{"id":45179,"date":"2015-11-17T19:40:11","date_gmt":"2015-11-17T19:40:11","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=37612"},"modified":"2015-11-19T22:58:48","modified_gmt":"2015-11-19T19:58:48","slug":"37612-uchasniki-21-go-listopada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/37612-uchasniki-21-go-listopada","title":{"rendered":"Zwei Jahre nach der Revolution der W\u00fcrde \u2013 Entwicklungsperspektiven der ukrainischen Zivilgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Qz4vUxrTt2U\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WATCH IN ENGLISH<\/a><\/p>\n<p><em><strong>Kiew, 17. November 2015<\/strong><\/em> \u2013 Die Revolution der W\u00fcrde und die weitere Entwicklung der Ereignisse (hybrider Krieg der Russischen F\u00f6deration; die Notwendigkeit, das Recht auf Souver\u00e4nit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine zu verteidigen) vereinten die Ukrainer und machten den Menschen klar, dass sie f\u00fcr das Schicksal ihres Landes verantwortlich sind, wenn sie bereit sind, selbst f\u00fcr die Ideale wie W\u00fcrde und Freiheit einzustehen. Damit waren die Ereignisse f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Ukrainer eine echte Revolution der Werte.<\/p>\n<p>\u201eAus nationaler Sicht war die Revolution zu Ende, als sich eine ukrainische politische Nation bildete\u201c, sagte Michail Winnizkij, Dozent an der Nationalen Universit\u00e4t Kiew-Mohyla-Akademie und Wirtschaftschule NaUKMA, im Rahmen einer Diskussion im Ukrainischen Crisis Media Center.<\/p>\n<p>Nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer gibt es insgesamt eindeutige Gr\u00fcnde daf\u00fcr, \u00fcber einen Sieg der Revolution zu sprechen \u2013 zumindest in einigen Bereichen, wo der \u00c4nderungsprozess unumkehrbar ist.<\/p>\n<p>\u201eDer Maidan siegte, und zwar unverz\u00fcglich. Es war ein einzigartiges Ereignis [&#8230;] Es war ein Generator f\u00fcr Werte, ein echter Geist der ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 f\u00fcr Aktivisten, Studenten, einfache Arbeiter und die Intelligenzija\u201c, sagte Ruslana Lyschitschko, S\u00e4ngerin und Person des \u00f6ffentlichen Lebens, \u00fcber ihre Erinnerungen an die Ereignisse vor zwei Jahren.<\/p>\n<p>Said Ismagilow, Mufti der geistigen Verwaltung der ukrainischen Moslems (Umma) sprach \u00fcber die Gr\u00fcnde des Konflikts zwischen dem Regime von Janukowitsch und der Zivilgesellschaft, wobei diametral entgegengesetzte ethisch-\u00e4sthetische Werte aufeinander prallten.<\/p>\n<p>\u201eDie staatlichen Vertreter unter Janukowitsch sahen die B\u00fcrger als ihr Eigentum \u2013 der Herr kann sie grausam verpr\u00fcgeln, sie an andere Herren zusammen mit Land verkaufen und sie sogar t\u00f6ten, wenn das Volk beginnen sollte, der Herrschaftsmacht gef\u00e4hrlich zu werden. Die kreative Mittelklasse hingegen war die treibende Kraft des Maidan \u2013 mit einem anderen ethisch-\u00e4sthetischen Konzept, das moderner ist und bei dem es keine Herren und Leibeigenen gibt, sondern Freiheit, W\u00fcrde, ein Recht auf eine eigene Meinung und eine eigene Wahl\u201c, betonte Said Ismagilow.<\/p>\n<p>Die Revolution der W\u00fcrde, so der orthodoxe Oberpriester Heorhij Kowalenko, erinnerte an den Wechsel des Hetmanats durch eine Entscheidung bei einer Volksversammlung und die \u201e\u00c4nderung des Hetmanats\u201c verlief relativ schnell.