{"id":139121,"date":"2021-04-23T20:22:04","date_gmt":"2021-04-23T17:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/uacrisis.org\/what-does-putin-want"},"modified":"2021-04-23T20:28:07","modified_gmt":"2021-04-23T17:28:07","slug":"what-does-putin-want","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/what-does-putin-want","title":{"rendered":"Was will Putin?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Seit Wochen richtet sich die Aufmerksamkeit der Menschen in der Ukraine, in den L\u00e4ndern der Region und im Westen auf die ukrainisch-russische Grenze. Dort hat die Russische F\u00f6deration eine bedeutende Streitmacht zusammengezogen. Diplomaten tauschten Erkl\u00e4rungen aus, US-Pr\u00e4sident Joe Biden bot dem russischen Staatschef Wladimir Putin ein Treffen an und Pr\u00e4sidenten von EU-Staaten warnten vor einer Eskalation. Der ukrainische Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj hielt eine Rede, in der er sich auch an Putin wandte und ihm vorschlug, sich im Donbass zu treffen. Tags darauf hielt Putin seine traditionelle Rede vor der F\u00f6derationsversammlung, die von den Ukrainern aufmerksam verfolgt wurde. Denn gerade in einer solchen Rede im Jahr 2014 hatte er die F\u00f6derationsversammlung gebeten, den Einsatz russischer Streitkr\u00e4fte auf ukrainischem Territorium zu billigen. Doch einen Tag nach Putins j\u00fcngster Rede erkl\u00e4rte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu \u00fcberraschend, dass die Milit\u00e4rman\u00f6ver abgeschlossen seien und die russischen Truppen sich von der Grenze zur Ukraine zur\u00fcckziehen w\u00fcrden. Welches Ziel hat Putin mit der Truppenverlegung und der Eskalation verfolgt? Einzelheiten vom Ukraine Crisis Media Center:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hat Putin vor der F\u00f6derationsversammlung gesagt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Putins Rede war asymmetrisch was die Erwartungen an sie angeht. Die internationale Gemeinschaft hatte Erl\u00e4uterungen zur Lage an der russisch-ukrainischen Grenze erwartet und ein Teil der russischen B\u00fcrger eine Erkl\u00e4rung zur Lage des inhaftierten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny. Der gr\u00f6\u00dfte Teil von Putins Rede bezog sich auf die russische Innenpolitik, auf epidemiologische, wirtschaftliche und soziale Fragen. Mehr als eine Stunde lang versprach Putin Familien und Kindern Alleinerziehender neue Sozialleistungen, er versprach neue Investitionsm\u00f6glichkeiten in den Regionen und vieles mehr. Traditionell, wenn auch nur kurz, prahlte er wieder mit neuen Entwicklungen russischer Waffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die internationale Politik erw\u00e4hnte er erst in den letzten 15 Minuten. Dabei lag sein Fokus nicht auf der Ukraine oder dem Donbass, sondern auf Belarus. Er sprach von einem &#8220;Anschlag&#8221; auf den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko sowie \u00fcber nicht n\u00e4her erl\u00e4uterte Drohungen seitens des &#8220;kollektiven Westens&#8221;. \u00dcber Nawalny, dessen Freilassung von Demonstranten in Russland gefordert wird, aber auch \u00fcber die Konzentration russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine verlor er kein Wort.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Belarus in Putins Fokus: Anspielung auf eine westliche Unterst\u00fctzung eines &#8220;Anschlags&#8221; auf Lukaschenko.<\/strong>Putin sagte: &#8220;Jeder ist bereits an die Praxis politisch motivierter, illegaler Sanktionen in der Wirtschaft gew\u00f6hnt, an die groben Versuche einiger, anderen ihren Willen mit Gewalt aufzuzwingen. Aber heute verwandelt sich diese Praxis zu etwas viel Gef\u00e4hrlicherem &#8211; ich meine die k\u00fcrzlich bekannt gewordenen Fakten bez\u00fcglich des direkten Versuchs, einen Staatsstreich in Belarus zu organisieren und den Pr\u00e4sidenten dieses Landes zu ermorden. Gleichzeitig ist es charakteristisch, dass selbst solche eklatanten Aktionen vom sogenannten kollektiven Westen nicht verurteilt werden. Niemand scheint das zu bemerken. Jeder gibt vor, dass \u00fcberhaupt nichts passiert.