{"id":49842,"date":"2016-02-24T22:40:19","date_gmt":"2016-02-24T22:40:19","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=40575"},"modified":"2018-10-02T00:38:53","modified_gmt":"2018-10-01T21:38:53","slug":"40575-protses-dekomunizatsiyi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/40575-protses-dekomunizatsiyi","title":{"rendered":"Die Dekommunisierung bedeutet ein tiefes Umdenken der kollektiven Geschichte, des kollektiven und individuellen Ged\u00e4chtnisses sowie der Identit\u00e4t &#8211; Experten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=O1zuTmb6IVk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WATCH IN ENGLISH<\/a><\/p>\n<p><em><strong>Kiew, 24. Februar 2016<\/strong><\/em> &#8211; Der Dekommunisierungsprozess in der Ukraine begann spontan w\u00e4hrend Revolution der W\u00fcrde und setzte sich nach dem jeweiligen Gesetzesabschluss fort. Dieser Prozess ist sehr schmerzhaft und stellt die Gesellschaft vor einer Reihe der Herausforderungen. \u201eDie gro\u00dfe Epoche geht zu Ende, langsam und schwer. Wir sind uns bewusst, dass diese \u00c4nderungen notwendig sind, und sind keinesfalls gegen diese notwendigen Gesetzte. Wir wollen allerdings darauf hinweisen, dass die Eile manchmal gef\u00e4hrlich ist, denn es gibt tiefere Dinge, die bei weitem nicht offensichtlich sind\u201c \u2013 erkl\u00e4rte Wladyslawa Osmak, Leiterin des Zentrums f\u00fcr Stadtstudien an der Nationalen Universit\u00e4t Kiew-Mohyla-Akademie, bei der Er\u00f6ffnung der \u00f6ffentlichen Diskussion im Ukrainischen Crisis Media Center zum Thema \u201eDekommunisierung: Denkmalkrieg\u201c. Die Fragen der kollektiven Geschichte, des kollektiven und individuellen Ged\u00e4chtnisses sowie der Identit\u00e4t rufen die Debatten um Dezentralisierung hervor.<\/p>\n<p>Die moderne Ukraine sto\u00dfe auf erste Herausforderungen: welche Denkm\u00e4ler auf den Sockeln der kommunistischen F\u00fchrer zu errichten und ob sie \u00fcberhaupt errichtet werden m\u00fcssen. Switlana Schliptschenko, Leiterin der wissenschaftlichen Programme des Zentrums f\u00fcr Stadtstudien an der Nationalen Universit\u00e4t Kiew-Mohyla-Akademie, wies darauf hin, dass \u201eder Denkmalkrieg\u201c w\u00e4hrend der historischen Ver\u00e4nderungen unvermeidlich ist, denn ein Denkmal dient zu allen Zeiten vor allem als Propagandamittel, Etablierung bestimmten Wertesystems sowie symbolisches Landmarkzeichen. Die \u00c4nderung der vorherrschenden Ideologie brachte unbedingt die \u201eVernichtung der G\u00f6tzen\u201c der vorherigen Epoche mit. Als Beispiele kann man den Europ\u00e4ischen Platz in Kiew nennen, wo Alexander II, ein Rotarmist, Stalin sowie eine Treppe im Laufe von 100 Jahren einander abl\u00f6sten \u2013 die Treppe wurde dann aber auch abmontiert, und ein weiteres Denkmal blieb aus. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine gab auch den Ansto\u00df zum Austausch der Denkm\u00e4ler. Der landesweite Fortschritt dieses Prozesses zeigte die Selbstidentifikation der Bewohner dieser Gebiete ausdrucksvoll: im Westen der Ukraine wurden die sowjetischen Denkm\u00e4ler bereits in den 90er Jahren demontiert, im Zentrum \u2013 w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaft von Wiktor Juschtschenko, und in den restlichen Gebieten wurde dieser Prozess erst 2014 \u201edurch aktive Minderheit unter passiver Nichtbeachtung\/Missbilligung der Mehrheit\u201c intensiv eingesetzt. \u201eVergleichen wir die Karten der W\u00e4hlerpr\u00e4ferenz mit den Lokalwahlenergebnissen, dann sehen wir, dass genau diese Regionen f\u00fcr die pro-russischen oppositionellen Parteien ihre Stimme abgegeben haben. [\u2026] Es ist sehr symbolisch, dass die Denkm\u00e4ler fast an gleichen Tagen sowohl in Schytomyr und Tschernihiw, [\u2026] als auch in Dnipropetrowsk und Cherson