{"id":160360,"date":"2022-01-15T20:00:08","date_gmt":"2022-01-15T18:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/uacrisis.org\/?p=160360"},"modified":"2022-01-15T21:09:11","modified_gmt":"2022-01-15T19:09:11","slug":"was-die-ukraine-von-der-reaktion-des-westens-auf-russlands-ultimaten-haelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/was-die-ukraine-von-der-reaktion-des-westens-auf-russlands-ultimaten-haelt","title":{"rendered":"Was die Ukraine von der Reaktion des Westens auf Russlands Ultimaten h\u00e4lt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 14. Januar 2022 hat das Pressezentrum des Ukraine Crisis Media Center in Kyjiw ein Expertengespr\u00e4ch zum Thema &#8220;Die Ukraine im Zentrum der geopolitischen Konfrontation: Das russische Ultimatum und die Reaktion des Westens&#8221; veranstaltet. F\u00fchrende Beobachter, Politiker und Diplomaten sprachen dabei \u00fcber die Ergebnisse der j\u00fcngsten internationalen Gespr\u00e4che, \u00fcber m\u00f6gliche Szenarien einer weiteren Entwicklung der Lage in der Welt und dar\u00fcber, was die Ukraine tun k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Russland kann Dritten Weltkrieg ausl\u00f6sen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Iwanna Klympusch-Zinzadse, ukrainische Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses f\u00fcr EU-Integration der Ukraine, er\u00f6ffnete die Diskussion und betonte, dass sich Russland w\u00e4hrend der internationalen Gespr\u00e4che in der vergangenen Woche absichtlich &#8220;wie ein Hooligan und Erpresser verhalten und Ultimaten gestellt&#8221; habe. Diese habe die westliche Welt erwartungsgem\u00e4\u00df zur\u00fcckgewiesen und den Gespr\u00e4chsstil des Kremls nicht mit \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Ich bin mir nicht sicher, ob diese Dialoge zu konkreten Ergebnissen f\u00fchren k\u00f6nnen&#8221;, sagte Klympusch-Zinzadse. Russlands Staatschef Wladimir Putin werde vom Ehrgeiz getrieben, in die Geschichte des &#8220;Russischen Imperiums&#8221; eingehen zu wollen. &#8220;Er liebt eine gewisse Symbolik. Wir wissen, dass 2022 der 100. Jahrestag seit der Gr\u00fcndung der Sowjetunion ist und wir m\u00fcssen die Ereignisse in Belarus im vergangenen und vorletzten Jahr als Teil dieses Prozesses betrachten, als schleichende Annexion verschiedener Teile der ehemaligen Sowjetunion durch die Russische F\u00f6deration. Gleiches gilt f\u00fcr die Ereignisse in Kasachstan und den dortigen Einsatz von Truppen unter der \u00c4gide der Organisation des Vertrags \u00fcber kollektive Sicherheit (OVKS) sowie f\u00fcr die Eskalation rund um die Ukraine&#8221;, unterstrich Klympusch-Zinzadse. Sie warnte, das Vorgehen Moskaus k\u00f6nnte einen Dritten Weltkrieg ausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Westen verstehe man dies, so die Politikerin, doch derzeit fehle es an pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen. Der Kreml w\u00fcrde nur reale Schritte verstehen. Eine Liste m\u00f6glicher Strafen, die nur ausgesprochen und nicht umgesetzt w\u00fcrden, sei zu wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Stufe der Aggression gegen die Ukraine m\u00fcsse nicht, so Klympusch-Zinzadse, unbedingt mit einem umfassenden Einsatz von Truppen beginnen. Dies k\u00f6nnten ein gro\u00dffl\u00e4chiger Stromausfall, ein Dammbruch am Dnjepr oder andere Sabotageakte sein. Der Cyberangriff auf Websites ukrainischer Ministerien am 14. Januar ist ihr zufolge wahrscheinlich bereits eines der Elemente dieser neuen Runde der russischen Aggression gegen die Ukraine.