{"id":135336,"date":"2021-02-19T20:01:39","date_gmt":"2021-02-19T18:01:39","guid":{"rendered":"https:\/\/uacrisis.org\/seven-years-maidan"},"modified":"2021-02-19T20:04:19","modified_gmt":"2021-02-19T18:04:19","slug":"seven-years-maidan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/seven-years-maidan","title":{"rendered":"Sieben Jahre nach den Sch\u00fcssen auf dem Maidan: Wie steht es heute um das Wissen und Gedenken?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Zwischen dem 18. und 20. Februar 2014 erreichten die langen Proteste auf dem Kiewer Unabh\u00e4ngigkeitsplatz, dem Maidan, ihren H\u00f6hepunkt. An jenen Tagen verloren zahlreiche Demonstranten durch Sch\u00fcsse von Spezialeinheiten ihr Leben und die Opfer werden als &#8220;Himmlische Hundertschaft&#8221; bezeichnet. Der damalige Pr\u00e4sident Viktor Janukowytsch floh nach Russland und die &#8220;Euromaidan&#8221;-Bewegung, die sich f\u00fcr das von der damaligen ukrainischen F\u00fchrung abgesagte EU-Ukraine-Assoziierungsabkommen einsetzte, \u00e4nderte den Lauf der Geschichte des Landes. Heute behauptet der jetzige Generalstaatsanwalt der Ukraine, die Untersuchungen jener Ereignisse, auch als Revolution der W\u00fcrde bekannt, seien im letzten Jahr intensiviert worden. Und das ukrainische Parlament erkl\u00e4rte vor kurzem, jene Ereignisse seien entscheidend beim Aufbau des Staates. Doch die jungen Ukrainer wissen immer weniger \u00fcber jene Ereignisse. Einzelheiten vom Ukraine Crisis Media Center:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Parlament: Revolution der W\u00fcrde historisches Ereignis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Revolution der W\u00fcrde sei eines der Schl\u00fcsselelemente des Aufbaus der ukrainischen Staatlichkeit, erkl\u00e4rte das ukrainische Parlament am Vorabend des Jahrestages der Sch\u00fcsse auf dem Maidan. 295 Abgeordnete aus allen Fraktionen des Parlaments, mit Ausnahme der prorussischen Partei &#8220;Oppositions-Plattform &#8211; F\u00fcrs Leben&#8221; stimmten f\u00fcr den Entschluss.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;In dieser Entschlie\u00dfung geht es in erster Linie um Gerechtigkeit&#8221;, betonte im Plenum Oleksandra Ustinowa von der Partei &#8220;Holos&#8221; (Stimme) und f\u00fcgte hinzu: &#8220;Selbst der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte hat den Maidan und die Revolution der W\u00fcrde als historisches Ereignis anerkannt und eine rechtliche Bewertung dieser Ereignisse vorgenommen. Und das ukrainische Parlament hat dies in sieben Jahren nicht geschafft. Also k\u00f6nnen wir heute diesen historischen Schritt unternehmen. Wir als Parlamentarier k\u00f6nnen sagen: Wir verurteilen das Vorgehen einiger Angeh\u00f6riger der Berkut-Einheit und der Polizei, die Menschen get\u00f6tet haben. Wir fordern, dass dies zu einem logischen Abschluss gebracht wird und vor Gericht anerkannt wird, dass diese Menschen, aber auch die damalige Staatsf\u00fchrung, gesetzwidrig gehandelt haben.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Untersuchungen d\u00fcrfen sich nicht weiter verz\u00f6gern.<\/strong>&nbsp;Die Erkl\u00e4rung des Parlaments erkennt nicht nur die Revolution der W\u00fcrde als historisches Ereignis und als eines der Schl\u00fcsselelemente des Aufbaus der ukrainischen Staatlichkeit an, sondern betont auch, dass es unzul\u00e4ssig sei, die Untersuchungen zu den Ereignissen auf dem Maidan weiter hinauszuz\u00f6gern. Unterstrichen wird zudem, dass das Gedenken an die Helden der &#8220;Himmlischen Hundertschaft&#8221; gro\u00dfe Bedeutung hat. Verurteilt wird das illegale Vorgehen einzelner Beamter w\u00e4hrend der Revolution der W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Reaktion der Familien der &#8220;Himmlischen Hundertschaft&#8221;.