{"id":58736,"date":"2016-08-18T11:18:35","date_gmt":"2016-08-18T11:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=46160"},"modified":"2017-03-08T14:09:48","modified_gmt":"2017-03-08T12:09:48","slug":"46160-ilchenko-krim-escape","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/46160-ilchenko-krim-escape","title":{"rendered":"\u201eFlucht von der Krim\u201c \u2013 die unglaubliche Geschichte eines ehemaligen politischen Gefangenen"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Juni 2016 wandte sich Jurij Iltschenko, politischer Gefangener, der von der okkupierten Krim floh, an die Freiwilligenorganisation \u201eKrimSOS\u201c von Lwiw. Das Ukraine Crisis Media Center ver\u00f6ffentlicht eine gek\u00fcrzte Version des <a href=\"http:\/\/www.pravda.com.ua\/articles\/2016\/08\/17\/7117944\/\">Artikels in der \u201eUkrainska Prawda\u201c<\/a>, in dem \u00fcber Folter und die unmenschliche Behandlung in russischen Untersuchungsgef\u00e4ngnissen berichtet wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Jurij Iltschenko wurde im Juli 2015 von Mitarbeitern des FSB und ZPE (Zentrum zur Extremismusbek\u00e4mpfung) festgenommen. Er war 11 Monate lang in den Untersuchungsgef\u00e4ngnissen von Simferopol und Sewastopol. Iltschenko wurde beschuldigt, sich in seinem Blog und in Sozialen Netzen in Bezug auf die Okkupation der Krim durch Russland und den Krieg, den Russland in der Ostukraine f\u00fchrt, scharf ge\u00e4u\u00dfert zu haben.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Juni 2016 kam er in Hausarrest, aus dem er auf das Festland in die Ukraine fliehen konnte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Verhaftung<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Okkupation der Halbinsel im M\u00e4rz 2014 weigerte sich die Familie von Iltschenko, die russische Staatsangeh\u00f6rigkeit anzunehmen. Jurij Iltschenko gab in Sewastopol Nachhilfe und Sprachkurse, unter anderem f\u00fcr ukrainisch, krimtatarisch, t\u00fcrkisch, polnisch und englisch.<\/p>\n<p>Er vertrat aktiv eine pro-ukrainische Position, \u00fcber die er in seinem Blog und in Sozialen Netzen berichtete. Unter anderem schrieb er Petitionen f\u00fcr die Anerkennung des Medschlis als einzig legales Machtorgan auf der Krim, sowie f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Blockade der Krim. Au\u00dferdem trat er mehrfach mit Appellen gegen die Okkupierung der Halbinsel auf.<\/p>\n<p>Am 25. August 2014 kamen Mitarbeiter des FSB und des ZPE (Zentrum zur Extremismusbek\u00e4mpfung) in sein B\u00fcro und f\u00fchrten ein \u201evorbeugendes Gespr\u00e4ch\u201c \u00fcber seine \u201eextremistischen T\u00e4tigkeiten\u201c.<\/p>\n<p>Am 2. Juli 2015 brachen 10 Personen in die Wohnung seiner Eltern ein.<\/p>\n<p>Nach der Hausdurchsuchung wurde er verh\u00f6rt und ins Untersuchungsgef\u00e4ngnis von Sewastopol gebracht. Gegen ihn wurde ein Verfahren laut Artikel 282 des russischen Strafgesetzbuchs (Sch\u00fcren von internationalem Zwist) f\u00fcr seine anti-russischen Posts im Internet er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Ihm drohten mehrj\u00e4hrige Haftstrafen (10-20 Jahre) in Magadan (Russland). Ihm wurde angeboten, die Strafe abzumildern, wenn er bei den Ermittlungen kooperiert. Hierzu h\u00e4tte er ein \u201eSchuldgest\u00e4ndnis\u201c und einen Vertrag \u00fcber die Zusammenarbeit unterschreiben sollen. Au\u00dferdem wurde verlangt, dass er alles \u00fcber seine Aktionen berichtet und sich stellt (er sollte angeben, dass er ein \u201eKoordinator des \u201eRechten Sektors\u201c in Sewastopol und auf der Krim\u201c sei und dass er das Lenindenkmal sprengen wollte).<\/p>\n<p>Iltschenko weigerte sich, zu kooperieren. Deshalb wurde er angeklagt, extremistische T\u00e4tigkeiten begangen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gef\u00e4ngnis<\/strong><\/p>\n<p>Iltschenko befand sich vom 2. Juli 2015 bis 2. Juni 2016 in den Untersuchungsgef\u00e4ngnissen von Sewastopol und Simferopol.