{"id":129511,"date":"2020-11-06T20:09:29","date_gmt":"2020-11-06T18:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/uacrisis.org\/italian-court-acquits-markiv"},"modified":"2020-11-06T20:18:56","modified_gmt":"2020-11-06T18:18:56","slug":"italian-court-acquits-markiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/italian-court-acquits-markiv","title":{"rendered":"&#8220;Ein Sieg der Gerechtigkeit&#8221;: Gericht in Italien spricht ukrainischen Nationalgardisten Witalij Markiw frei"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Mit Spannung wurde diese Woche eine Entscheidung des Berufungsgerichts\nin Mailand im Fall des ukrainischen Nationalgardisten Witalij Markiw erwartet.\nMarkiw hat die ukrainische und italienische Staatsb\u00fcrgerschaft. Im Juli 2019\nverurteilte ihn ein Geschworenengericht in der italienischen Stadt Pavia zu 24\nJahren Gef\u00e4ngnis. Er wurde f\u00fcr den Tod des italienischen Journalisten Andrea\nRocchelli und dessen russischen \u00dcbersetzers, des Menschenrechtsaktivisten\nAndrej Mironow, im Donbass verantwortlich gemacht. Doch nun stellte das\nBerufungsgericht in Mailand am 3. November 2020 fest, dass Markiw unschuldig\nist. Er wurde sofort aus der Haft entlassen und kehrte schon am n\u00e4chsten Tag in\ndie Ukraine zur\u00fcck. Welche Bedeutung hat der Fall f\u00fcr die Ukraine?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Witalij Marikw (geb.\n1989) zog 2003 mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Italien, wo er eine\ntechnische Hochschule absolvierte und die italienische Staatsb\u00fcrgerschaft\nerhielt. Er arbeitete als DJ. Im Dezember 2013, w\u00e4hrend des Euromaidan, kehrte\ner in die Ukraine zur\u00fcck und nahm aktiv an den Protesten teil. Er schloss sich\nals Freiwilliger dem Kultschyzkyj-Bataillon der Nationalgarde an. Im Fr\u00fchjahr\nund Sommer 2014 k\u00e4mpfte er in der N\u00e4he von Slowjansk. Es war die Teilnahme an\nden K\u00e4mpfen, die die italienische Justiz veranlasste, Markiw zu verhaften. Er\nwurde beschuldigt, den italienischen Journalisten Andrea Rocchelli get\u00f6tet zu\nhaben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wurde Markiw vorgeworfen und warum?<\/strong>\nMarkiw wurde am 30. Juni 2017 in Bologna festgenommen. Seitdem befand er sich\nin Untersuchungshaft. Die Anklage beruhte auf Aussagen zweier Zeugen: des\nfranz\u00f6sischen Fotografen William Roguelon, der jenen Beschuss \u00fcberlebte, und\nder freiberuflichen Journalistin Ilaria Morani, deren Artikel in der\nitalienischen Zeitung &#8220;Corriere della Sera&#8221; zur Verhaftung von\nWitalij Markiw f\u00fchrte. Es gab jedoch viele Gr\u00fcnde, an deren Zuverl\u00e4ssigkeit zu\nzweifeln: Roguelon \u00e4nderte seine Aussagen mehrmals, und Morani konnte vor\nGericht nicht beweisen, dass ein Gespr\u00e4ch mit Markiw, das ein angebliches\n&#8220;Gest\u00e4ndnis&#8221; enthielt, wie sie es in ihrem Artikel darlegte,\n\u00fcberhaupt stattgefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Anklageschrift\nhie\u00df es, Witalij Markiw habe als &#8220;Kommandeur&#8221; der Nationalgarde am\n24. Mai 2014 an 30 M\u00f6rserangriffen im Donbass am Fu\u00dfe des Berges Karatschun\nteilgenommen, wo sich die Journalisten aufhielten. Laut Staatsanwaltschaft soll\nMarkiw Angaben zu deren Aufenthaltsort an das ukrainische Milit\u00e4r weitergegeben\nhaben, das dann angeblich M\u00f6rser auf sie abgefeuert habe. Dabei seien Andrea\nRocchelli und Andrej Mironow get\u00f6tet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Opfer wurden vor\nGericht von der Familie des Journalisten Rocchelli, dem Gewerkschaftsverband\nder italienischen Presse (FNSI), dem Regionalverband der Journalisten der\nLombardei (ALG) und der von Rocchelli gegr\u00fcndeten Organisation &#8220;Cesura\nLab&#8221; vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Markiw selbst bestritt\nnicht, dass er am 25. Mai 2014, dem Tag des Todes der Journalisten, als Teil\nseines Bataillons der