{"id":49101,"date":"2016-02-10T19:42:15","date_gmt":"2016-02-10T19:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=40117"},"modified":"2016-02-12T23:43:12","modified_gmt":"2016-02-12T20:43:12","slug":"40117-eksperti-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/40117-eksperti-3","title":{"rendered":"Die Ukraine kann der Krim und dem Donbass eine Integrationsstrategie bieten, die attraktiver ist als die \u201eRussische Welt\u201c \u2013 Experten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xWpqnvLxyhQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WATCH IN ENGLISH<\/a><\/p>\n<p><em><strong>Kiew, 10. Februar 2016<\/strong><\/em> \u2013 Die Ukraine hat keine klare Strategie in Bezug auf die Zukunft der vorr\u00fcbergehend besetzten Gebiete. Und bevor man auf die Frage antwortet, was mit dem Donbass passieren soll, ist es notwendig zu kl\u00e4ren, welchen Weg die Ukraine gehen wird. Diese Meinung vertraten Personen des \u00f6ffentlichen Lebens und Experten w\u00e4hrend einer Diskussion im Ukrainischen Crisis Media Center.<\/p>\n<p>Mykhaylo Winnizkij, Dozent an der Kiewer-Mohyla Akademie und an der Wirtschaftsschule NaUKMA, meinte, dass die Hauptaufgabe nicht nur die Gebiete sind, sondern auch die Menschen, einschlie\u00dflich jenen, die in den besetzten Gebieten leben und die Ukraine nicht wahrnehmen. Im Donbass verstehen viele Bewohner die Ukraine nicht als Einheit und sehen ihre Zukunft nicht innerhalb dieses Staates. Hier zog Mykhaylo Winnizkij Parallelen mit dem \u201eQuebec-Separatismus\u201c, als sich Quebec von Kanada trennen wollte. Allerdings gab es dort, im Unterschied zum Donbass, keine dritte, ausl\u00e4ndische Partei in dem Konflikt. Nach Angaben des Dozenten laufen internationale Verhandlungen darauf hinaus, dass der Donbass ukrainisch sein soll. Aber die Menschen im Donbass sollen in erster Linie zustimmen, dass sie Teil der Ukraine sein wollen. Hinzu kommt der Wunsch, auf den Donbass \u201ezu h\u00f6ren\u201c, wobei die Menschen versuchen, f\u00fcr sich irgendwelche Sonderrechte auszuhandeln.<\/p>\n<p>\u201eUnd die Erfahrung von Kanada zeigt, dass die Separatistenbewegung aufh\u00f6rte, nachdem der \u00fcbrige Teil von Kanada meinte: Wenn sie unabh\u00e4ngig sein wollen, dann sollen sie das auch sein. Danach verlor die Erpressung der Separatisten relativ schnell ihren politischen Zweck\u201c, sagte Mykhaylo Winnizkij.<\/p>\n<p>\u201eWir sollten zumindest dar\u00fcber nachdenken, ob wir den Donbass zur\u00fcck haben wollen. Und wenn ja, ist es notwendig, zu entscheiden, unter welchen Bedingungen und ob wir Ausschreitungen und Erpressungen zulassen, die wir noch vor dem bewaffneten Konflikt sahen\u201c, meinte der Dozent von der Kiewer-Mohyla Akademie.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Strategie muss darauf basieren, dass es eine gewisse Zeit braucht, um sich wieder zu vers\u00f6hnen. Das ist wichtig. Und danach braucht es eine Entscheidung von beiden Seiten, dass wir uns als Subjekte gemeinsam auf gleichberechtigte Bedingungen einigen. Und wenn dies misslingt, sich auf diese gleichberechtigten Bedingungen zu einigen, ist es auch besser, sich nicht zu einigen\u201c, meinte Mykhaylo Winnizkij.