Some Men Must Die: Ein Performance-Film über den Krieg im Donbass

Some Men Must Die: Ein Performance-Film über den Krieg im Donbass
02. November 2018.

Beim ukrainischen GogolFest fand vor drei Jahren die Premiere von “Some Men Must Die” statt. Es ist eine Tanzperformance im Genre des Physical Theatre des Schweizer Regisseurs Thomas Mettler über den Krieg im Osten der Ukraine. Im Frühjahr 2019 soll ein gleichnamiger Films erscheinen. Wie ist der Schweizer Künstlers auf die Ukraine aufmerksam geworden und wie wurde die Performance zu einem Film? Warum handelt das Stück trotz seines Namens nicht vom Tod, sondern von Hoffnung? Das Ukraine Crisis Media Center hat mit Thomas Mettler und seinem Team, der Choreografin und Produzentin Olha Kebas, der Filmemacherin und Dichterin Ljuba Jakymtschuk, der Schriftstellerin und Journalistin Olena Sadoroschna und dem Kameramann Pawlo Bojko gesprochen.

Was ist Physical Theatre?

Thomas Mettler, Regisseur: “Natürlich kann ich nur für mich sprechen, weil viele Menschen in Europa den Begriff ‘Physical Theatre’ verwenden. Manche bezeichnen so Pantomime oder Akrobatik und sagen, das sei ‘Physical Theatre’, weil es mit dem Körper zu tun hat. Die Art und Weise, wie ich den Begriff benutze, wurde von zwei Theatergruppen geprägt, die vor 35 bis 40 Jahren in London und in Montreal das gleiche Wort, ‘Physical Theatre’, verwendeten. Was sie gemeinsam hatten, war, dass sie die sozialen Normen der Zeit attackiert haben. Sie sprachen Dinge an, die normalerweise nicht auf der Bühne zu sehen waren, wie Nacktheit und Sexualität. Zu jener Zeit gab es nur schönen Tanz. Für mich ist das eine Mischung aus Tanz und Theater, bei der wir nicht allein über die Schönheit des Körpers, sondern allein über schönen Text sprechen. Es muss einen Moment geben, in dem das Publikum mit der Wahrheit erschlagen wird, die es vielleicht nicht hören möchte. Und man attackiert nicht nur an, sondern man verführt. Man kann das Publikum mit einer lustigen Szene zum Lachen bringen. Aber auch viel Absurdes, schwarzen Humor und wirklich attackierende Dinge zeigen, über die man nicht sprechen würde. Für jemanden, der das zum ersten Mal sieht, ist das viel. Es ist emotional, es ist zärtlich, es ist gewalttätig, es ist gewagt, es beinhaltet Tanz und Text.”

Wie ist das Team entstanden?

Olena Sadoroschna, Journalistin: “Ich habe das Projekt 2015 beim GogolFest kennengelernt. Damals gehörte ich zu den Freiwilligen, die an die Front fuhren. Ich war von der Performance zutiefst beeindruckt. Ich entschied ich mich, darüber eine Kolumne in meinem eigenen Blog zu schreiben. Nach einigen Monaten hat eine Freundin, die für das Projekt als Übersetzerin tätig ist und Reaktionen sammelt, meine Kolumne für Thomas übersetzt. Danach schrieb er mir einen langen Brief mit dem Vorschlag, sich zu treffen und zu unterhalten. Zu der Zeit ging es schon darum, aus der Performance einen Film zu machen. Thomas lud mich ein, an dem Projekt teilzunehmen.”

Olha Kebas, Choreografin und Produzentin: “Ich war mehrere Jahre Kuratorin eines der Programme beim GogolFest. 2015 wollte ich dem ukrainischen Publikum das Physical Theatre vorstellen und fing an, nach interessanten Theatergruppen zu suchen, die man einladen könnte. So bin ich auf die Videos von Thomas gestoßen und lud ihn ein, nach Kiew zu kommen – für eine Performance beim GogolFest. Das Publikum war begeistert. Auf der Grundlage dieser Performance wurde ein Filmskript erstellt.”

Ljuba Jakymtschuk, Schriftstellerin: “Thomas hat mich über Poesie gefunden. Während einer Meisterklasse von Thomas in der Stadt Dnipro hatte eine Teilnehmerin Gedichte aus meiner Sammlung ‘Aprikosen des Donbass’ vorgelesen. Thomas versteht kein Ukrainisch und wusste nicht, worum es ging. Doch er sah die Reaktion der Menschen und interessierte sich für das Buch. So kam es, dass die Texte in dem Projekt meine Texte sind. Einige davon habe ich eigens für das Projekt geschrieben.”

Wie kam es dazu, aus der Performance einen Film zu machen?

Thomas Mettler, Regisseur:“Ich arbeite seit 12 Jahren mit meiner lieben Frau zusammen. Ich sprach mit ihr über dieses starke Projekt, das wir beim GogolFest hatten. Wir hätten ein Jahr später auch bei einem anderen Festival auftreten können. Aber für die meisten Leute ist es zu teuer, zu touren. Es ist fast unmöglich, wenn man keine Produktionsfirma hinter sich hat. Es war auch unmöglich, das Stück in die Schweiz zu bringen. Einige Tänzer sind Solisten des modernen Kiewer Balletts. Jetzt beginnen sie wieder zu proben. In einem Moment sagte meine Frau, ich sollte einen Film aus diesem Stück machen. Zuerst dachte ich, das würde nicht funktionieren, aber nach ein paar Monaten wurde mir klar, dass ich es versuchen könnte. Manchmal kann man nicht erklären, wohin es geht und wie es geht, aber dann fängt man an, hier und dort Bilder an die Wände zu malen. Nach drei Monaten war klar, dass es möglich ist.”