abgerissen wurden. Dadurch entstand eine Dimension der Einheit, die W\u00e4hlergrenze von 2004 verschwand\u201c \u2013 meinte Oleksij Kurinnyj, Cheflektor am Lehrstuhl f\u00fcr internationales Recht an der Nationalen Universit\u00e4t Kiew-Mohyla-Akademie, Experte des Zentrums f\u00fcr internationalen Menschenrechtschutz. \u201eZweifelsohne wies dieser Prozess den Kampf gegen Identit\u00e4tsmerkmale auf \u2013 in keinem Fall gegen Kultur. [\u2026] Er symbolisiert die mentale Trennung von der sowjetischen Mentalit\u00e4t, von der M\u00f6glichkeit, in die \u201erussische Welt\u201c gezerrt zu werden\u201c \u2013 versicherte der Experte. \u201eIch w\u00fcrde die heutige Situation als G\u00f6tzen-D\u00e4mmerung nach Nietzsche bezeichnen\u201c \u2013 erkl\u00e4rte Switlana Schliptschenko. Die Diskussionen um den Dekommunisierungsprozess weisen in der Tat \u201eein Ged\u00e4chtnis im Kriegszustand\u201c auf \u2013 im Krieg hinsichtlich dessen, wie die Gesellschaft das Ged\u00e4chtnis \u00fcber die Vergangenheit aufrechterhalten will.<\/p>\n<p>Die Experten glauben, dass das gr\u00f6\u00dfte Problem darin besteht, ob die ukrainische Gesellschaft die Dekommunisierung eigentlich durchf\u00fchren kann, ohne bei den neuen Denkm\u00e4lern den Monometallismus der Reichsvergangenheit sowie die Traditionen des sozialistischen Realismus zu wiederholen. Anhand vieler Denkmalentw\u00fcrfe der Unabh\u00e4ngigkeitsperiode ist erkennbar: \u201eangeblich gibt es eine neue Ideologie mit neuem Inhalt, aber die K\u00fcnstler wollen sie in absolut alte Formen gie\u00dfen\u201c \u2013 betont Osmak. Ein drastisches Beispiel solcher Nachahmung ist unrealisiertes Projekt am Maidan um das Unabh\u00e4ngigkeitsdenkmal, ein massives Andrij-Scheptyzkyj-Denkmal in Lwiw, das trotz Willen der \u00d6ffentlichkeit an dem Ort, wo Andrij Sheptyzkyj B\u00e4ume pflanzte, errichtet wurde, sowie geschmackloses Himmlische-Hundertschaft-Denkmal in Lutsk. \u201eInwieweit \u00fcberwanden wir dieses Klischeedenken, wenn wir es uns erlauben, solche Kunstformen zu vervielf\u00e4ltigen, wenn es um die modernste und schmerzhafteste Etappe unserer Geschichte geht?\u201c \u2013 fragt\u0443 Wladyslawa Osmak. \u201eDie moderne Gesellschaft kann nicht von den Denkmalformen sprechen, die es fr\u00fcher gab. Die Mittel, Andenken zu verewigen, sollen der modernen Gesellschaft entsprechen. [\u2026] Demokratische Gesellschaft bietet dynamischere und keine erstarrte Formen an\u201c \u2013 betonte Oksana Barschynowa, Kunstwissenschaftlerin, Leiterin der Forschungsabteilung f\u00fcr Kunst des XX. \u2013 Anfang XXI. Jahrhunderts im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine.<\/p>\n<p>Die zweite Herausforderung besteht darin, eine Trennlinie zwischen einem Denkmal (mit der oben erw\u00e4hnten symbolischen Bedeutung) und einem Bau- bzw. Kulturdenkmal zu ziehen, weil solche Objekte des historischen Erbes \u00fcber eine Reihe der Kunstcharakteristika verf\u00fcgen, die f\u00fcr eine bestimmte Epoche kennzeichnend sind. Das Gesetz bestimmt, dass ausschlie\u00dflich Denkm\u00e4ler f\u00fcr sowjetische Funktion\u00e4re sowie sowjetische Symbolik aus dem \u00f6ffentlichen Raum ger\u00e4umt werden m\u00fcssen, d.h. abgerissen oder musealisiert. \u201eWenn man sagt, dass alles sowjetische vernichtet werden soll \u2013 das ist objektiv falsch. Wenn man sagt, dass sozialistischer Realismus als eine Richtung, Stil, Erscheinung ausgerottet werden soll, ist ebenfalls falsch\u201c \u2013 betonte Alina Schpak, erste stellvertretende Leiterin des Ukrainischen Institutes f\u00fcr nationales Andenken. Gleichzeitig ist diese Trennlinie zwischen einem Denkmal und einem Bau- bzw. Kulturdenkmal nicht eindeutig. \u201eWir m\u00fcssen klar klassifizieren, was abgerissen werden soll und was Gemeinde und Experten