{"id":55653,"date":"2016-06-18T00:04:43","date_gmt":"2016-06-18T00:04:43","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=44322"},"modified":"2017-03-08T14:13:41","modified_gmt":"2017-03-08T12:13:41","slug":"44322-ucmc-explainer-soloshenko-afanasiev","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/44322-ucmc-explainer-soloshenko-afanasiev","title":{"rendered":"Ohne Chance. Wie der russische Geheimdienst  FSB Menschen in Gefangenschaft bricht"},"content":{"rendered":"<p><em>Die am 14. Juni freigelassenen Ukrainer Hennadij Afanasjew und Jurij Soloschenko berichten Journalisten der Internetzeitung Ukrainska Prawda <a href=\"http:\/\/www.pravda.com.ua\/articles\/2016\/06\/17\/7112077\/\">in ihrem ersten Interview nach ihrer Gefangenschaft<\/a>, welche Folter und Misshandlungen sie in Russland ertragen mussten.\u00a0Das Ukraine Crisis Media Center ver\u00f6ffentlicht eine verk\u00fcrzte Fassung des Interviews.<\/em><\/p>\n<p><strong>Hennadij Afanasjew<\/strong><\/p>\n<p>Geboren wurde er im November 1990 in Simferopol. Er absolvierte Rechtswissenschaften an der Nationalen Tawrija-Universit\u00e4t und arbeitete als Fotograf. W\u00e4hrend der Besetzung der Halbinsel durch Russland half er den ukrainischen Milit\u00e4rs, die auf der Krim stationiert waren. Er nahm an Protestaktionen teil. Im Jahr 2014, als Hennadij verhaftet wurde, war er erst 23 Jahre alt. Jetzt ist er 25. Er erz\u00e4hlt den Journalisten seine Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Die Festnahme.<\/strong> &#8220;Am 9. Mai 2014 ging ich in Simferopol mit einem Foto meines Urgro\u00dfvaters auf die Parade anl\u00e4sslich des Tages des Sieges (\u00fcber Nazi-Deutschland). Danach ging ich zu einer Bekannten, die in der N\u00e4he, im Zentrum, wohnte. Aber unterwegs griffen mich bewaffnete junge M\u00e4nner in Zivil an und stie\u00dfen mich in ein Auto.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Wie er zu einem &#8220;Gest\u00e4ndnis&#8221; gezwungen wurde und warum.<\/strong> \u201cErst redeten sie, drohten mir, ich sagte nichts. Am ersten Tag gab es einfach Schl\u00e4ge. Dann brachten sie mich in den zweiten Stock &#8211; zu \u201cspeziellen Leuten\u201d und zum Ermittler. Wieder stellten sie verschiedene Fragen. Als ihnen klar wurde, dass ich keine Fakten wei\u00df, f\u00fcr die sie sich interessieren, verlangten sie von mir, gegen mich selbst auszusagen. Ich sollte gestehen, dass ich angeblich das Denkmal der \u201cEwigen Flamme\u201d am 9. Mai sprengen wollte. Das ist absurd, weil ich selbst unter den Leuten war, die zum Denkmal gingen! Dort wurde ich festgenommen und das haben viele Leute gesehen. In jenem zweiten Stock, um blaue Flecken zu vermeiden, zogen sie sich\u00a0 Boxhandschuhe an und schlugen auf meinen Kopf ein. Dann begannen sie mich grausam zu foltern. Sie zogen mir eine Gasmaske \u00fcber den Kopf und spr\u00fchten irgendetwas durch das aufgeschraubte Ventil. Danach begann ich mich zu erbrechen und wegen dieser Maske zu verschlucken. Sobald man sich verschluckt, nehmen sie die Maske herunter und geben einem Ammoniak zu riechen. Und das immer wieder.