<\/p>\n<p>Der orthodoxe Priester Georgij Kowalenko meinte, dass die L\u00f6sung des Konflikts im Donbass auf grundlegenden Prinzipien wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Vers\u00f6hnung und Dialog basieren soll. Das Schicksal des Donbass soll seiner Meinung nach von allen Ukrainern entschieden werden. Dazu muss man auf die Meinung der Binnenfl\u00fcchtlinge h\u00f6ren, die in die freien Gebiete geflohen sind.<\/p>\n<p>\u201eUnd nicht nur auf jene, die heute mit Unterst\u00fctzung der russischen Propagandamaschine angeblich im Namen des Donbass sprechen. Ohne Vers\u00f6hnung ist fast kein Dialog m\u00f6glich. Es geht derzeit nur um eine Waffenruhe und den Austausch von Gefangenen\u201c, meinte der Priester.<\/p>\n<p>Er merkte an, dass es heute wichtig ist, Akteure zu finden, die beide Seiten vers\u00f6hnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eLeider sehen wir heute in den Gebieten von Donezk und Luhansk Probleme mit der Gewissensfreiheit und einer interkonfessioneller Feindschaft. Es schmerzt, dass die Kirche nicht als Vermittler oder Friedensstifter auftreten kann\u201c, sagte Georgij Kowalenko.<\/p>\n<p>Andrij Dlygatsch, Generaldirektor bei der \u201eAdvanter Group\u201c, meinte, dass der Konfliktfaktor im Donbass heute nicht dazu verwendet wird, die Ukraine zu entwickeln, sondern als Entschuldigung, weshalb im Land keine systemischen \u00c4nderungen m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>\u201eIm Gegenteil, der Ostfaktor wird als Entschuldigung daf\u00fcr genutzt, weshalb im Land keine Reformen und keine reale Modernisierung m\u00f6glich ist\u201c, erkl\u00e4rte er.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, die Ukraine wird nicht durch irgendwelche Minsker Vereinbarungen gerettet, falls das korrupte und oligarchische System der Staatsf\u00fchrung bleibt. Der Krieg wird erst dann enden, wenn die Ukraine systemische Reformen durchf\u00fchrt. Der Experte stellte fest, dass es bisher keine Strategie zur L\u00f6sung der Frage im Donbass und auf der Krim gibt.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen der Krim und dem Osten eine Strategie zur R\u00fcckkehr in die Ukraine anbieten, wenn die Ukraine mit ihrer Gesellschaft und Wirtschaft als Land attraktiver sein wird als das, was die \u201eRussische Welt\u201c zu bieten hat\u201c, davon war Andrij Dlygatsch \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>\u201eBevor man auf die Frage \u201eWas soll man mit dem Donbass machen?\u201c antwortet, muss man die Frage kl\u00e4ren \u201eWas soll mit der Ukraine passieren?\u201c, meinte der Dozent und Unternehmer, Walerij Pekar.<\/p>\n<p>Er nannte das Beispiel von Deutschland: dort wurde die Wiedervereinigung m\u00f6glich, als Westdeutschland stark und m\u00e4chtig wurde.<\/p>\n<p>\u201eMenschen wollen dorthin, wo es ein attraktiveres Modell gibt. [&#8230;] Deshalb m\u00fcssen wir die Ukraine reich, sowie politisch, milit\u00e4risch und wirtschaftlich stark machen. Dann kann man dem Donbass anbieten, sich uns anzuschlie\u00dfen. Und dann kann man sich vielleicht abgrenzen. M\u00f6glicherweise m\u00fcssen dann viele Menschen von dort fl\u00fcchten\u201c, sagte Walerij Pekar.<\/p>\n<p>Dabei erinnerte er daran, dass im Fall Deutschlands dieses \u201eHebelprinzip\u201c funktionierte.<\/p>\n<p>\u201eEs ist genauso viel Zeit notwendig, sich wieder zu vereinen, wie notwendig war, sich zu trennen. Das hei\u00dft, wir lebten 70 Jahre unter der Sowjetherrschaft und nun brauchen wir vielleicht 70 Jahre, davon loszukommen. Es wird weniger, wenn wir es sehr wollen\u201c, meinte Walerij Pekar.