<\/p>\n<p>\u201eWenn man diese Zeit in zwei Komponenten einteilt, siegte die Revolution auf jeden Fall, aber nicht die W\u00fcrde. Wahrscheinlich, weil f\u00fcr den Sieg der Revolution Gewalt notwendig war, aber f\u00fcr einen Sieg der W\u00fcrde braucht es Zeit und Bildung, weil W\u00fcrde die Achtung vor anderen bedeutet, sowie Selbstreflexion, Selbsterziehung und einen breiten \u00f6ffentlichen Dialog\u201c, sagte Heorhij Kowalenko. \u201eDiese zwei Etappen der Revolution \u2013 eine Evolution der Gesellschaft und des Staates \u2013 ist ein schwieriger und langwieriger Prozess, der tiefe Reflexion erfordert, sowie gro\u00dfe Anstrengungen und schwierige Entscheidungen. Dabei steht die ukrainische Gesellschaft \u2013 sowohl die politischen Eliten, als auch die \u00d6ffentlichkeit \u2013 vor mehreren Herausforderungen, die mit der Umsetzung der Antioligarisierung und Werteorientierung der Revolution verbunden sind.<\/p>\n<p>Nach Meinung von Sergij Dazjuk wird der revolution\u00e4re Prozess in der Ukraine gerade deshalb in einem bedeutenden Ma\u00df gebremst, weil der Hauptmotor der Revolution \u2013 die Zivilgesellschaft \u2013 kein klares Aktionsprogramm und keine klare Strategie entwickelte, sondern nur allgemeine Ideen und Ziele. Intellektuelle Kreise mischten sich nicht aktiv genug in die Diskussion dar\u00fcber ein, was nun die Strategie sein sollte, obwohl die Formulierung einer solchen Strategie eine notwendige Voraussetzung f\u00fcr den Erfolg ist.<\/p>\n<p>Eine bedeutende Herausforderung stellt auch die geopolitische Ebene dar: obwohl sich die Ukraine und deren politische Elite endg\u00fcltig f\u00fcr Europa entschieden, will faktisch niemand die ukrainische politische Elite unterordnen und daf\u00fcr Verantwortung \u00fcbernehmen \u2013 weder Russland, noch Europa\u201c, sagte Sergij Dazjuk.<\/p>\n<p>Michail Winnizkij sprach dabei \u00fcber die heutige innenpolitische Situation: \u201eWir sehen ein klassisches Schema, wo gem\u00e4\u00dfigte \u201eneue\u201c Kr\u00e4fte mit gem\u00e4\u00dfigten \u201ealten\u201c Kr\u00e4ften zusammenarbeiten. Einerseits ist das eine relativ positive Entwicklungsvariante f\u00fcr die Ereignisse, da sonst das Risiko einer Radikalisierung in der Gesellschaft w\u00e4chst; allerdings laufen unter solchen Bedingungen \u00c4nderungen viel langsamer ab.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHeute liegt wohl das gr\u00f6\u00dfte Problem nicht in den Versuchen ehemaliger Vertretern der Partei der Regionen, sich zu revanchieren, sondern in den F\u00fchrer, die eine Strategie der Unt\u00e4tigkeit umsetzen wollen, um das System zu konservieren und die sich vor Ver\u00e4nderungen f\u00fcrchten\u201c, meinte Andrij Dligatsch, Generaldirektor der Gesellschaftsgruppe \u201eAdvanter Group\u201c.<\/p>\n<p>In der derzeitigen Etappe findet fast keine Antioligarchisierungsrevolution in der Ukraine statt: \u201eEs gibt einen gewissen \u00f6ffentlichen Druck, aber die ukrainische politische Elite hat kein Interesse, sich von den Oligarchen zu trennen\u201c, sagte Sergij Dazjuk. \u201eDie Lustration wird aus den gleichen Gr\u00fcnden blockiert. Die Reformen zur Erneuerung der Gesetzgebung sind zu einem Drittel erf\u00fcllt, und auf dem Niveau der Umsetzung zu sieben Prozent. Die Gerichtsreform l\u00e4uft praktisch gar nicht. Man verga\u00df bereits den Gesellschaftsvertrag\u201c, sagte Valerij Pekar, Unternehmer, Dozent und Person des \u00f6ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr einen wirklichen wirtschaftlichen Umbau ist es sehr wichtig, g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr mittlere und kleine Unternehmer zu schaffen\u201c, meinte Andrij Mazola, Gr\u00fcnder des Unternehmens \u201eErste Privatbrauerei\u201c. \u201eDies gibt wirtschaftliche Freiheit. Man darf sich nicht davor f\u00fcrchten, Steuern und L\u00f6hne offiziell zu zahlen, statt in Briefumschl\u00e4gen. Man muss alle notwendigen Steuern zahlen und wissen, dass diese Mittel f\u00fcr Krankenh\u00e4user und andere Bed\u00fcrfnisse der Menschen verwendet werden.