Was unterscheidet den Film von der Performance?

Thomas Mettler, Regisseur:In einem Theater braucht man keine durchgehende Geschichte. In einem Film braucht man mindestens ein oder zwei oder drei Personen, die sich im Film verwandeln. Am Anfang mögen sie sehr glücklich und am Ende sehr traurig sein. Es war die größte Transformation, Charaktere hinzuzufügen, die in diesem Film eine Geschichte haben. Da ist dieser ukrainische Regisseur eines Theaters, der nicht im Krieg war, aber der Ehemann seiner Tochter ist im Krieg. Er denkt darüber nach, was er daraus machen kann, vielleicht ein Tanzstück über Krieg, Hoffnung und Traurigkeit.

Natalia Chomenko, eine Sängerin für Volksgesang, war auf der Bühne und berührte die Herzen aller. Es gibt Momente mit sehr emotionalen Lieder, wie ein Schlaflied für Tote. Diese Figur ist im Film sehr wichtig. Um ihr eine stärkere Position zu geben, suchte ich nach einer Transformation zwischen einer im Film gezeigten Flüchtlingsfrau und dieser ukrainischen Seelenmutter, die in authentischen Kostümen erscheint und singt. Sie ist wie eine weinende Seelenmutter, die hofft und betet, aber sie wandelt sich. Und die Militärs, einer ist ein Offizier und einer ist Soldat, auch sie verändern sich. Einer fällt von einer glücklichen Ehe in Verzweiflung, ein anderer wird hingegen stärker. Alle diese Charaktere entwickeln sich auf unterschiedliche Weise.

Der Film spielt mit vielen Emotionen, aber es ist ein Film über Hoffnung. Für mich war es das Wichtigste, wie man in einer Situation Hoffnung findet, in der viele Menschen die Hoffnung verlieren. In einem Interview – da war eine Journalistin, eine wunderschöne Frau, und ein Mann hinter einer Kamera – wurde ich gefragt, warum ich aus der Schweiz gekommen bin, um Filme über den Krieg zu drehen. Ich sagte, der Film würde nicht vom Tod handeln, er enthalte viel Hoffnung. Ich bin mir sicher, dass sich während des Maidans Menschen verliebt haben, Kinder geboren wurden und es auch Hoffnung gab. Am Ende des Interviews sagte mir die Journalistin: ‘Wissen Sie, dieser Mann und ich, wir haben uns beim Maidan kennengelernt und jetzt sind wir ein Paar und erwarten ein Kind.’ Das ist eine der schönsten Geschichten, die ich in einem Interview in der Schweiz erzählen kann. Es gibt immer Liebe und Hoffnung, selbst in den schlimmsten Zeiten.

Was sind die technischen Besonderheiten des Films?

Pawlo Bojko, Kameramann: Sehr viele Sequenzen basieren auf dem Stanislawski-System, wo ein Bild vier Minuten lang dauern kann. Zum Beispiel sitzt eine Person einfach im Auto, schaut aus dem Fenster und fährt. Mit dieser Technik soll der Betrachter zum Nachdenken angeregt werden. Einer der schwierigen Szenen ist die letzte – wo wir uns von der Flussmitte wegbewegen und ans Ufer kommen und das Ganze mit dem Gesicht des Helden endet. Diese Szene dauert zweieinhalb Minuten. Es war sehr schwierig, das Boot so zu verlassen, damit es nicht auffällt. Ein weiterer interessanter technischer Punkt ist, wie der Text im Film klingt. Vor dem Dreh haben wir Ljubas Gedichte laut vorgelesen. Dem Rhythmus der ukrainischen Sprache folgend wollten wir festlegen, wie lange die Szene im Film dauern soll. Es hängt vom Tempo des Textes ab, ob die Szene lang oder kurz ist.

Wann erscheint der Film?

Thomas Mettler, Regisseur: Wir werden im Frühjahr fertig sein und dann werde ich darüber nachdenken, wo wir ihn zeigen können. Ich versuche Verleiher zu finden, beim Filmfestival in der Nähe meiner Heimatstadt in der Schweiz. Mir wäre sehr wichtig, dass dieser Film in verschiedenen Ländern gezeigt wird. Die Medien in Deutschland, Großbritannien und Frankreich erwähnen nur noch sehr selten, dass in der Ukraine immer noch Krieg herrscht. Ich wünsche mir, dass darüber mehr gesprochen wird. Auch wünsche ich mir, dass mehr über den ukrainischen Regisseur Oleh Senzow gesprochen wird, der in Russland im Gefängnis sitzt. Ich komme aus einem Land, wo man auf die Straße gehen und mit lauter Stimme rufen kann, dass “unsere Regierung Dummköpfe sind” oder so ähnlich. In vielen anderen Ländern ist dies aber nicht möglich. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass eine Person, die Filme gedreht hat, als ‘Extremist’ im Gefängnis landet. Es ist inakzeptabel, dass man in unserer Zeit nicht sagen darf, was man denkt.”

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