<\/p>\n\n\n\n<p>Klympusch-Zinzadse bedauert, dass der Westen keine klare Schwelle f\u00fcr &#8220;h\u00f6llische Sanktionen&#8221; gegen den Kreml festgelegt hat, was ein Anzeichen f\u00fcr eine globale &#8220;Rezession der Demokratie&#8221; sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Putins Aggression konsolidiert den Westen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Danylo Lubkiwskyj, ehemaliger stellvertretender Au\u00dfenminister der Ukraine (2014) und Direktor des Kyjiwer Sicherheitsforums, stellte fest, Zielpublikum f\u00fcr Russlands skandal\u00f6ses Verhalten und seine Ultimaten seien weniger die Menschen in den USA und in den mit Washington verb\u00fcndete L\u00e4ndern, sondern die Einwohner Russlands selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Das Vorgehen der russischen Diplomatie zeigt, dass der Rezipient dieses Verhaltens das eigene Publikum ist. Der erste Akt brachte Putins System Dividende. Die Russen wollten beweisen, dass es m\u00f6glich ist, auf solch unversch\u00e4mte Weise mit dem Westen zu reden. Jetzt gilt es, in diesem Zusammenhang die chinesische Route mitzuverfolgen, insbesondere Putins geplanten Besuch in Peking im Februar&#8221;, betonte Lubkiwskyj.<\/p>\n\n\n\n<p>Er glaubt, US-Pr\u00e4sident Joe Biden habe die jetzige Lage genutzt, um Verb\u00fcndeten um sich zu scharen. &#8220;Wir sehen den Versuch, sich zu verst\u00e4ndigen und sich gemeinsam hinter eine erneuerte Rhetorik \u00fcber gemeinsame Werte und Ziele zu stellen. In gewisser Weise hat Putin dem Westen geholfen, wieder ein Westen zu werden. Die Frage ist nur, ob der Westen f\u00fcr den Marathon bereit ist, den ihm der Kreml abverlangt&#8221;, so Lubkiwskyj.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedauerlich findet er, dass es nicht gelungen sei, Sanktionen gegen Nord Stream 2 durchzusetzen. Dennoch sieht er Grund zum Optimismus: Noch nie sei die Ukraine in ihrer Geschichte, weder im 20. Jahrhundert noch davor, so verteidigt worden wie heute. &#8220;Auch ohne EU- und NATO-Mitgliedschaft ist die Ukraine wieder auf der mentalen Landkarte Europas angekommen&#8221;, stellt Lubkiwskyj fest. Jetzt m\u00fcsse die ukrainische Diplomatie mit einem aktiven Vorgehen die PR- und Twitter-Diplomatie ersetzen. &#8220;Jetzt ist die Zeit f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Aktivit\u00e4ten des Pr\u00e4sidenten der Ukraine. Gerade deswegen haben ihn so viele Menschen gew\u00e4hlt&#8221;, forderte Lubkiwskyj.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8220;Wir m\u00fcssen uns selbst verteidigen k\u00f6nnen&#8221;<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wolodymyr Ohrysko, Leiter des ukrainischen Zentrums f\u00fcr Russlandstudien, der von 2007 bis 2009 Au\u00dfenminister war, stellte fest, dass Moskau nach der Androhung von Sanktionen gegen Putin pers\u00f6nlich einen offenen R\u00fcckzieher gemacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Das ist das Verhalten eines ver\u00e4ngstigten Stra\u00dfenrowdys. Dieses Verhalten wird so lange anhalten, wie dieses Quasi-Imperium noch funktioniert, und wir m\u00fcssen psychologisch darauf vorbereitet sein. Nachdem der Kreml eine Liste mit Sanktionen vom Westen erhalten hatte, begann er \u00fcber die Konsequenzen nachzudenken. Man hat gesehen, dass die USA und die NATO auf jedes Szenario vorbereitet sind. Das zeigt, dass das Aufwachen des Westens konkretere Formen annimmt&#8221;, sagte Ohrysko.<\/p>\n\n\n\n<p>Er betonte ferner, dass die Position der ukrainischen Diplomatie bez\u00fcglich einer St\u00e4rkung der Verteidigungsf\u00e4higkeit und Abschreckung neu formuliert werden m\u00fcsse. Nach dem erzwungenen Atomwaffenverzicht der Ukraine im Rahmen des Budapester Memorandums von 1994 m\u00fcsse nun auf konventionelle Hochpr\u00e4zisionswaffen gesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Wir m\u00fcssen die F\u00e4higkeit wiedererlangen, jeden Angreifer abschrecken zu k\u00f6nnen. Es ist klar, wer gemeint ist. Nat\u00fcrlich werden wir niemals gegen die USA oder Deutschland in den Krieg ziehen. Es geht in erster Linie um Russland. Wir sind kein Mitglied der NATO, also m\u00fcssen wir uns um die F\u00e4higkeit bem\u00fchen, uns selbst verteidigen zu k\u00f6nnen&#8221;, unterstrich Ohrysko und forderte auf, sich daf\u00fcr einzusetzen, dass die Ukraine von westlichen Verb\u00fcndeten Verteidigungswaffen erh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Szenarien einer weiteren