<\/p>\n<p>\u201eDie Ukraine befindet sich im Fahrwasser von Ideen und Vorschl\u00e4gen, die nicht durch das Land vorgeschlagen werden, sondern von Russland und westlichen Kollegen\u201c, meinte Oleksander Tkatschenko, Generaldirektor bei 1+1 Media. \u201eFaktisch ist die Geschichte mit der Erf\u00fcllung der Minsker Vereinbarungen verbunden, in denen ein Datum steht. Ein Datum zur Annahme von Verfassungs\u00e4nderungen, die gemacht werden m\u00fcssen, ohne \u00f6ffentlich diskutiert zu werden und ohne R\u00fccksicht auf die Interessen der ukrainischen Bev\u00f6lkerungsmehrheit.\u201c<\/p>\n<p>Nach Meinung von Oleksander Tkatschenko ist es unm\u00f6glich, das weitere Schicksal des Donbass ohne \u00f6ffentliche Diskussion zu l\u00f6sen. Dabei merkte er an, dass es wichtig ist, nach einer Strategie zur L\u00f6sung des Konflikts zu suchen. Und dabei sei zu ber\u00fccksichtigen, eine gemeinsame Sprache mit den Leuten zu finden, die andere Werte vertreten, was sehr schwierig sein wird.<\/p>\n<p>Joseph Sissels, ausf\u00fchrender Vizepr\u00e4sident des Kongresses der Nationalgemeinden in der Ukraine, vertrat die Meinung, dass der derzeitige milit\u00e4rische Konflikt noch lange andauern wird und dass wir lernen m\u00fcssten, damit zu leben.<\/p>\n<p>\u201eWir haben es mit zwei zivilisatorischen Ausbildungen zu tun, die man auf keinen gemeinsamen Nenner bringen kann. Es sind einfach verschiedene Wertesysteme\u201c, erkl\u00e4rte er.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnte man in Frieden Leben, wenn man sich nicht einander die Werte aufzw\u00e4ngt. Doch seit Gewalt ins Spiel kam, ist es nicht mehr m\u00f6glich, so weiter zu leben, stellte er fest.<\/p>\n<p>\u201eIm Gebiet von Donezk und Luhansk sind es nicht Separatisten, denn das w\u00e4re zu oberfl\u00e4chlich. Es ist auch nicht wie in Kanada, sondern eine Mischung. Und der Hauptfaktor ist, dass Russland anwesend ist. Ich betrachte sogar jene Leute, die im Donbass aktiv gegen die Ukraine auftreten, nicht als Separatisten, sondern als Kollaborateure\u201c, erkl\u00e4rte der Vizepr\u00e4sident des Kongresses der Nationalgemeinden in der Ukraine.<\/p>\n<p>Joseph Sissels sieht f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrzehnte keine Chance einer Wiedervereinigung, aber auch keinen Beitritt des Donbass zu Russland.<\/p>\n<p>\u201eDie wahrscheinlichste Entwicklung ist Ungewissheit, was f\u00fcr die Ukrainer charakteristisch ist\u201c, meinte er. So kann der Konflikt noch Jahrzehnte dauern, solange keine neue Generation heranw\u00e4chst, die daran gew\u00f6hnt ist, wie zum Beispiel in Transnistrien oder Abchasien zu leben. Deshalb gestand Joseph Sissels, dass er das Gef\u00fchl hat, dass sich der Donbass und die Krim von Jahr zu Jahr weiter entfernt. Au\u00dferdem glaubt er nicht daran, dass dieser Konflikt zu einem eingefrorenen wird.<\/p>\n<p>\u201eBei uns herrscht Krieg und die Kriegstreiber sitzen in Russland. Und dieser Krieg wird solange dauern, wie ihn Russland braucht, um die Kr\u00e4fte in der Ukraine abzulenken und sie aufzubrauchen. Russland will nicht, dass wir uns in Richtung Westen bewegen\u201c, meinte der Experte.