{"id":60317,"date":"2016-09-16T15:51:13","date_gmt":"2016-09-16T15:51:13","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=47174"},"modified":"2017-03-08T14:03:52","modified_gmt":"2017-03-08T12:03:52","slug":"47174-regenbrecht-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/47174-regenbrecht-ukraine","title":{"rendered":"Was denkt man in Deutschland \u00fcber die Ukraine: Krieg, Minsk, Reformen und Visafreiheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Johannes Regenbrecht ist der Ukraine-Beauftragter und Chefdiplomat im Ausw\u00e4rtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland. Er ist in der deutschen Diplomatie f\u00fcr alle Fragen zust\u00e4ndig, die mit den deutsch-ukrainischen Beziehungen verbunden sind.<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/hromadske.ua\/posts\/dumky-nimechchyny-pro-ukrainu-viina-reformy-bezviz\">Hromadske International f\u00fchrte mit Herrn Regenbrecht ein Interview<\/a> \u00fcber die Position der Bundesdeutschen Regierung zu Kernfragen, die auf der Tagesordnung zur Ukraine stehen. Er sprach \u00fcber den Krieg, Russland, den Minsker Prozess, Reformen und die Visafreiheit. Das Ukraine Crisis Media Center ver\u00f6ffentlicht eine gek\u00fcrzte Version des Gespr\u00e4chs.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00dcber Russland<\/strong><\/p>\n<p>Russland tr\u00e4gt f\u00fcr die Sicherheit in der Ostukraine die Hauptverantwortung. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Grenze ist weiterhin offen, so dass russische Waffen ungehindert [in das Gebiet der Ukraine] geliefert werden k\u00f6nnen. Uns ist auch die enge Verflechtung Russlands bei der Entwicklung des Konflikts in der Ostukraine bekannt. Das ist v\u00f6llig klar und Deutschland, sowie\u00a0 Frankreich versuchen alles in ihrer Macht stehende, um auf Russland einzuwirken, damit sich der Waffenstillstand stabilisiert, damit die Waffenlieferungen in die Region gestoppt werden und damit der Prozess des Waffenabzugs wieder aufgenommen wird.<\/p>\n<p>Wie Pr\u00e4sident Poroschenko in seinem Auftritt vor der Werchowna Rada sagte, liefert Russland weiterhin Waffen an die Separatisten. Diese Lieferungen m\u00fcssen aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Waffenabzug<\/strong><\/p>\n<p>Der Waffenstillstand kann nur dann stabil sein, wenn die Waffen und wenn die bewaffneten Gruppen abgezogen sind. Deshalb, weil sich die bewaffneten Gruppen zu nah gegen\u00fcber stehen. Daher ist das Risiko von Verst\u00f6\u00dfen gegen den Waffenstillstand sehr hoch. Auf beiden Seiten des Konflikts sind viel zu viele Waffen konzentriert.<\/p>\n<p>Beide Seiten verletzen den Waffenstillstand. Sowohl die ukrainische Seite, als auch die Separatisten, die von Russland unterst\u00fctzt werden. Dies zeigen die Berichte der OSZE-Sonderbeobachtungsmission. Deshalb kann ein nachhaltiger Waffenstillstand nur durch den Abzug von Waffen erreicht werden. Dazu liegen die vereinbarten Abkommen auf dem Tisch und diese m\u00fcssen erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die derzeitige Sonderbeobachtungsmission der OSZE<\/strong><\/p>\n<p>Gerade ist in der Konfliktzone eine Sonderbeobachtungsmission der OSZE t\u00e4tig. Sie erf\u00fcllt ihre Arbeit unter den Bedingungen, die ihnen die Konfliktparteien geben, ausgezeichnet.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens behindern die Separatisten den Zugang der OSZE in die Konfliktzone enorm. Und eigentlich br\u00e4uchten wir einen bedeutend gr\u00f6\u00dferen Zugang f\u00fcr die Mission [in diese Gebiete], damit sie die Situation beobachten, insbesondere den Grenzbereich zwischen der Ukraine und Russland.