Entwicklung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Walerij Tschalyj, Vorstandsvorsitzender des Ukraine Crisis Media Center, au\u00dferordentlicher und bevollm\u00e4chtigter Botschafter der Ukraine, skizzierte drei m\u00f6gliche Szenarien der weiteren Entwicklung:<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Szenario w\u00e4re eine gro\u00df angelegte Offensive der russischen Armee mit der Eroberung eines m\u00f6glichst gro\u00dfen Teils der Ukraine. Dieses Szenario bewertet Tschalyj mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent. Das zweite Szenario w\u00e4re eine Deeskalation und R\u00fcckkehr der russischen Truppen in ihre Kasernen. Tschalyj bewertet dieses mit einer Wahrscheinlichkeit von 17 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Am meisten rechnet er aber mit einer Kombination aus Angriffen und von Russland erzwungenen Zugest\u00e4ndnissen der ukrainischen F\u00fchrung. Dieses Szenario bewertet Tschalyj mit einer Wahrscheinlichkeit von 73 Prozent. Anzeichen daf\u00fcr seien, so Tschalyj, Signale, zu einem sogenannten Kompromiss im Friedensprozess um jeden Preis bereit zu sein, was gleichzeitig eine innenpolitische Krise ausl\u00f6sen w\u00fcrde. Genau dazu k\u00f6nnte die ukrainische Regierung gedr\u00e4ngt werden: mit russischen Cyberattacken auf kritische Infrastrukturen, mit Erpressung im Energiebereich, mit Ausf\u00e4llen von Stromlieferungen aus Belarus oder mit einem Stopp des Transits von Erdgas. F\u00fcr sehr wahrscheinlich h\u00e4lt Tschalyj, dass &#8220;russische Friedenstruppen&#8221; in das von der ukrainischen Regierung nicht kontrollierte Gebiet im Donbass einr\u00fccken. Diese und weitere Provokationen k\u00f6nnten der Ukraine f\u00fcr Jahrzehnte den Weg in die EU und NATO versperren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Die derzeitige Regierung und Teile der Gesellschaft glauben immer noch naiv, dass Frieden mit Zugest\u00e4ndnissen an Putin hergestellt werden k\u00f6nne. Das ist eine sehr gef\u00e4hrliche Illusion&#8221;, warnte Tschalyj.<\/p>\n\n\n\n<p>Er geht davon aus, dass der entscheidende Zeitpunkt in wenigen Wochen ab dem 4. Februar eintreten werde, wenn in Peking die Olympischen Winterspiele beginnen. Der russische Staatschef will die Er\u00f6ffnungsfeier besuchen. Laut Informationen gebe es im Umfeld des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj \u00dcberlegungen, genau in diesem Moment am Rande der Olympischen Spiele ein bilaterales Treffen abzuhalten. Auch hier warnt Tschalyj, dass in Abwesenheit des ukrainischen Staatschefs daheim Russland zu einer milit\u00e4rischen Provokation greifen k\u00f6nnte, um die Position der Ukraine zu schw\u00e4chen. Generell h\u00e4lt er eine Destabilisierung oder gar Offensive der Russen etwa bis April f\u00fcr m\u00f6glich. Sollte es aber nicht dazu kommen, dann werde es auch bis zum Sommer keine Eskalation mehr geben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem solchen Fall k\u00f6nnte dann, so Tschalyj, auf dem NATO-Gipfel Ende Juni 2022 in Madrid als beste L\u00f6sung der Ukraine ein Membership Action Plan (MAP) gew\u00e4hrt werden. Sollten die Staats- und Regierungschefs der westlichen Welt dies jedoch nicht wagen, dann k\u00f6nnte die Umsetzung der republikanischen Initiative im US-Kongress daf\u00fcr als Ersatz dienen, findet der Diplomat. Die Initiative sieht f\u00fcr die Ukraine einen Status &#8220;NATO Plus&#8221; vor. Dann w\u00fcrde die Ukraine zusammen mit Australien, Neuseeland, Japan, S\u00fcdkorea und Israel zu den US-Verb\u00fcndeten z\u00e4hlen. Vorausgesetzt nat\u00fcrlich, dass ein solcher Status eine NATO-Mitgliedschaft nicht auf Dauer ausschlie\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. Januar 2022 hat das Pressezentrum des Ukraine Crisis Media Center in Kyjiw ein Expertengespr\u00e4ch zum Thema &#8220;Die Ukraine im Zentrum der geopolitischen Konfrontation: Das russische Ultimatum und die Reaktion des Westens&#8221; veranstaltet. 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