<\/strong>&nbsp;Die Familien der Helden begr\u00fc\u00dfen die Erkl\u00e4rung des Parlaments. Wolodymyr Holodnjuk, Vater eines der Opfer, meint allerdings, es sei noch zu fr\u00fch, sich \u00fcber einen Erfolg zu freuen. Ihm zufolge ist es mehr als einmal vorgekommen, dass die scheinbar korrekten Schritte der Staatsmacht seitens kontrollierter Gerichte wieder nivelliert wurden. Holodnjuk misstraut der Bereitschaft der Beh\u00f6rden, diejenigen bestrafen zu wollen, die f\u00fcr die Sch\u00fcsse w\u00e4hrend des Euromaidan verantwortlich sind. Der Pr\u00e4sident habe Berkut-Angeh\u00f6rige laufen lassen, deren Schuld bewiesen worden sei und gegen die im vergangenen Sommer Urteile verk\u00fcndet werden sollten. Darunter seien auch die M\u00f6rder seines 19-j\u00e4hrigen Sohnes Ustym gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leiter der NGO &#8220;Familien der Helden der Himmlischen Hundertschaft&#8221;, Jurij Aksenin, hingegen meint, die vom Parlament verabschiedete Erkl\u00e4rung sei eindeutig ein Erfolg. Ihm zufolge &#8220;wird sie den feindlichen prorussischen Kr\u00e4ften in der Ukraine Spekulationen rund um dieses Thema unm\u00f6glich machen, die die Revolution der W\u00fcrde als Staatsstreich bezeichnen&#8221;. Aksenin betonte: &#8220;Wir werden uns auf diesen Beschluss des Parlaments st\u00fctzen und ihnen nicht l\u00e4nger erlauben, L\u00fcgen zu verbreiten.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist mit den Untersuchungen der Maidan-F\u00e4lle?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorfeld des siebten Jahrestages der tragischen Ereignisse auf dem Maidan demonstrierten die Ermittler und Strafverfolgungsbeh\u00f6rden gr\u00f6\u00dfere Aktivit\u00e4t. Das Staatliche Ermittlungsb\u00fcro reichte die erste Anklage vor Gericht auf Grundlage von Ergebnissen einer Untersuchung in Abwesenheit ein. Unterdessen behauptet die Generalstaatsanwaltschaft, 2020 dreimal besser als im Vorjahr dazu beigetragen zu haben, dass Tatverdacht in den Maidan-F\u00e4lle erhoben werden konnte. Doch die Opfer und Anw\u00e4lte beklagen weiterhin, dass die Ermittlungen und Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit den Protesten 2013-2014 nur schleppend laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei daran erinnert, dass durch Gesetzes\u00e4nderungen die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungsfunktionen verloren hatte. Infolgedessen wurde die Untersuchung der Maidan-F\u00e4lle im Jahr 2020 an das Staatliche Ermittlungsb\u00fcro \u00fcbergeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was die Generalstaatsanwaltschaft und das Staatliche Ermittlungsb\u00fcro berichten.<\/strong>&nbsp;Wenige Tage vor dem siebten Jahrestag der Sch\u00fcsse auf dem Maidan reichten Mitarbeiter des Staatlichen Ermittlungsb\u00fcro unter der Verfahrensleitung von Staatsanw\u00e4lten der Generalstaatsanwaltschaft die erste Anklage in einem der Maidan-F\u00e4lle beim Gericht ein, als Ergebnis in Abwesenheit durchgef\u00fchrter vorgerichtlicher Untersuchungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Personen, nach denen international gefahndet wird, werden beschuldigt, an einer kriminellen Vereinigung beteiligt gewesen zu sein. Sie sollen am 21. Januar 2014 die beiden Teilnehmer der Revolution der W\u00fcrde, Ihor Luzenko und Jurij Werbyzkyj, gefoltert und Werbyzkyj dann vors\u00e4tzlich get\u00f6tet haben. Zudem sollen sie Demonstrationen illegal behindert haben. Zuvor waren zwei weitere Verd\u00e4chtige festgenommen worden, die sich derzeit in Haft befinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus gehen die Ermittler davon aus, auch den Kreis von Personen identifiziert zu haben, die an den Morden an den Maidan-Teilnehmern Serhij Nigojan, Mychajlo Schysnewslyj und Roman Senyk (Januar 2014), beteiligt gewesen sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ukrainische Generalstaatsanw\u00e4ltin Iryna Wenediktowa erkl\u00e4rte, dass im Jahr 2020 unter der Verfahrensleitung ihrer Staatsanw\u00e4lte in den Maidan-F\u00e4llen Tatverdacht gegen 42 Personen erhoben wurden, was dreimal mehr sei als im Jahr 2019, darunter seien 24 Angeh\u00f6rige von Organen des Innenministeriums, drei Staatsanw\u00e4lte, f\u00fcnf Richter und zehn Zivilisten. Insgesamt habe die Staatsanwaltschaft im Rahmen der Maidan-F\u00e4lle 110 Anklagen gegen 206 Personen eingereicht. 21 Personen sind bereits rechtskr\u00e4ftig verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stellungnahme des Anwalts.