\u201c<\/p>\n<p>Eine beunruhigende Tendenz ist, dass die Untersuchungen der Entf\u00fchrungs-, Folter- und Mordf\u00e4lle auf dem Maidan offen verz\u00f6gert werden, obwohl es eine der ersten Forderungen des Maidan war, dass dieses kr\u00e4nkliche Thema zu einem \u201eLackmustest\u201c wird, inwiefern die neue Staatsf\u00fchrung ihre Verantwortung gegen\u00fcber der Gesellschaft begreift.<\/p>\n<p>\u201eEs wird sabotiert [&#8230;] Freiwillige unternahmen alles, was sie konnten. Sie sammelten Beweise, aber diese sind f\u00fcr ein internationales Gericht unzureichend\u201c, sagte Ruslana Lyschitschko. Au\u00dferdem erg\u00e4nzte sie, dass die Vertreter der jetzigen Staatsf\u00fchrung trotz Ank\u00fcndigungen wenig reales Interesse zeigen, etwas zu \u00e4ndern und verantwortungsvoll zu arbeiten. Dies ist unter anderem daran sichtbar, dass Freiwillige als erste auf die wichtigsten Herausforderungen reagieren, aber nicht der Staat. Wenn der Staat weiter notwenige Handlungen ignoriert, meinte sie, kann dies die Gesellschaft ver\u00e4rgern und zu \u00e4u\u00dferst negativen Folgen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Experten meinten, dass es nur unter der Bedingung Ergebnisse und \u00c4nderungen am staatlichen System gibt, wenn die Staatsf\u00fchrung, aber auch ein Gro\u00dfteil der Gesellschaft bereit ist, nach neuen Regeln zu spielen.<\/p>\n<p>\u201eSolange eine verantwortliche Freiheit, Vertrauen und Entwicklung keine vorherrschenden Werte im Land sind, wird es in der Ukraine wirtschaftlich nicht besser, und damit auch bei den \u00f6ffentlichen Standards. Deshalb erwarten wir in n\u00e4chster Zeit \u00c4nderungen im Denkparadigma der Revolutionsf\u00fchrer\u201c, betonte Andrij Dligatsch.<\/p>\n<p>Alexander Paschawer, verdienter \u00d6konom der Ukraine, wies auf die Notwendigkeit hin, den \u00c4nderungsprozess im Land langfristig zu sehen. Unter anderem sagte er: \u201eMit dieser Machtverteilung, die es gerade gibt, ist es nicht verwunderlich, dass in einer bestimmten Etappe der Revolution \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Altpolitiker an die Macht kamen.\u201c<\/p>\n<p>Nach Meinung des Experten beginnt eine tiefgreifende Transformation des Landes erst dann, wenn die pro-europ\u00e4ische Jugend, also die Generation seit der Unabh\u00e4ngigkeit, ihre Ideale vertritt, sowie ihre Sicht auf die Zukunft der Ukraine und in Bezug auf die Staatsf\u00fchrung. Das hei\u00dft, sie werden in zirka 10 Jahren kommen, wenn sie die notwendige Reife erreicht haben werden.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem merkten die Experten an, dass in dieser Etappe der Revolution der W\u00fcrde und der Revolution der Werte nur einen Teil der ukrainischen Bev\u00f6lkerung de facto erreicht wurde \u2013 haupts\u00e4chlich die Mittelschicht und die Bewohner von Millionenst\u00e4dten.<\/p>\n<p>\u201eEin sehr bedeutender Teil der ukrainischen Gesellschaft bekennt sich immer noch zu Werten, die kaum mit den europ\u00e4ischen Werten vergleichbar sind, sondern ihnen direkt widersprechen\u201c, betonte Alexander Paschawer.<\/p>\n<p>Ohne diese \u201eRevolution des Bewusstseins\u201c, unterstrich er, werden die erneuerten staatlichen Institutionen faktisch gel\u00e4hmt. Deshalb muss die Ukraine eine schwierige \u00dcbergangsperiode durchlaufen, w\u00e4hrend die \u00c4nderungen langsam stattfinden und \u201egem\u00e4\u00dfigt\u201c eingef\u00fchrt werden. Allm\u00e4hlich bereitet sich das Staatssystem und die Gesellschaft auf die n\u00e4chste Etappe tieferer und effektiverer Reformen vor. Inwiefern sie diese Aufgabe verstehen und wie lange dieser Prozess braucht, ist schwer zu sagen. Trotzdem ist dieser \u201eevolution\u00e4re Weg\u201c jener, den die Ukraine gehen muss, denn die Alternative w\u00e4re weitaus schlimmer, fasste Valerij Pekar zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WATCH IN ENGLISH Kiew, 17. 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