russland fahren, sollte die Nationalmannschaft das Viertelfinale erreichen.

Europäisches Parlament: Senzow, Krim und Menschenrechte. Bereits im April 2018 hatten 60 Europaabgeordnete in einem offenen Brief die Regierungen aller EU-Länder aufgefordert, die WM nicht zu besuchen. Am Tag, als das Turnier begann, verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, in der Russland aufgefordert wird, seine nationalen und internationalen Verpflichtungen einzuhalten und die Menschenrechte zu achten. Die Abgeordneten fordern, dass Russland umgehend und ohne zusätzliche Bedingungen den ukrainischen Filmregisseur Oleh Senzow sowie weitere rund 70 ukrainische Bürger freilässt, die als politische Häftlinge in Russland und auf der Halbinsel Krim illegal festgehalten werden. Sie verurteilen zudem die Verletzung des Völkerrechts durch Russland auf der besetzten Krim, insbesondere die Anwendung der russischen Gesetze, die starke Militarisierung der Halbinsel sowie massive und systematische Menschenrechtsverletzungen.

Ukraine: “Fußball mit Blut befleckt”

Für die Ukraine ist mehr als für jedes andere Land klar: Die Durchführung der Fußball-WM in Russland ist völlig inakzeptabel. Durch die russische Aggression gegen die Ukraine wurden über 10.000 Menschen getötet. Es gibt mehr als anderthalb Millionen Binnenflüchtlinge. Die ukrainische Halbinsel Krim ist von Russland annektiert und ein Teil des Donbass besetzt. Hinzu kommen die ukrainischen politischen Häftlinge in russischen Gefängnissen. Gründe für einen Boykott gibt es mehr als genug. Deshalb haben die ukrainischen Behörden die Bürger aufgefordert, nicht zur WM nach Russland zu fahren. Der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Andrij Parubij, betonte: “Ich warne die Ukrainer vor Reisen nach Putins Russland, weil die Gefahr besteht, von russischen Terroristen in Gefangenschaft genommen zu werden. Putins Reservoir von Gefangenen für einen Austausch sollte nicht erhöht werden.” Nach Angaben der UEFA haben etwa 6000 Bürger der Ukraine Tickets für Spiele gekauft.

Übertragung auf nur einem Kanal. In der Ukraine werden die Spiele der Fußball-WM nur vom TV-Sender “Inter” gezeigt. Der Kanal wurde wiederholt wegen seiner prorussischen Haltung kritisiert. Alle anderen Stationen, darunter der Spartensender “Futbol”, haben es abgelehnt, die WM-Spiele auszustrahlen.

Alternative WM-Poster. Der ukrainische Künstler Andrij Jermolenko hat eine Reihe von alternativen Plakaten für die WM erstellt. “Ich liebe Fußball, aber ich werde mir die WM nicht ansehen. Das rate ich auch allen, um ehrlich zu sein. Denn man kann sich eine Veranstaltung, die mit Blut befleckt ist, nicht in aller Ruhe anschauen, auch nicht wenn es ein gutes Konzert oder eine schöne Show ist. In den letzten Jahren hat sich Russland als Terrorist erwiesen, der sich an keine internationale Doktrin hält. Angefangen bei chemischen Waffen bis hin zu Einmischungen bei Wahlen in anderen Ländern. Es ist schrecklich! Das will ich mit meinen Plakaten zum Ausdruck bringen”, sagte der Künstler.

Andrij Jermolenko

 

Die Ukraine macht sich keine Illusionen über das Putin-Regime. Aber noch weniger als die Europäer glauben die Ukrainer, dass Fußball “nichts mit Politik zu tun hat”. Schließlich treten die Mannschaften unter den Flaggen ihrer Länder an. Und vier Jahre hybrider Krieg haben bewiesen: Der Kreml nutzt für sich alles aus, was er bekommen kann. Wie Kultur kann auch der Sport als effektive Soft Power dienen.

 

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