<\/p>\n<p><strong>Beziehung zwischen Mitgefangenen<\/strong><\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis wurde er st\u00e4ndig von seinen Mitgefangenen verpr\u00fcgelt. Daf\u00fcr wurde ihnen versprochen, sie vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Au\u00dferdem versuchten seine Mitgefangenen regelm\u00e4\u00dfig, ihn zur russischen Staatsangeh\u00f6rigkeit zu \u00fcberreden und dass er mit dem FSB zusammenarbeitet. Sie verhielten sich ihm gegen\u00fcber sehr schlecht und drohten ihm mit Vergewaltigung.<\/p>\n<p>Iltschenko erhielt keine zeitnahe \u00e4rztliche Behandlung, obwohl er schriftlich darum bat. Er musste manchmal bis drei Monate warten, dass sich endlich ein Arzt um ihn k\u00fcmmerte.<\/p>\n<p><strong>Haftbedingungen und Folter<\/strong><\/p>\n<p>Laut Angaben von Iltschenko waren die Zellen \u00fcberf\u00fcllt: \u201eIch hatte sogar kein eigenes Bett. Wir schliefen nacheinander. Manchmal musste ich auf dem Fu\u00dfboden schlafen. Ich bekam erst 10 Monate nach meiner Verhaftung eine Decke zum Schlafen, und nach 9 Monaten eine eigene Tasse, einen L\u00f6ffel und Teller. Ich bekam mehrere Monate lang keine notwendigen Medikamente. Das Licht war 24 Stunden am Tag an und wurde nie ausgeschalten. Die oberen Betten waren direkt neben der Lampe. Teilweise gab es kompletten Schlafentzug. Ich wurde gezwungen, zu stehen, und wenn ich nicht mehr konnte, dann musste ich auf einem Hocker sitzen. Immer wenn ich kurz vor dem Einschlafen war, wurde ich geschlagen. Und wenn ich fast das Bewusstsein verlor, weil ich niedrigen Blutdruck habe, beschuldigten mich die Mitarbeiter der Sonderdienste, dass ich simulieren w\u00fcrde und schlugen mich. Einmal brachten sie mich ins Krankenhaus und zwangen den Arzt, eine Bescheinigung auszustellen, dass ich nur simuliere. Au\u00dferdem wurde den \u00c4rzten von den Mitarbeitern der Sonderdienste diktiert, was sie schreiben sollten. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung gab es nicht, obwohl diese im Befund angewiesen war.\u201c<\/p>\n<p><strong>Treffen mit Verwandten<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb dieser 11 Monate sah Iltschenko nur einmal seine Eltern. Er wurde auch daran gehindert, einen privaten Anwalt zu konsultieren.<\/p>\n<p><strong>Arrestzellen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn der Arrestzelle waren die Bedingungen noch schlechter. Diese befanden sich im Keller, wo es Ratten gab. Einmal war ich dort f\u00fcr f\u00fcnf Tage. Ich durfte von 6 Uhr Morgens bis Abends 10 Uhr nicht schlafen, wobei es auch keine Sitzm\u00f6glichkeit gab, weil das Bett um 6 Uhr Morgens hochgeklappt und an der Wand fixiert wurde. In diesen 16 Stunden konnte man nur herumgehen oder auf dem kalten Beton sitzen. \u00c4rztliche Betreuung gab es keine. Ein Arzt meinte, dass die Betten t\u00e4glich frisch bezogen werden sollen, aber wir durften manchmal zweieinhalb Monate nicht ins.\u201c<\/p>\n<p><strong>Ern\u00e4hrung<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Essen war so schlecht, dass die Gefangenen das Fr\u00fchst\u00fcck und Abendessen verweigerten. Das Mittagessen bestand aus einer Suppe, die man nur a\u00df, nachdem sie abgekocht wurde. Zweimal in der Woche gab es gebackene Nudeln, was als Festtag galt. An den sonstigen Tagen gab es unessbaren ungekochten Brei. Das Wasser war sehr schlecht. Es roch st\u00e4ndig nach Chlor, weshalb man es auch abkochen musste. Und f\u00fcr alle Pakete von Verwandten gab es dumme Vorschriften. Zum Beispiel durfte kein Streuzucker, keine Butter und kein Essen von zu Hause \u00fcbergeben werden. Alles musste in einem Laden gekauft werden. Es war untersagt, Eier, Obst, Gem\u00fcse oder Fleischprodukte zu bringen. Diese Verbote galten mehrere Monate.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sprachliche Diskriminierung<\/strong><\/p>\n<p>Iltschenko wurde daf\u00fcr geschlagen, weil er ukrainisch und krimtatarisch sprach. Er wurde gezwungen, nur russisch zu sprechen. Es war ihm verboten, sich mit irgendeiner Fremdsprache zu besch\u00e4ftigen und B\u00fccher zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Flucht von der Krim<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gericht und Hausarrest<\/strong><\/p>\n<p>Am 2. Juni 2016 entschied das russische \u201eOkkupationsstadtgericht von Sewastopol\u201c, Iltschenko bis zum 25. Juni unter Hausarrest zu stellen.