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes wurden Kabel an den Genitalien angebracht und es gab Stromschl\u00e4ge. Das Erw\u00fcrgen konnte man noch aushalten, aber dies war schon ein ganz anderer Schmerz. SO zwangen sie mich, Dokumente zu unterschreiben. Einfach unterschreiben und das war\u00b4s. Mir war klar, was dort stand. Ich sah, was dort geschrieben war. Aber selbst habe ich nichts geschrieben, alles war bereits vorbereitet, der ganze Text.<\/p>\n<p>Zum Schluss, als sie verlangten, mit ihnen eine Abmachung zu treffen, zogen sie mich aus und legten mich auf den Boden. Dabei wurde ich von irgendwelchen Leuten festgehalten. Mit einem L\u00f6tkolben n\u00e4herten sie sich meinem K\u00f6rper und sagten, was passieren w\u00fcrde, wenn der L\u00f6tkolben unter mir l\u00e4ge. Aber nun das Wichtigste. Sie drohten, meiner Mutter einen Besuch abzustatten. Das hat gewirkt. Ich werfe mir heute vor, dass ich nicht st\u00e4rker war. Ich habe meine Worte zur\u00fcckgezogen, aber&#8230; Ich habe diese Dokumente (Aussage gegen Senzow und Koltschenko) unterschrieben. Danach wurde ich nach Moskau gebracht. Mit den gleichen Drohungen zwangen sie mich, im Fernsehen aufzutreten und das zu sagen, was sie wollten. Ich hatte vor Augen, was sie mir in den Tagen vorher angetan hatten, und ich glaubte nicht, dass mich jemand sch\u00fctzen kann, damit dies nicht wieder passiert. Deshalb wiederholte ich einfach das, was sie von mir verlangten.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Afanasjew sagte gegen Senzow und Koltschenko aus.\u00a0<\/strong>Wie Afanasjew die Aussage gegen Senzow und Koltschenko zur\u00fcckzog. &#8220;Die ganzen eineinhalb Jahre tobte in meiner Seele ein schrecklicher Konflikt wegen meiner Aussage gegen die unschuldigen M\u00e4nner. Ich hielt bis zu ihrem Gerichtstermin durch, weil ich dachte, dass wenn ich meine Aussage widerrufe, man mich nicht vor Gericht laden wird<a href=\"http:\/\/www.pravda.com.ua\/news\/2015\/08\/12\/7077584\/\">. Ich wollte, dass es zu einer \u00dcberraschung<\/a> vor Gericht kommt. Ich wartete. Ich war sicher, das sei mein Ende. Ich schrieb Briefe an meine Mutter und meine Freunde mit der Bitte um Vergebung meiner S\u00fcnden. Dann ging ich zum Gerichtsprozess.\u201d<\/p>\n<p><strong>Die Strafe f\u00fcr die Aussageverweigerung gegen Senzow und Koltschenko.\u00a0<\/strong>&#8220;Die Russen haben ihre Versprechen gehalten. Sie brachten mich in den heutigen <a href=\"http:\/\/life.pravda.com.ua\/person\/2015\/11\/13\/203141\/\">GULAG in der Republik Komi<\/a>, die einzige Strafkolonie dieser Art in Russland.<\/p>\n<p>Ich war nicht einmal in der eigentlichen Strafkolonie, sondern in einer Baracke in strenger Haft. Das kann man nicht beschreiben. Wer nicht dort war, kann es sich nicht vorstellen.<\/p>\n<p>Selbst die Fahrt dorthin war sehr beschwerlich. Drau\u00dfen waren es 40 bis 45 Grad Hitze. Die Waggons heizten sich so auf, dass sie von L\u00f6schfahrzeugen gek\u00fchlt werden mussten. Drinnen gab es kein Wasser, keine Toiletten. Solche Bedingungen sind f\u00fcr Gefangene in Russland \u00fcblich. Sie leben wie Tiere, anders kann man das nicht nennen.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Der GULAG.