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Worum geht es? Am 17. April sagte Lukaschenko vor Fernsehkameras, er sei Ziel eines Attentats der USA gewesen, und der russische Geheimdienst erkl\u00e4rte, an der Verschw\u00f6rung seien angeblich zwei vergangene Woche in Moskau festgenommene Personen beteiligt gewesen &#8211; &#8220;belarussische und ukrainische Nationalisten&#8221;, die von den USA und Polen beraten worden seien. Lukaschenko beschuldigte insbesondere Yuras Zenkovich, einen US-Anwalt mit belarussischer und amerikanischer Staatsb\u00fcrgerschaft, den Chef der belarussischen Volksfront, Grigorij Kostusjow, sowie den Literaturkritiker und Politikwissenschaftler Oleksandr Feduta, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein. Als m\u00f6gliche Organisatoren nannte er die CIA und das FBI. Er lieferte jedoch keine Beweise.<\/p>\n\n\n\n<p>Das US-Au\u00dfenministerium hat die von Lukaschenko erhobenen Vorw\u00fcrfe zur\u00fcckgewiesen. Auch Polen wies die russischen Vorw\u00fcrfe der russischen Beh\u00f6rden zur\u00fcck, an einer Verschw\u00f6rung zur Ermordung von Lukaschenko beteiligt gewesen zu sein. Polen erkennt Lukaschenko wie alle mittel- und westeurop\u00e4ischen L\u00e4nder nicht als rechtm\u00e4\u00dfig gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten von Belarus an. Sie betrachten die Pr\u00e4sidentenwahl vom August 2020 als manipuliert und fordern Minsk auf, politische Gefangene freizulassen und die Gewalt gegen Demonstranten und Gefangene zu beenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Experten zufolge und insbesondere im Zusammenhang mit dem Gewicht, das Putin der Lage in Belarus in seiner Rede einr\u00e4umte, scheint der &#8220;Anschlag&#8221; wohl eher eine gemeinsame Sonderoperation von Belarus und Russland zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Treffen zwischen Putin und Lukaschenko am folgenden Tag (22.04.2021) forderte Lukaschenko eine bessere Verteidigung und Sicherheit f\u00fcr den Unionsstaat, also f\u00fcr Russland und Belarus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Es gibt Fragen, denen man sich verst\u00e4rkt annehmen muss, einschlie\u00dflich der Sicherheit und der Verteidigung unseres Unionsstaats&#8221;, sagte Lukaschenko. W\u00e4hrend seines Treffens mit seinem russischen Amtskollegen Putin in Moskau erkl\u00e4rte er, Minsk und Moskau h\u00e4tten sich auf fast drei Dutzend Fahrpl\u00e4ne f\u00fcr die Integration in den gemeinsamen Unionsstaat geeinigt. Lukaschenko zufolge wurden auf Regierungsebene Vereinbarungen getroffen. Zwei oder drei weitere Programme m\u00fcssten noch er\u00f6rtert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise war auch ein Einsatz russischer Truppen in Belarus Gespr\u00e4chsthema.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bemerkenswert, dass Putin die Ukraine nur parallel zur Situation in Belarus erw\u00e4hnte. Die ukrainischen Maidan-Proteste 2013-2014 und die Demonstrationen in Belarus, die im Sommer 2020 begannen, bezeichnete Putin als versuchte &#8220;Staatsstreiche&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue nebul\u00f6se Drohungen an den &#8220;kollektiven Westen&#8221;.<\/strong>&nbsp;Traditionell erw\u00e4hnte Putin in seiner Rede &#8220;unfreundliche&#8221; Aktionen gegen Russland, ohne anzugeben, von wem sie kommen. &#8220;Gleichzeitig h\u00f6ren auch unfreundliche Aktionen gegen Russland nicht auf. In einigen L\u00e4ndern wurde ein unanst\u00e4ndiger Brauch eingef\u00fchrt: aus irgendeinem Grund und meistens ohne Grund alles an Russland festzumachen. Es ist wie ein Sport, irgendein neuer Wettkampf, wer lauter schimpft&#8221;, so Putin.