<\/p>\n<p>Der verdiente \u00d6konom der Ukraine, Oleksander Paschawer schlug die Gr\u00fcndung einer Art unabh\u00e4ngigen Enklave auf der Krim und in den Gebieten von Donezk und Luhansk vor, vorbehaltlich, dass sich die Ukraine durch ihre Armee an den Grenzen zu ihnen absichern kann.<\/p>\n<p>\u201eDieser Vorschlag h\u00e4tte eine kolossale Auswirkung bei den Verhandlungen mit internationalen Partnern und Russland\u201c, meinte er.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, der \u00d6konom schl\u00e4gt vor, \u00fcber einen legitimen Weg f\u00fcr diese Regionen nachzudenken, damit die Lokalbewohner nicht die Entwicklung des Landes beeinflussen k\u00f6nnen, einschlie\u00dflich mit Hilfe von Abstimmungen in diesen Regionen.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir sie in die Ukraine aufnehmen, erhalten wir eine Opposition zu allem, was die Ukraine in Bezug auf eine Konsolidierung braucht, sowie auf liberale Reformen. Dies wird es sehr schwer machen und kann den Prozess zur Modernisierung der Ukraine lahm legen\u201c, meinte Oleksander Paschawer.<\/p>\n<p>Said Ismagilow, Mufti der geistigen Verwaltung der ukrainischen Moslems \u201eUmma\u201c gab die Meinung der Bewohner in den besetzten Gebieten des Donbass wieder. Zum einen soll sich die Ukraine nach seinen Worten nicht auf irgendeinen Austausch ihres Territoriums einlassen.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen uns nicht den Luxus erlauben, die Gebiete aufzugeben. Wenn wir uns von den besetzten Bereichen im Donbass trennen, verlieren wir die Krim endg\u00fcltig und wir schaffen im Bewusstsein der Leute einen Pr\u00e4zedenzfall mit gef\u00e4hrlicher Wirkung, denn Separatisten in jeder Region werden verstehen [&#8230;], dass man von der Ukraine unter bestimmten Umst\u00e4nden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter jedes Gebiet abtrennen kann\u201c, sagte der Mufti der geistigen Verwaltung der ukrainischen Moslems. \u201eSo wird die Ukraine in einer Parade des Separatismus ersticken.\u201c<\/p>\n<p>Dabei stimmte er zu, dass sich in der Ostukraine viele wie bei einer Blockade \u201eeinkapseln\u201c, so wie es schon fr\u00fcher war. Diesen Menschen ist es nicht besonders wichtig, wer regiert. Deshalb muss die Ukraine Bedingungen schaffen, damit die Bewohner in diesem Staat leben wollen.<\/p>\n<p>\u201eDer Hauptteil muss gef\u00fcttert werden. Man muss sich um ihn sorgen und den Menschen Arbeit geben\u201c, sagte Said Ismagilow.<\/p>\n<p>Er empfahl auch, die Korruption zu bek\u00e4mpfen und Schuldige zur Verantwortung zu ziehen, die in dem Konflikt verschiedene Verbrechen begingen. Weil man bisher hier in Kiew alles mit Geld l\u00f6sen konnte, werden sich diese Menschen dort frei f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Experten kamen zu dem Schluss, dass das undurchsichtige Spiel und die Geheimdiplomatie ohne gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Dialog weitergehen wird. Doch mit dieser Politik kann die Ukraine nicht leben. Die Politik soll ehrlich und offen f\u00fcr die Menschen sein, und sie sollen ihrerseits Bescheid wissen und das Recht haben, ihre Meinung zu sagen.<\/p>\n<p>\u201eDas ist auch eine \u00c4nderung, die der Maidan in unser Leben brachte\u201c, fasste Waleriej Pekar zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WATCH IN ENGLISH Kiew, 10. 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