{"id":142442,"date":"2021-06-04T21:47:25","date_gmt":"2021-06-04T18:47:25","guid":{"rendered":"https:\/\/uacrisis.org\/belarusian-state-television"},"modified":"2021-06-04T21:48:40","modified_gmt":"2021-06-04T18:48:40","slug":"belarusian-state-television","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/belarusian-state-television","title":{"rendered":"Belarus: Warum man dem &#8220;Interview&#8221; von Roman Protasewitsch im Staatsfernsehen nicht trauen sollte"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der belarussische staatliche TV-Kanal &#8220;ONT&#8221; hat ein &#8220;Interview&#8221; mit dem inhaftierten Blogger Roman Protasewitsch ausgestrahlt. Gef\u00fchrt wurde es vom Direktor des Senders, Marat Markow, h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Der nach einer erzwungenen Landung einer Ryanair-Maschine in Minsk festgenommene Protasewitsch, Mitbegr\u00fcnder des Telegram-Kanals &#8220;Nexta&#8221;, &#8220;gesteht&#8221; in dem &#8220;Interview&#8221;, das eher einer Vernehmung gleicht, im Jahr 2020 unerlaubte Proteste organisiert zu haben. Das&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ov1K-f930UA\"><em>Video ist auf YouTube<\/em><\/a><em>&nbsp;zu sehen und dauert \u00fcber anderthalb Stunden. Angeblich, so der Moderator, habe das &#8220;Gespr\u00e4ch&#8221; \u00fcber vier Stunden gedauert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sagt Protasewitsch in dem &#8220;Interview&#8221;?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des &#8220;Gespr\u00e4chs&#8221; betont Protasewitsch, der in Belarus in einem KGB-Untersuchungsgef\u00e4ngnis sitzt, angeblich freiwillig dem &#8220;Interview&#8221; zugestimmt zu haben und sich &#8220;gut&#8221; zu f\u00fchlen. Er sagt auch mit Nachdruck, dass er vor der Aufzeichnung beim Sender nicht in der Maske gewesen sei. Gleichzeitig stellt die belarussische Zeitung &#8220;Nascha Niwa&#8221; fest, dass an Protasewitschs Handgelenken Druckstellen von Handschellen zu sehen sind. Am Ende des &#8220;Gespr\u00e4chs&#8221; bedeckt Protasewitsch emotional sein Gesicht mit beiden H\u00e4nden und weint.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt mehrmals, bei den Ermittlungen aktiv mitzuarbeiten. Protasewitsch gibt an, seine &#8220;Schuld&#8221; gem\u00e4\u00df Artikel 342 des Strafgesetzbuches der Republik Belarus (Organisation unerlaubter Aktionen) eingestanden zu haben, und zwar gleich nachdem gegen ihn Vorw\u00fcrfe erhoben und ihm entsprechende Dokumente vorgelegt wurden, die angeblich seine Beteiligung an den Aktionen belegen, die ihm zur Last gelegt werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ich gebe offen zu. Ich war einer von denen, die am 9. August Aufrufe ver\u00f6ffentlicht haben, auf die Stra\u00dfe zu gehen. Die von mir ver\u00f6ffentlichten Aufrufe trugen zu den Unruhen auf den Stra\u00dfen bei und Minsk erlebte drei Tage Chaos&#8221;, sagt Protasewitsch \u00fcber die Massenproteste in belarussischen St\u00e4dten nach der Pr\u00e4sidentschaftswahl im August 2020.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagt auch, er habe nichts mit dem von den belarussischen Beh\u00f6rden als extremistisch eingestuften Telegram-Kanal &#8220;BlackBookBelarus&#8221; zu tun, der Angaben \u00fcber Sicherheitskr\u00e4fte ver\u00f6ffentlicht. Zudem gibt er zu, dass seine mit ihm festgenommene Freundin Sofia Sapega, die angeblich Redakteurin des Telegram-Kanal &#8220;BlackBookBelarus&#8221; ist, in die Sache involviert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Protasewitsch spricht ferner \u00fcber die Finanzierung des Wahlkampf der belarussischen Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja, seine Reise in den Donbass und Litauens Haltung zur Oppositionsbewegung in Belarus. Au\u00dferdem gibt er zu, dass es Konflikte und gegenseitige Verd\u00e4chtigungen innerhalb der belarussischen Opposition gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Protasewitsch sagt auch, an Vorbereitungen eines &#8220;Attentats&#8221; auf den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko beteiligt gewesen zu sein: &#8220;Ich sollte das Bindeglied zwischen den Verschw\u00f6rern und dem Hauptquartier von Tichanowskaja sein&#8221;, erl\u00e4utert er und f\u00fcgt hinzu, er sei von der belarussischen Opposition entt\u00e4uscht und wolle sich aus der Politik zur\u00fcckziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gr\u00fcnder des oppositionellen Telegram-Kanals &#8220;Nexta&#8221; sagt zudem, er habe Lukaschenko viel kritisiert, jedoch sp\u00e4ter begriffen, dass er das Richtige tue, und dass er Lukaschenko &#8220;zweifellos&#8221; respektiere: &#8220;Anfangs habe ich ihn kritisiert, aber je mehr ich mich in die Politik begab, desto mehr wurde mir klar, dass viele der Dinge, f\u00fcr die Lukaschenko kritisiert wurde, in Wirklichkeit nur Versuche waren, Druck auszu\u00fcben. In vielen Momenten hat er gehandelt wie ein Mensch, der &#8211; verzeihen Sie mir den Ausdruck &#8211; st\u00e4hlerne Eier in der Hose hat.