Nationalgarde auf dem Berg Karatschun war. Dutzende von\nFotos, die dort aufgenommen wurden, wurden in Markiws Tablet gefunden, das\nw\u00e4hrend seiner Verhaftung beschlagnahmt wurde. Der italienischen\nStaatsanwaltschaft zufolge sollen einige davon Markiws st\u00e4ndige Kampfposition\nwiedergegeben haben. Der Ort, so die Ermittler, an dem die Journalisten unter\nBeschuss geraten seien, sei von dort aus zu sehen. Zun\u00e4chst berichtete die\nPresse, Markiw sei beschuldigt worden, er und seine Einheit der Nationalgarde\nh\u00e4tten dort mit M\u00f6rsern geschossen. Sp\u00e4ter, als die Nationalgarde den Nachweis\nerbrachte, dass zu jenem Zeitpunkt keine M\u00f6rser im Einsatz gewesen waren, wurde\nder Verlauf der Ereignisse pr\u00e4zisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gerichtsurteil\nbesagte, dass Markiw, der seinen Sektor am Fu\u00dfe des Berges Karatschun\nbeobachten sollte, die unbewaffneten Reporter gesehen und das Feuer mit einem\nMaschinengewehr er\u00f6ffnete habe. Dann habe er das M\u00f6rserfeuer einer Einheit der\nukrainischen Streitkr\u00e4fte korrigiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der russischen Propaganda beim Urteil gegen Markiw. <\/strong>Die\nukrainische Journalistin Olha Tokarjuk, die seit vielen Jahren den Fall Markiw\nbeobachtet und an einem Film \u00fcber ihn beteiligt war, glaubt, dass die russische\nPropaganda beim Urteil im Fall Markiw eine Rolle gespielt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Passagen des\nUntersuchungsmaterials sind offenbar direkt von der russischen Propaganda\n\u00fcbernommen worden: Markiw wurde als &#8220;Rebelle illegaler Verb\u00e4nde&#8221;\nbezeichnet, die ukrainische Armee als chaotisch und inkompetent dargestellt und\ndie Ukraine beschuldigt, bei der Aufkl\u00e4rung von Rocchellis Tod nicht\nkooperieren zu wollen. Diese Vorw\u00fcrfe sind teilweise gerechtfertigt, denn der\nUkraine gelang es 2014 und 2015 nicht, die Umst\u00e4nde schnell und gr\u00fcndlich zu\nuntersuchen. Erst nach der Festnahme von Markiw schlug Kiew gemeinsame\nErmittlungen vor, was dann von Italien aber ignoriert wurde. Die italienischen\nStaatsanw\u00e4lte pr\u00e4sentierten ferner Artikel von russischen Propaganda- und\nSeparatisten-Websites als Beweismittel vor Gericht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus war die\nBerichterstattung \u00fcber den Fall in den italienischen Medien einseitig. In\nvielen F\u00e4llen pr\u00e4sentierten die Medien nur die Position der Staatsanwaltschaft.\nDies f\u00fchrte in der italienischen \u00d6ffentlichkeit dazu, Ukrainer als gef\u00e4hrliche\nRechtsradikale und Markiw als gnadenlosen M\u00f6rder zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der N\u00e4hrboden f\u00fcr diese\nManipulationen war von der russischen Propaganda vorbereitet worden. Seit 2014\nwurden ihre Thesen \u00fcber einen &#8220;B\u00fcrgerkrieg&#8221; im Donbass, die &#8220;von\nNazis angef\u00fchrte&#8221; Ukraine und den &#8220;Staatsstreich&#8221; auf der Maidan\nvon den italienischen Medien breit \u00fcbernommen. Dieses verzerrte Bild der\nRealit\u00e4t hatte offenbar Einfluss auf die Entscheidung der Geschworenen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was waren die Argumente der Verteidigung?<\/strong>\nMarkiws Verteidigung bestand darauf, dass die Vorw\u00fcrfe absurd sind und es keine\nwirklichen Beweise gibt. Doch das unerwartet harte Urteil im Herbst 2019\nveranlasste den ukrainischen Innenminister Arsen Awakow, sich dem Fall\nanzunehmen. Gerade er ist f\u00fcr die Nationalgarde zust\u00e4ndig, in der Markiw\ndiente. Markiws Verteidigung und die F\u00fchrung des ukrainischen Innenministeriums\nbelegten, dass die Nationalgarde im Mai 2014 nur leichte Waffen besa\u00df und\nMarkiw keine M\u00f6rser &#8220;befehlen&#8221; konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ukrainische Ermittler\nf\u00fchrten zudem Dutzende Verh\u00f6re und Untersuchungen durch. Im August dieses\nJahres erkl\u00e4rte