<\/strong>&nbsp;Vitalij Tytytsch, einer der Anw\u00e4lte der Angeh\u00f6rigen der Opfer der Revolution der W\u00fcrde, glaubt, dass die meisten Maidan-F\u00e4lle bereits untersucht sind und in der Prozessphase verz\u00f6gert werden. Strafverfahren zu wichtigen F\u00e4llen wurden 2015-2016 vor Gericht gebracht, aber heute stecken diese Verfahren noch in den Kinderschuhen, betont Tytytsch. Daher stellt der Anwalt fest, dass durch nicht ausge\u00fcbte Rechtsprechung die Ergebnisse der Untersuchungen vernichtet w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Was mit den Maidan-F\u00e4llen geschieht, ist sehr eng mit der gesellschaftspolitischen Situation in der Ukraine verbunden. Ich mag dieses Wort nicht, aber es gibt so etwas wie Revanche. Dies zeigt sich daran, dass die vorherige Regierung die Verpflichtung einging, ihre Hand aufs Herz legte und sagte, es sei eine Ehrensache, etwas unter Beweis zu stellen. Sie war politisch gesehen gezwungen, irgendwelche Untersuchungen zu imitieren. Die heutige F\u00fchrung erkl\u00e4rte direkt, dass niemand jemandem etwas schuldig sei. Und dies spiegelte sich sowohl in den Gerichtsverfahren als auch in den Ermittlungsverfahren wieder&#8221;, sagte Tytytsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Aufl\u00f6sung der Abteilung f\u00fcr Sonderermittlungen, die die F\u00e4lle im Zusammenhang mit den Protesten von 2013-2014 und damit auch jene Verbrechen untersuchte, w\u00fcrden faktisch mit der \u00dcbergabe der Sache an das Staatliche Ermittlungsb\u00fcro keine Untersuchungen mehr stattfinden, so der Anwalt. Er unterstrich: &#8220;Man kann nur noch schwer von Untersuchungen sprechen. Sie sind faktisch eingestellt und vollst\u00e4ndig vernichtet. Das ganze Konzept ist zerst\u00f6rt, das ist das Wichtigste. Es wurde noch vom vorherigen Generalstaatsanwalt zerst\u00f6rt. Man hat das allgemeine Konzept verworfen, wonach all diese Verbrechen Teil einer einzigen Strategie, einer Absicht, eines Ziels waren und von einer von Janukowytsch geschaffenen verbrecherischen Organisation ver\u00fcbt wurden. Daher sind die Aussichten f\u00fcr die Untersuchungen unklar.&#8221;<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was denken junge Leute?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es, einerseits die Notwendigkeit von Ermittlungen durchzusetzen und das Bewusstsein daf\u00fcr bei der Bev\u00f6lkerung des Landes aufrechtzuerhalten. In sieben Jahren ist bereits eine neue Generation herangewachsen, die keine pers\u00f6nlichen Erinnerungen an jene Ereignisse hat und sie nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Forschungszentrum &#8220;Sozioinform&#8221; hat mit Unterst\u00fctzung der Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Helden der Himmlischen Hundertschaft im Auftrag des Museums der Revolution der W\u00fcrde vom 6. bis 22. Dezember 2020 mit Frageb\u00f6gen und Fokusgruppen eine Studie dazu durchgef\u00fchrt, was ukrainische Schulkinder \u00fcber die Ereignisse von 2013-2014 wissen. Befragt wurden insgesamt 1200 Sch\u00fcler der Klassen sechs bis elf in allen Regionen des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fast 85% haben Kenntnisse und 15% keine.&nbsp;<\/strong>&#8220;Die Umfrage ergab, dass 84,8% der befragten Sch\u00fcler \u00fcber die Ereignisse der Revolution der W\u00fcrde Bescheid wissen. 15,2% hatten hingegen noch nie davon geh\u00f6rt&#8221;, erkl\u00e4rte die Koordinatorin der Studie Natalia Sajzewa-Tschipak w\u00e4hrend der Pr\u00e4sentation der Ergebnisse bei einem Briefing am 15. Februar 2021.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nur 8% haben gute Kenntnisse.<\/strong>&nbsp;Die meisten ukrainischen Schulkinder haben nur allgemeine Kenntnisse \u00fcber die Revolution der W\u00fcrde, und lediglich 8% der Kinder kennen Einzelheiten. Damit besitzen nur 8% der Sch\u00fcler gute Kenntnisse, 36,4% wissen wenig, 40,4% haben von der Revolution der W\u00fcrde nur geh\u00f6rt und k\u00f6nnen \u00fcber sie nichts sagen, und 15,2% wissen gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Ansicht des Leiters des ukrainischen Instituts f\u00fcr nationales Gedenken, Anton Drobowytsch, sollten die Beh\u00f6rden, Museen und Schulkinder selbst gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen unternehmen, um diese Situation zu verbessern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen dem 18. und 20. Februar 2014 erreichten die langen Proteste auf dem Kiewer Unabh\u00e4ngigkeitsplatz, dem Maidan, ihren H\u00f6hepunkt. An jenen Tagen verloren zahlreiche Demonstranten durch Sch\u00fcsse von Spezialeinheiten ihr Leben und die Opfer werden als &#8220;Himmlische Hundertschaft&#8221; bezeichnet. 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