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagte zudem: &#8220;In dieser Hinsicht verhalten wir uns \u00e4u\u00dferst zur\u00fcckhaltend, gar bescheiden, kann ich direkt und ohne Ironie sagen. Oft reagieren wir \u00fcberhaupt nicht auf unfreundliche Handlungen, und auch nicht auf offene Unh\u00f6flichkeit. Wir wollen gute Beziehungen zu allen Teilnehmern des internationalen Austausch haben. Aber wir sehen, was im wirklichen Leben passiert: Wie gesagt, man bringt Russland mal hier mal dort ohne Grund ins Spiel.&#8221; Putin f\u00fcgte hinzu, Russland wolle wirklich keine Br\u00fccken abbrennen. &#8220;Aber wenn jemand unsere guten Absichten als Gleichg\u00fcltigkeit oder Schw\u00e4che sieht und selbst beabsichtigt, diese Br\u00fccken endg\u00fcltig abzubrennen oder sogar zu sprengen, sollte er wissen, dass die Reaktion Russlands asymmetrisch, schnell und hart sein wird&#8221;, so Putin. Er unterstrich: &#8220;Die Organisatoren von Provokationen, die grundlegende Interessen unserer Sicherheit gef\u00e4hrden, werden ihre Taten bereuen, da sie lange Zeit nichts bereut haben.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entschlossenheit, mit der Putin sprach, rief beim Publikum Beifall hervor. Doch seinen Aussagen folgten keine Taten. Schon am n\u00e4chsten Tag wurde den russischen Truppen befohlen, die Man\u00f6ver zu beenden und in ihre Kasernen zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Truppenabzug: Zieht sich Russland zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 22. April teilte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit, dass Russland am 23. April damit beginne, seine Truppen aus dem s\u00fcdlichen und westlichen Milit\u00e4rbezirk, wo sie \u00dcbungen auf der besetzten Krim und in der N\u00e4he der ukrainischen Grenzen durchf\u00fchren, in ihre st\u00e4ndigen Kasernen zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pr\u00e4sident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, begr\u00fc\u00dfte die Entscheidung des Kremls, aber die ukrainischen Streitkr\u00e4fte w\u00fcrden weiterhin in erh\u00f6hter Alarmbereitschaft bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ukrainische Zeitung &#8220;NW&#8221; befragte Politiker und Experten zu der unerwarteten russischen Entscheidung, um herauszufinden, warum der Kreml erst eine milit\u00e4rische Bedrohung ausl\u00f6ste, und dann begann, sich zur\u00fcckzuziehen. Hier die wichtigsten Thesen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Putin erhielt die Aufmerksamkeit der Staats- und Regierungschefs der Welt, erreichte jedoch in den Verhandlungen mit der Ukraine nicht den gew\u00fcnschten Effekt.<\/strong>&nbsp;Der ehemalige ukrainische Au\u00dfenminister Wolodymyr Ohrysko (2007-2009) kommentierte die Situation wie folgt: &#8220;Putin hat ein Ziel erreicht: Der Westen richtete seine Aufmerksamkeit auf ihn. F\u00fcr ihn pers\u00f6nlich und f\u00fcr das russische Regime ist dies ein Indikator daf\u00fcr, dass Russland weiterhin Teil der Weltordnung ist und sich an globalen Fragen beteiligt. F\u00fcr den Kreml ist es ein Symbol f\u00fcr seine Gr\u00f6\u00dfe, wenn der US-Pr\u00e4sident ihn anruft und ein Treffen anbietet, ebenso wie die europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs. All dies gef\u00e4llt seinem Ego.