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber eine m\u00f6gliche Polizeimission der OSZE<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit ist eine Polizeimission der OSZE kein Thema. Das, was in Wien zwischen den OSZE-Mitgliedsl\u00e4ndern besprochen wurde, ging um eine Mission zur Unterst\u00fctzung von Lokalwahlen [im Donbass]. Deshalb wird derzeit das Format und der Rahmen dieser Mission diskutiert. Aber es geht nicht um eine Polizeimission im strengen Sinne des Wortes.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Reformen in der Ukraine und die Regierung Hrojsman<\/strong><\/p>\n<p>Die Ukraine wird von au\u00dfen angegriffen. Sie erlebt eine sehr schwierige Zeit. Und deshalb ist es noch wichtiger, die Ukraine zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Nach unserer Einsch\u00e4tzung leistet die Regierung Hrojsman bisher gute Arbeit bei der Fortsetzung jener Reformprozesse, die von der vorherigen Regierung begonnen wurden. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte mehr gemacht werden. Und wir Sorgen uns etwas, dass das Momentum und die Dynamik dieser Reformen verloren geht. Allerdings hoffen wir, dass mit Beginn der neuen Plenarsitzungen in der Werchowna Rada wieder mehr gesetzgebende Arbeit geleistet wird, was derzeit notwendig ist und dass weitere Schritte bei der Implementierung von Reformen umgesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Korruptionsbek\u00e4mpfung<\/strong><\/p>\n<p>In der Ukraine gab es einen gewissen Fortschritt bei der Reform des Gerichtssystems und bei der Gr\u00fcndung von Antikorruptionsinstitutionen. Ich traf mich hier in der Ukraine mehrmals mit Vertretern des Nationalen Antikorruptionsb\u00fcros und Vertretern der Zivilgesellschaft. Bei diesen Treffen wurde ein relativ positiver Eindruck \u00fcber die Fortschritte geteilt, der erreicht wurde.<\/p>\n<p>Wir erwarten uns gr\u00f6\u00dfere Unterst\u00fctzung seitens der Regierung und der Generalstaatsanwaltschaft. Dabei entsteht in letzter Zeit der Eindruck, dass diese Institute manchmal nicht zusammen arbeiten und sich auch nicht gegenseitig unterst\u00fctzen. Es scheint manchmal, dass sie sogar gegeneinander arbeiten.<\/p>\n<p>Heute leistet das Nationale Antikorruptionsb\u00fcro gute Arbeit, soweit ich das sehe und soweit es die internationale Gemeinschaft betrachtet. Gleiches gilt f\u00fcr die neue Antikorruptionsstaatsanwaltschaft und die Nationalagentur zur Korruptionsvorbeugung. All diese Institutionen m\u00fcssen jetzt aufgebaut und gest\u00e4rkt werden, damit sie ihre Arbeit manchen k\u00f6nnen, denn die einfachen Leute auf der Stra\u00dfe m\u00fcssen auch deren Arbeitsergebnisse sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die elektronische Einkommenserkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>In der zweiten Augusth\u00e4lfte gab es in diesem Bereich gewisse Probleme. Ich hoffe, dass diese Fragen zwischenzeitlich gekl\u00e4rt sind. Die elektronische Einkommenserkl\u00e4rung wird derzeit zertifiziert und soll seine Arbeit aufnehmen, um die Voraussetzungen zu schaffen, damit staatliche Institutionen und ukrainische B\u00fcrger \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen, ob die gemachten Angaben der Wahrheit entsprechen. Dies wird einen sehr bedeutenden Beitrag bei der Korruptionsbek\u00e4mpfung in der Ukraine leisten.