<\/strong> &#8220;So gro\u00df ist die Baracke: Eineinhalb Meter von den W\u00e4nden entfernt stehen die Gitter. Dahinter patrouillieren die Wachen. Man kommt sich vor wie in einem Zoo. \u00dcberall sind Menschen, die einen angucken. Man lebt mit 100 Personen auf 150 Quadratmetern. Man kann nirgendwo sitzen und darf nicht liegen, alles ist verboten. Das ist die erste Baracke dieser Art mit einer solch \u201cstrengen Ordnung\u201d in ganz Russland.<\/p>\n<p>Aber ich habe mich \u00fcber die Bedingungen st\u00e4ndig beschwert. Wissen Sie, nachdem ich vor Gericht gesagt hatte, dass Koltschenko und Senzow unschuldig sind, hat sich etwas in mir ver\u00e4ndert. Ich hatte keine Angst mehr&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Jurij Soloschenko<\/strong><\/p>\n<p>Geboren wurde er im Gebiet Poltawa. Er absolvierte die Nationale Universit\u00e4t Charkiw. 48 Jahre lang arbeitete er in der R\u00fcstungsfabrik &#8220;Snamja&#8221;. Im Jahr 2010 ging er in Rente. Trotz Schlie\u00dfung der Fabrik, nutzte er seine alten Kontakte und half Kiew und Moskau beim Handel mit Sonderausr\u00fcstungen. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Jurij Soloschenko wurde verhaftet, als er 72 Jahre alt war. Jetzt ist er 74.<\/p>\n<p><strong>Die Festnahme.<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.pravda.com.ua\/news\/2015\/01\/23\/7056066\/\">Jurij Soloschenko wurde im August 2014<\/a> in Moskau festgenommen, wohin er f\u00fcr einen Tag zu einem Gesch\u00e4ftstreffen gereist war. Er wurde der Spionage beschuldigt.<\/p>\n<p>&#8220;Ich war beim Termin mit meinem Bekannten. Er bat mich nach Moskau zu kommen und eine Ausr\u00fcstung zu pr\u00fcfen. Pl\u00f6tzlich st\u00fcrzten bewaffnete Polizisten ins Zimmer.<\/p>\n<p>Der Oberstleutnant sprang mich an, dr\u00fcckte mich gegen die Wand, sagte: \u201cH\u00e4nde an die Wand und die F\u00fc\u00dfe schulterbreit stellen.\u201d Mir war nichts klar. Sie durchsuchten mich und nahmen mir zwei Telefone ab. Sie gaben sie mir in einem Plastikbeutel zur\u00fcck: &#8220;Nimm deine Handys.&#8221; Ich sah, dass darin irgendwelche Papiere mit meinen Handys lagen.<\/p>\n<p>Ich sagte: &#8220;Das geh\u00f6rt mir nicht.&#8221; &#8220;Nein, das geh\u00f6rt Ihnen. Sie sind damit gereist&#8221;, sagte man mir.<\/p>\n<p>Wie es sich herausstellte, hatten sie irgendwelche angeblich geheime Dokumente vorbereitet, und ich sei angeblich nach Russland gekommen, um sie zu stehlen.<\/p>\n<p>Der einzige &#8220;Beweis&#8221; sind diese Handys und die Dokumente, die sie mir selbst untergeschoben haben. Auf den Papieren gab es nicht einmal Fingerabdr\u00fccke von mir. Ich habe sie nicht gelesen, ich wei\u00df bis heute nicht, was in diesen Papieren steht. Sie haben mich \u00fcberhaupt nicht interessiert.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Wie der Prozess verlief.<\/strong> &#8220;Als der Anwalt Geld bekam, sagte er sofort: &#8220;Sie haben zwei M\u00f6glichkeiten: Wenn sie sich schuldig bekennen, dann bekommen Sie die Mindeststrafe von zehn Jahren. Wenn Sie sich nicht schuldig bekennen, bekommen Sie 20 Jahre Haft.&#8221; Und ich sagte ihm: &#8220;Schau mich an. Machen zehn oder 20 Jahre f\u00fcr mich einen Unterschied? Ich werde mich nat\u00fcrlich nicht schuldig bekennen.