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Ohrysko sagte ferner, diese Situation sei f\u00fcr Russland auch von innenpolitischer Bedeutung, da Putins Umfragewerte bei etwa 35% liegen, was im Vergleich zu 2014 sehr niedrig ist, als sie etwa 80% erreichten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Eines der Ziele war es, die ukrainische F\u00fchrung in Panik zu versetzen, damit sie ihre Verhandlungspositionen aufgibt. Putin gelang dies nicht, weil der Westen &#8211; \u00fcber Biden und die NATO &#8211; dem russischen F\u00fchrer klargemacht hat, dass eine Aggression gegen die Ukraine schwerwiegende Folgen haben und es kein Z\u00f6gern mehr geben w\u00fcrde. Auch die F\u00fchrung der Ukraine und die ukrainische Gesellschaft haben eine Rolle gespielt und gezeigt, dass es keinen Spaziergang geben wird, dass die Russen mit schweren Verlusten zu rechnen h\u00e4tten&#8221;, betonte Ohrysko.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Moskau wollte die Ukraine in den Minsker Gespr\u00e4chen unter Druck setzen, aber ohne Erfolg.<\/strong>&nbsp;Oleksij Arestowytsch, der Sprecher der ukrainischen Delegation bei der Trilateralen Kontaktgruppe in Minsk zur Beilegung der Situation im Donbass, sagte: &#8220;Die Russen haben keine wirklichen M\u00f6glichkeiten, gegen die kollektive Haltung der Ukraine und der USA, Gro\u00dfbritanniens und anderer NATO-L\u00e4nder vorzugehen.&#8221; Arestowytsch sagte ferner, Russland habe erstens versucht, seine Verhandlungsposition gegen\u00fcber den USA zu st\u00e4rken, und zweitens habe Moskau die ukrainische F\u00fchrung in Bezug auf die Trilaterale Kontaktgruppe und das Normandie-Format unter Druck setzen wollen. &#8220;Putin hat erwartet, dass wir Angst haben w\u00fcrden, und Frankreich und Deutschland w\u00fcrden sich mit Washington streiten. Die Reaktion der westlichen L\u00e4nder erwies sich als so konsolidiert und koordiniert, dass die Russen verstanden haben, dass jede Anwendung von Gewalt gegen die Ukraine irreversible Konsequenzen f\u00fcr Russland selbst haben w\u00fcrde&#8221;, so Arestowytsch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die theatralische Demonstration der St\u00e4rke zielte auf die Ukraine und die USA ab.<\/strong>&nbsp;Oleksandr Mereschko, Vorsitzender des au\u00dfenpolitischen Ausschusses des ukrainischen Parlaments, glaubt, dass die Konzentration russischer Truppen nahe der Grenze zur Ukraine ein Weg war, Kiew einzusch\u00fcchtern. &#8220;Auf der anderen Seite hat Russland versucht, viel Aufmerksamkeit vom Westen zu bekommen. Diese theatralische Machtdemonstration war nicht nur f\u00fcr die Ukraine, sondern auch f\u00fcr die Vereinigten Staaten bestimmt&#8221;, so Mereschko. Ihm zufolge tr\u00e4umt Putin davon, gleichberechtigt neben US-Pr\u00e4sident Joe Biden zu stehen. Er wolle Washington beeindrucken, indem er die Nachbarstaaten terrorisiere.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Putin provoziert und schaut sich dann die Reaktion des Westens an. Wenn es keine Reaktion gibt, macht er weiter. In diesem Fall haben die westlichen L\u00e4nder schnell auf seine Provokationen reagiert, was ihn m\u00f6glicherweise gestoppt hat&#8221;, so Mereschko.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sei es unm\u00f6glich, die Truppen in einem Zustand st\u00e4ndiger voller Kampfbereitschaft zu halten. &#8220;Putin beschloss, sie zur\u00fcckzuziehen. Er hat versucht, die Welt in einen Zustand der Unsicherheit zu versetzen, in Erwartung dessen, was er tun w\u00fcrde, ob er einen weiteren Akt der Aggression begehen w\u00fcrde oder nicht. Er spitzte diesen Zustand bis zu dem Tag zu, an dem er seine Rede vor der F\u00f6derationsversammlung gehalten hat&#8221;, sagte Mereschko. Seiner Meinung nach will Putin &#8220;beachtet&#8221; werden. Daf\u00fcr greife er zu Einsch\u00fcchterung, nach dem Motto: &#8220;Wenn man Russland nicht respektiert, dann soll man Angst vor ihm haben.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Wochen richtet sich die Aufmerksamkeit der Menschen in der Ukraine, in den L\u00e4ndern der Region und im Westen auf die ukrainisch-russische Grenze. Dort hat die Russische F\u00f6deration eine bedeutende Streitmacht zusammengezogen. 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