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Visafreiheit<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt einen Aktionsplan zur Visaliberalisierung. Dieses Dokument wurde vereinbart, wurde erf\u00fcllt und die Erf\u00fcllung wurde von den europ\u00e4ischen Institutionen, unter anderem von der Europ\u00e4ischen Kommission, bereits im Dezember 2015 angenommen. Dabei wurden die vorherigen Schritte, die von der Ukraine erf\u00fcllt werden sollten, auch umgesetzt. Nat\u00fcrlich erwarten wir im Bereich der Korruptionsbek\u00e4mpfung weiterhin intensive Arbeit.<\/p>\n<p>Nun befindet sich die Frage zur Visaliberalisierung auf der Tagesordnung der europ\u00e4ischen Institutionen. Dieser Prozess betrifft unter anderem das Europaparlament, sowie den Europarat, einschlie\u00dflich der Justiz- und Innenminister der EU-Mitgliedsl\u00e4nder. Diese Institutionen tauschen sich mit der Europ\u00e4ischen Kommission aus. Das Europaparlament muss gewisse Rechtsdokumente f\u00fcr die Visaliberalisierung beschlie\u00dfen, wobei es haupts\u00e4chlich \u00fcber Kontrollmechanismen geht, die in diesem Kontext notwendig sind. Doch dieser Prozess l\u00e4uft derzeit vor dem Hintergrund der Asylantr\u00e4ge und Fl\u00fcchtlingskrise in Europa.<\/p>\n<p>Deshalb kann ich keinen konkreten Zeitrahmen nennen, wann dieser Prozess abgeschlossen sein wird. Aber ich denke, dass das Inkrafttreten der Visaliberalisierung, das hei\u00dft, die Einf\u00fchrung der Visafreiheit, ein v\u00f6llig realistisches Ziel darstellt. Und das kann nicht mehr all zu lange dauern.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Unterst\u00fctzung Deutschlands f\u00fcr die Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind davon \u00fcberzeugt, dass die Ukraine ein sehr wichtiges Land ist und dass die territoriale Integrit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t der Ukraine ernsthaft bedroht ist. Und durch diese Bedrohung befinden wir uns selbst auch in Gefahr. Deshalb m\u00fcssen wir zusammenhalten und weiterhin eng mit der Ukraine zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Wir werden die Ukraine weiterhin unterst\u00fctzen und Schulter an Schulter stehen. Wir werden unser Hilfsprogramm fortsetzen. Derzeit geh\u00f6ren wir zu den gr\u00f6\u00dften Geberl\u00e4ndern, sowohl in Bezug auf humanit\u00e4re Hilfe, als auch in Bezug auf die Unterst\u00fctzung bei der Entwicklung der Wirtschaft, der Infrastruktur und des Energiesektors.<\/p>\n<p>Wir verst\u00e4rken auch unsere Wirtschaftsbeziehungen. Wir sehen derzeit, dass sich der Anteil Russlands in der ukrainischen Handelsbilanz verringert, und daf\u00fcr der Anteil der Europ\u00e4ischen Union zunimmt. Deutschland spielt bei diesem Prozess eine sehr wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: wir werden der Ukraine weiterhin helfen, zusammen mit unseren europ\u00e4ischen und anderen internationalen Partnern. Und wir werden dabei sehr aufmerksam die Reformen in der Ukraine beobachten. Allerdings sagen wir auch sehr deutlich, dass die Ausweitung der Hilfe direkt davon abh\u00e4ngt, ob die Ukraine zeigt, dass sie es mit den Reformen ernst meint. Der Zusammenhang zwischen Reformen und Hilfen ist sehr wichtig, ja gerade ein Schl\u00fcssel f\u00fcr das enge Monitoring der ukrainischen Prozesse und die Festigung des politischen Dialogs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Regenbrecht ist der Ukraine-Beauftragter und Chefdiplomat im Ausw\u00e4rtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland. Er ist in der deutschen Diplomatie f\u00fcr alle Fragen zust\u00e4ndig, die mit den deutsch-ukrainischen Beziehungen verbunden sind. Hromadske International f\u00fchrte mit Herrn Regenbrecht ein Interview \u00fcber die Position der Bundesdeutschen Regierung zu Kernfragen, die auf der Tagesordnung zur Ukraine stehen. 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