&#8221; Ich hatte zehn Monate lang keinen Anwalt. Acht Monate lang wurde der ukrainische Konsul nicht zu mir gelassen&#8221;.<\/p>\n<p>&#8220;Der Prozess war nicht \u00f6ffentlich, niemand war zugelassen, weder das Fernsehen, noch der Konsul. W\u00e4hrend der dritten Gerichtsverhandlung habe ich zu meiner eigenen Verteidigung ausgesagt. Der Richter h\u00f6rte mir zu. Doch im Urteil steht, das Gericht habe meine Worte \u201ckritisch\u201d aufgefasst.<\/p>\n<p>Am 14. Oktober 2014 wurde das Urteil gesprochen. An diesem Tag war jeder zugelassen, sowohl Menschenrechtsaktivisten als auch der Konsul.<\/p>\n[Anmerkung: Soloschenko kooperierte mit den Ermittlern. Ihm wurde versprochen, sollte er sich der Spionage schuldig bekennen, in der Wohnung seines Freundes im Gebiet Moskau unter Hausarrest gestellt zu werden. In Wirklichkeit wurde Soloschenko aber irregef\u00fchrt]\n<p><strong>Die Strafe.<\/strong> &#8220;Es kam ein Brief und darin stand, dass das Urteil vollstreckt und ich an den Ort des Strafvollzugs geschickt werden muss. Zu dieser Zeit war ich in Moskau im Gef\u00e4ngnis-Krankenhaus.\u00a0Ich wurde dort direkt abgeholt&#8221;.<\/p>\n<p>&#8220;&#8230; Diese Stolypin-Waggons. Sie sehen wie gew\u00f6hnliche aus: ein Korridor, entlang des Korridors gibt es Abteile, nur dass dort \u00fcberall Gitter sind. Fenster haben die Abteile keine. Auf beiden Seiten sind jeweils drei Liegen. Im Abteil sind zw\u00f6lf Personen und alle rauchen. Ich fragte die Wache: &#8220;Wenn im Abteil Feuer ausbricht, \u00f6ffnet Ihr dann das Gitter, damit wir hinausspringen k\u00f6nnen?&#8221; Er sagte: &#8220;Nein, f\u00fcr mich ist es viel einfacher, Euch abzuschreiben, als sp\u00e4ter daf\u00fcr geradezustehen, dass Ihr alle weggelaufen seid.&#8221;<\/p>\n<p>Bevor ich in die Strafkolonie gebracht wurde, kam ich f\u00fcr zwei Wochen ins Gef\u00e4ngnis-Krankenhaus in Nischnij Nowgorod. Aber mir wurde schlecht und ich wurde ins regionale Gef\u00e4ngnis-Krankenhaus der Strafkolonie 5 gebracht. Dort lag ich 2,5 Monate. Von dort wurde ich in die Strafkolonie \u00fcberf\u00fchrt.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Ich wurde nicht geschlagen. Sie versuchten mich seelisch zu brechen. Ich hatte nichts zu verlieren&#8230; Nat\u00fcrlich, ich wollte meine Enkel wiedersehen.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;In Russland kann man nicht mit irgendeiner Menschlichkeit rechnen. Dieses Monster, Russland, hat nur einen Machthaber &#8211; diesen Herrscher der ganzen \u201cRus\u201d und seine \u201cOpritschniki\u201d vom FSB&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die am 14. Juni freigelassenen Ukrainer Hennadij Afanasjew und Jurij Soloschenko berichten Journalisten der Internetzeitung Ukrainska Prawda in ihrem ersten Interview nach ihrer Gefangenschaft, welche Folter und Misshandlungen sie in Russland ertragen mussten.\u00a0Das Ukraine Crisis Media Center ver\u00f6ffentlicht eine verk\u00fcrzte Fassung des Interviews. Hennadij Afanasjew Geboren wurde er im November 1990 in Simferopol. 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