Awakow schlie\u00dflich, die ukrainischen Beh\u00f6rden h\u00e4tten genug\nBeweise daf\u00fcr, dass Markiw unschuldig ist. Dank den Vernehmungen von Soldaten\nder Nationalgarde, die zusammen mit Markiw dienten, konnte nach Angaben der\nPolizei die genaue Position bestimmt werden, an der der Angeklagte damals im\nEinsatz war. Und das war 1760 Meter von dem Ort entfernt, an dem die\nJournalisten starben. Demnach war es unm\u00f6glich, gezielte Sch\u00fcsse mit einem\nKalaschnikow-Gewehr abzugeben, \u00fcber das Markiw verf\u00fcgte. Au\u00dferdem war der\nAufenthaltsort der Journalisten, eine Schlucht, von dort nicht einsehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut der ukrainischen\nPolizei wurde ein junger Mann ausfindig gemacht, der wahrscheinlich mit den\nJournalisten und einem \u00f6rtlichen Taxifahrer in jene Schlucht gesprungen sei.\nDer Taxifahrer berichtete, die ersten Sch\u00fcsse am 24. Mai 2014 seien nicht vom\nBerg Karatschun aus abgefeuert worden, sondern von der Fabrik &#8220;Sews&#8221;\naus, die sich unter der Kontrolle der prorussischen Separatisten befand. Auch\nf\u00fchrten die Ermittler eine Untersuchung der Tonaufnahmen eines Videos durch,\ndas Rocchelli wenige Minuten vor seinem Tod in der Schlucht aufgenommen hatte.\nDabei wurde festgestellt, dass auf die Journalisten nicht aus einer Entfernung\nvon anderthalb Kilometern geschossen wurde, wo die ukrainischen Kr\u00e4fte waren,\nsondern aus einer Entfernung von 200 bis 300 Metern, also aus der Entfernung\njener Fabrik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freispruch, Freilassung und R\u00fcckkehr in die Ukraine.<\/strong>\nDie Berufung wurde in Mailand verhandelt und das dortige Gericht sprach den\nNationalgardisten am 3. November 2020 vollst\u00e4ndig frei. Am 4. November kehrte\nMarkiw in die Ukraine zur\u00fcck. Nach seiner Freilassung sagte er, dieser Tag sei\nf\u00fcr ihn der wichtigste Sieg gegen die Gemeinheiten der Propaganda, mit der\nnicht nur die Integrit\u00e4t, W\u00fcrde und Ehre der Ukraine, sondern auch des ganzen\nukrainischen Volkes besudelt werden solle.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ich kann es kaum\nglauben. Ich war auf das Schlimmste gefasst, aber habe auf das Beste gehofft.\nIch hatte nur einen Wunsch und die Hoffnung, dass das italienische Gericht das\nRecht wirklich verteidigen wird&#8221;, sagte Witalij Markiw nach seiner\nFreilassung gegen\u00fcber &#8220;Radio Liberty&#8221;. Er dankte allen, die ihn\nw\u00e4hrend der Haft unterst\u00fctzt haben, und betonte, den Italienern nicht b\u00f6se zu\nsein, da nicht alle mit dem Urteil gegen ihn einverstanden gewesen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch habe seine Haltung\ngegen\u00fcber Journalisten nicht gelitten, obwohl sein Fall gerade von Medien\nhochgespielt worden war. &#8220;Ich nenne grunds\u00e4tzlich nicht den Namen der\nPerson, die jenen Artikel \u00fcber mich geschrieben hat. Aber es gibt Beispiele f\u00fcr\nukrainische und ausl\u00e4ndische Journalisten, die die Wahrheit geschrieben\nhaben&#8221;, so der Nationalgardist.<\/p>\n\n\n\n<p>Markiw f\u00fcgte hinzu, er\nwolle seine Milit\u00e4rkarriere fortsetzen und sehe seine Zukunft in der Ukraine.\n&#8220;Ich habe mir vorgenommen, mich f\u00fcr die Helden einzusetzen, die f\u00fcr die\nUnabh\u00e4ngigkeit des Landes ihr Leben gelassen haben, und f\u00fcr diejenigen, die\njetzt f\u00fcr sie k\u00e4mpfen&#8221;, sagte er. <\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen mit seinen\nAnw\u00e4lten will er nun eine Entsch\u00e4digung von denen erreichen, die f\u00fcr drei Jahre\nHaft verantwortlich sind und &#8220;nicht nur die Nationalgarde, sondern die\ngesamte Ukraine besudeln wollten&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Spannung wurde diese Woche eine Entscheidung des Berufungsgerichts in Mailand im Fall des ukrainischen Nationalgardisten Witalij Markiw erwartet. 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