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>In dem &#8220;Interview&#8221; \u00e4u\u00dfert Protasewitsch au\u00dferdem die Bitte, nicht zum Verh\u00f6r an die selbsternannte &#8220;Volksrepublik Luhansk&#8221; im Osten der Ukraine ausgeliefert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem sagt er, er wisse schon welche Reaktionen es seitens seiner Kollegen auf dieses &#8220;Interview&#8221; geben werde. \u00dcber seinen Zustand w\u00e4hrend der erzwungenen Landung des Ryanair-Flugzeugs in Minsk sagt er, er habe sich gef\u00fchlt, &#8220;als w\u00fcrde er zum Schafott gehen&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum darf man Protasewitschs Worten nicht trauen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zu bezweifeln, dass die \u00c4u\u00dferungen von Roman Protasewitsch ehrlich sind, da er sich in Zwangshaft befindet und Folterungen in dem Untersuchungsgef\u00e4ngnis nicht auszuschlie\u00dfen sind. Seine Eltern sind \u00fcberzeugt, dass ihr Sohn dort misshandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sagen Protasewitschs Eltern?<\/strong>&nbsp;Unmittelbar nach dem &#8220;Interview&#8221; erkl\u00e4rte der Vater von Roman Protasewitsch gegen\u00fcber AFP, es habe ihm wehgetan, seinen Sohn so zu sehen: &#8220;Ich kenne meinen Sohn sehr gut und ich bin mir sicher, dass er so etwas nie gesagt h\u00e4tte. Man hat ihn gebrochen und gezwungen, dies zu tun.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit &#8220;Nastojascheje Vremja&#8221; sagte der Vater des Bloggers, das sogenannte &#8220;Interview&#8221; mit seinem Sohn sei &#8220;das Ergebnis einer Woche Folter&#8221;. Au\u00dferdem schlie\u00dft er nicht aus, dass Roman unter Psychopharmaka gestanden habe. Der Vater des inhaftierten Journalisten sagte weiter: &#8220;Bei uns hat ein Moderator des Staatsfernsehens mehr Rechte als ein Anwalt, den man Roman seit \u00fcber f\u00fcnf Tagen verwehrt. Es ist wirklich schrecklich, was hier passiert. F\u00fcr mich als Vater ist das sehr schwer. Wenn man dieses Video sieht, merkt man, dass Roman st\u00e4ndig einen inneren Kampf f\u00fchrt, zwischen dem, was er zu sagen hat und dem, was er niemals sagen w\u00fcrde. Das sieht man an seinem Gesicht sehr gut. Ich bin sicher, das dies die Folge seines mehr als einw\u00f6chigen Aufenthaltes in den Kerkern des KGB-Untersuchungsgef\u00e4ngnisses ist, von Schikane und Folter. Zuerst versuchten sie ihn zu erw\u00fcrgen, dann schlugen sie ihn, jetzt sieht man Druckstellen von den Handschellen.&#8221;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Protasewitschs Vater glaubt, sein Sohn sei eingesch\u00fcchtert und mit Psychopharmaka vollgestopft worden. Ihm zufolge ist es unklar, wo er sich derzeit befindet. Der Vater bef\u00fcrchtet, dass die belarussische F\u00fchrung &#8220;vor nichts Halt machen wird&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Jetzt wird er von den staatlichen Medien als Neonazi, Faschist und Extremist bezeichnet, ohne jegliche Beweise daf\u00fcr zu haben. Wo ist der Beweis, dass er ein Neonazi, Faschist und Extremist ist? Jetzt, wo Lukaschenko ihn festgenommen hat, beginnt die Suche danach: Wie kann man ihn in den Medien so darstellen, wie es das Regime will? Daher ist es nicht verwunderlich, dass man ihn zwingt, zu sagen, was gebraucht wird. Ich glaube kein Wort von dem, was mein Sohn sagt&#8221;, so Protasewitschs Vater.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sagt Swetlana Tichanowskajas Berater Franak Wjatschorka?<\/strong>&nbsp;Er sagte ebenfalls gegen\u00fcber &#8220;Nastojascheje Vremja&#8221;: &#8220;Wir haben jetzt zwei Roman Protasewitschs &#8211; einen in Freiheit und einen beim KGB. Das sind zwei verschiedene Personen. Was wir geh\u00f6rt und gesehen haben, ist ein ganz anderer Roman Protasewitsch. Da sagt er, was ihm aufgetragen wurde. Es ist klar, die Worte, die Formulierungen und die Art und Weise, wie er die Informationen pr\u00e4sentiert, und auch dieses Lob f\u00fcr Lukaschenko, das alles ist das Ergebnis von Folter, das Ergebnis seines psychischen und physischen Zustands, in den er versetzt wurde. Lukaschenko hat eine Folterkammer nicht nur f\u00fcr Einzelpersonen eingerichtet, sondern f\u00fcr das gesamte belarussische Volk.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Wjatschorka betonte, egal was Roman Protasewitsch sagte und tue, man werde alles daf\u00fcr tun, damit er wieder freikommt: &#8220;Denn er ist eine Geisel. Wenn ein Mensch eine Geisel ist, tut er verschiedene Dinge, und wir wissen nicht genau, was seine Motive sind und warum er auf die eine oder andere Weise spricht.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der belarussische staatliche TV-Kanal &#8220;ONT&#8221; hat ein &#8220;Interview&#8221; mit dem inhaftierten Blogger Roman Protasewitsch ausgestrahlt. 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