<\/p>\n<p>Allerdings gab es daf\u00fcr viel Einschr\u00e4nkungen: nur innerhalb der Wohnung bleiben, kein Telefon (sowohl Festnetz, als auch mobil), kein Internet, kein Kontakt au\u00dfer den Eltern, insbesondere kein Kontakt mit Zeugen zu seinem Fall. Er durfte auch keine Post empfangen oder verschicken. Und er brauchte eine Erlaubnis, um mit einem Anwalt zu sprechen, was illegal ist.<\/p>\n<p>In den ersten Tagen wurde er von Mitarbeitern der Sonderdienste in seiner Wohnung beobachtet. Er hatte eine elektronische Fu\u00dffessel und im Hof waren Videokameras aufgestellt.<\/p>\n<p><strong>Flucht<\/strong><\/p>\n<p>Polizisten deuteten Iltschenko mehrfach an, dass er wieder verhaftet wird. Deshalb entschied er sich, am 11. Juni in der Nacht zu fliehen. Er ging mit Sachen seiner Eltern aus der Wohnung. Nachdem er die Kameras passiert hatte, schnitt er die Fu\u00dffessel mit einem Messer ab. Dann kam er per Anhalter bis Bachtschyssaraj und bestellte sich mit einem fremden Telefon ein Taxi, mit dem er bis zum Busbahnhof von Simferopol fuhr. Von dort gelangte er mit dem n\u00e4chsten Bus bis Armjansk.<\/p>\n<p><strong>Grenz\u00fcbertritt<\/strong><\/p>\n<p>An der Grenze sah er auf der einen Seite freies Feld und auf der anderen eine Mauer mit unpassierbarem Gestr\u00fcpp. Er wusste, dass beide Seiten Minen und Sprengfallen verlegt hatten, aber er war bereit, besser zu sterben, als noch einmal in ein russisches Gef\u00e4ngnis zu gehen.<\/p>\n<p>Iltschenko w\u00e4hlte die Mauer.<\/p>\n<p>Nachdem er \u00fcber der Mauer war, sah er einen russischen Soldaten, an dem er bis zum ukrainischen Checkpoint vorbei musste. Der Checkpoint war nur mehrere Meter entfernt. Als er dort unbeschadet ankam, erz\u00e4hlte er den ukrainischen Grenzsoldaten seine Geschichte und zeigte entsprechende Dokumente, wonach sie ihn durch lie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Ankunft in Lwiw<\/strong><\/p>\n<p>Iltschenko schaffte es bis nach Nikolajew. Von dort aus gelangte er nach Lwiw. Dort wurde ihm mit etwas Geld, Essen und einer Wohnung geholfen, sowie bei der medizinische Versorgung und den notwendigen Dokumenten.<\/p>\n<p>Die Leute von \u201eKrimSOS\u201c halfen auch, dass die Eltern von Jurij Iltschenko von der Krim ausreisen konnten.<\/p>\n<figure class=\"mace-gallery-teaser\"\n\tid=\"mace-gallery-58736-1\"\n\tdata-g1-gallery-title=\"\"\n\tdata-g1-gallery=\"[{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:58738,&quot;title&quot;:&quot;fd6be3f-ilchenko-01&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2016\\\/08\\\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591-150x150.jpg&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2016\\\/08\\\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591.jpg&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2016\\\/08\\\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591.jpg&quot;}]\"\n\tdata-g1-share-shortlink=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/46160-ilchenko-krim-escape#mace-gallery-58736-1\"\n\t>\n\t<a class=\"mace-gallery-teaser-poster\">\n\t\t<img width=\"350\" height=\"262\" src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591.jpg\" class=\"attachment-bimber-grid-standard-2x size-bimber-grid-standard-2x\" alt=\"\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591.jpg 350w, https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/fd6be3f-ilchenko-01-e1471598813591-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/>\t\t<span class=\"mace-gallery-teaser-button\">\n\t\t\t<span class=\"g1-epsilon g1-epsilon-1st mace-gallery-teaser-button-text\">View Gallery<\/span>\n\t\t\t<span class=\"g1-meta mace-gallery-teaser-button-counter\">\n\t\t\t\t1 image\t\t\t<\/span>\n\t\t<\/span>\n\t<\/a>\n<\/figure>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni 2016 wandte sich Jurij Iltschenko, politischer Gefangener, der von der okkupierten Krim floh, an die Freiwilligenorganisation \u201eKrimSOS\u201c von Lwiw. 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