entscheiden\u201c \u2013 betonte Oksana Barschynowa. R\u00fccksichtslose Ausf\u00fchrung dieses Gesetzes im sowjetischen Sinne einer \u201etotalen S\u00e4uberung\u201c sorgt f\u00fcr die Gefahr, dass die Kunstdenkm\u00e4ler, die nur teilweise unter dieses Gesetz fallen, sowie die Stadtkultur zerst\u00f6rt werden. Solche Denkm\u00e4ler, wie zum Beispiel Schtschors-Denkmal auf dem Taras-Schewtschenko-Boulevard in Kiew, sind nicht nur ein wertvolles Kunstobjekt, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des Architekturensembles. \u201eIn diesem Fall ist es notwendig, den Akzent von der dargestellten Person zu verlegen und zeigen, auf welche Weise das dargestellt wurde\u201c \u2013 betonte Barschynowa.<\/p>\n<p>Diskussionstr\u00e4chtig ist auch die Frage, was mit den Ehrenmalen f\u00fcr die im zweiten Weltkrieg Gefallenen zu tun: das Gesetzt erstreckt sich darauf nicht, aber \u201ediese Ehrenmale sind nicht immer das, was sie zeigen sollten: statt Opfer zu w\u00fcrdigen, glorifizieren sie den siegesreichen Krieg\u201c \u2013 erkl\u00e4rte Alina Schpak. Bislang ist die Frage noch offen.<\/p>\n<p>Eine Variante der Dekommunisierung kann das Umdenken und Neuanwendung des sowjetischen Erbes sein \u2013 Mosaiken, Kunstobjekte und R\u00e4umlichkeiten. \u201eWir sind daran \u00fcberzeugt, dass Dekommunisierung die M\u00f6glichkeit gibt, die Geschichte eigener Familie durch Archiv\u00f6ffnung zu untersuchen, ein neues Bild der Heimatstadt mitzupr\u00e4gen\u201c \u2013 sagte Olha Hontschar, Kulturologin, Assistentin der Fachrichtung Kunst im Ukrainischen Crisis Media Center. Sie wies darauf hin, dass die K\u00fcnstler solche Methode des k\u00fcnstlerischen Umdenkens w\u00e4hrend der Veranstaltungen in Winnyzja, Slowjanks, Sjewjerodonezk und Mariupol bereits erfolgreich angewandt haben. Diese \u201eKunstlandung\u201c stellte die M\u00f6glichkeit einer breiten \u00f6ffentlichen Diskussion sicher und best\u00e4tigte die Annahmen der K\u00fcnstler, dass Regionalspezifik bei der Ausf\u00fchrung dieses Gesetzes unbedingt ber\u00fccksichtigt sein soll. \u201eDie Dekommunisierung in den Front- sowie befreiten Gebieten ist eine sehr schmerzhafte Frage\u201c \u2013 betonte Olha Hontschar. \u201eMan muss eine detaillierte Methodologie ausarbeiten, damit die Dekommunisierungsprozesse keinen neuen Konflikt herbeif\u00fchren\u201c.<\/p>\n<p>Die Experten wiesen au\u00dferdem darauf hin, dass es ca. 2,5 Tausend Lenin-Denkmal im Herbst 2013 gab. W\u00e4hrend der Revolution der W\u00fcrde wurden ca. 600 davon abgerissen, weitere Tausend \u2013 nach der Verabschiedung des Dekommunisierungsgesetzes. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen auch ca. 1.000 Ortschaften gem\u00e4\u00df diesem Gesetz umbenannt werden. 175 Ortschaften sind bereits umbenannt. Alina Schlapak wies darauf hin, dass man meistens zwischen der historischen Bezeichnung der Ortschaft und den von der Gemeinde vorgeschlagenen Varianten ausw\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wiesen die Experten darauf hin, dass neben dem Bestreben, sowjetisches Erbe in der Vergangenheit zu lassen, entsteht die Vergangenheitsnostalgie als Teil des individuellen Ged\u00e4chtnisses. Kleine symbolische Merkmale in den Bezeichnungen wie \u201eSowjetischer Sekt\u201c, \u201eRestaurant Katjuscha\u201c usw. belegen, dass sowjetische Epoche f\u00fcr einen betr\u00e4chtlichen Teil der Gesellschaft noch wichtig ist, somit wird die bewusste \u201eTrennung\u201c damit ziemlich langanhaltend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WATCH IN ENGLISH Kiew, 24. Februar 2016 &#8211; Der Dekommunisierungsprozess in der Ukraine begann spontan w\u00e4hrend Revolution der W\u00fcrde und setzte sich nach dem jeweiligen Gesetzesabschluss fort. 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