{"id":62289,"date":"2016-10-27T15:08:57","date_gmt":"2016-10-27T15:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=48612"},"modified":"2016-12-22T11:42:46","modified_gmt":"2016-12-22T09:42:46","slug":"48612-rmg-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/48612-rmg-16","title":{"rendered":"An erster Stelle steht gegenseitige Hilfe: Wie das Leben in Nowotroizk und Mariupol aussieht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=o6Y2AGvpUZc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">WATCH IN ENGLISH<\/a><\/p>\n<p><strong>Kiew, 27. Oktober 2016<\/strong> \u2013 Die Kampfhandlungen dauern in der Ostukraine bereits fast zweieinhalb Jahre an. In einigen Bereichen der Kontaktlinie gibt es t\u00e4glich Scharm\u00fctzel und trotzdem sind viele Lokalbewohner in ihre H\u00e4user zur\u00fcckgekehrt, um dort ein normales Leben zu leben. Andere fl\u00fcchteten aus den besetzten Gebieten und versuchen sich langsam in die neuen Gemeinden von frontnahen Ortschaften und Mariupol zu integrieren. Uljana Tokarewa berichtet, wie das Leben in frontnahen Ortschaften aussieht und welche Fragen die Menschen am meisten qu\u00e4len. Sie ist Vorsitzende des Komitees f\u00fcr Sozialpolitik, Medizin und \u00d6kologie beim \u201eEntwicklungsfond von Mariupol\u201c. Au\u00dferdem berichtete Iryna Perkowa, Koordinatorin des Crisis Media Centers in Mariupol. Die Skypeschaltung fand im Ukraine Crisis Media Center in Kiew im Rahmen des Projekts \u201eSprecher eines friedlichen Lebens\u201c statt, das mit Unterst\u00fctzung des deutschen Au\u00dfenministeriums umgesetzt wird.<\/p>\n<p><strong>Nowotroizk: Leben unter Beschuss<\/strong><\/p>\n<p>Nowotroizk liegt auf halbem Weg zwischen Wolnowacha und Dokutswchajewsk, faktisch direkt an der Kontaktlinie. Um die Situation in der Ortschaft zu sehen, fuhr Iryna Perkowa vor Ort und unterhielt sich mit den lokalen Abgeordneten des Dorfrats, mit dem Schuldirektor Valerij Iwanow und mit der Schulpsychologin Tetjana.<\/p>\n<p><strong>Geschosse in Wohnvierteln sind normaler Alltag<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit leben in der Ortschaft zirka 8.000 Personen, einschlie\u00dflich der Binnenfl\u00fcchtlinge aus den besetzten Gebieten. Die Mehrheit, die seit Kriegsbeginn an einen sicheren Ort fl\u00fcchtete, kehrte zwischenzeitlich zur\u00fcck. Aber die Kampfhandlungen dauern immer noch an, trotz der neuesten Minsker Vereinbarungen.<\/p>\n<p>Laut Angaben des Schuldirektors wurde am 14. Oktober die ganze Nacht \u00fcber geschossen, einschlie\u00dflich mit Artillerie. Inzwischen beruhigte sich die Situation wieder etwas, doch gleichzeitig gibt es praktisch jeden Tag kleinere Scharm\u00fctzel mit Gewehrfeuer.<\/p>\n<p>Vor einem Jahr gab es eine Trag\u00f6die im Ort: eine ganze Familie verlor durch einen Granattreffer ihr Leben. Allerdings sind Geschosse in Wohnvierteln normaler Alltag in der Ortschaft.<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten litt das freie Gel\u00e4nde, wo sich die Schule Nr. 2 befindet. Seit 2014 gab es dort keine Feuerpause. Durch den Beschuss litten die H\u00e4user und Privatfahrzeuge von \u00fcber 100 Bewohnern.<\/p>\n<p>Valerij Iwanow berichtete, dass der Dorfrat einem Besitzer eines besch\u00e4digten Hauses die einmalige symbolische Summe zur Reparatur von 1.000 Hryvna (umgerechnet zirka 35 Euro) gew\u00e4hrte. Es gibt auch Stiftungen und Hilfsorganisationen, die Baumaterial zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p><strong>Hohe Preise, Warteschlangen bei Banken und Mangel an Bargeld in Bankautomaten<\/strong><\/p>\n<p>Nowotroizk leidet nicht nur unter dem Beschuss, sondern auch wegen des gro\u00dfen Menschenstroms bei den Ein- und Ausreisepunkten. Laut Angaben von Valerij Iwanow sind die Preise vor allem aufgrund der hohen Nachfrage gestiegen. Tags\u00fcber kommen Leute aus den nicht von der Ukraine kontrollierten Gebieten und kaufen in gro\u00dfem Umfang Nahrungsmittel, um dann daran zu verdienen. Ein weiteres Problem sind die Rentner aus den besetzten Gebieten, die an den Bankautomaten auf einmal hohe Summen abheben. Deshalb gibt es lange Warteschlangen und oft fehlt es an Bargeld.<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlingskinder werden in die lokale Gemeinschaft integriert<\/strong><\/p>\n<p>An der Schule Nr. 4 werden 328 Kinder unterrichtet, davon sind 12 Kinder von Fl\u00fcchtlingen aus den besetzten Gebieten. An der Schule gibt es keinen Luftschutzkeller, weshalb sie bei Beschuss im benachbarten Geb\u00e4ude Deckung suchen.<\/p>\n<p>\u201eIm Vergleich zum Beginn des Vorjahres kamen mehr Kinder zur\u00fcck\u201c, berichtete die Schulpsychogin Tetjana. Nach ihren Angaben sind die Fl\u00fcchtlingskinder bereits in die lokale Gemeinschaft integriert: viele von ihnen f\u00fchlen sich nicht in einer \u201efremden Stadt\u201c, sondern sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen. \u201eWir arbeiten mit ihnen vor allem individuell. Auch mit den Eltern. Zu Beginn gab es im Unterricht das Thema \u201eEin Neuer in der Klasse\u201c, erz\u00e4hlte sie. Zwischen den Kindern gibt es keine Konflikte aus ideologischen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>Mariupol: An erster Stelle steht gegenseitige Hilfe<\/strong><\/p>\n<p>In Mariupol leben zirka eine halbe Million Menschen; davon sind \u00fcber 100.000 Fl\u00fcchtlinge. Im Juni 2014 entschied Mariupol auf dem Niveau der Stadtbeh\u00f6rden und Selbstverwaltung, jeden aufzunehmen, der aus dem Bereich der Kampfhandlungen floh.<\/p>\n<p>\u201eWir dachten, dass es nicht f\u00fcr lange und nur vor\u00fcbergehend sei und dass das alles schnell zu Ende w\u00e4re. Sehr viele Freiwillige, Gesellschaftsorganisationen und das Sozialamt haben sich zusammengeschlossen. Sehr viele Lokalbewohner brachten Essen, Kleidung und stellten Wohnraum zur Verf\u00fcgung, der leer stand\u201c, berichtete Uljana Tokarewa, Vorsitzende des Komitees f\u00fcr Sozialpolitik, Medizin und \u00d6kologie beim \u201eEntwicklungsfond von Mariupol\u201c.<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlinge werden in die Gesellschaft von Mariupol integriert<\/strong><\/p>\n<p>Nach Angaben der Komiteevorsitzenden f\u00fchlten sich die Fl\u00fcchtlinge von Anfang an in Mariupol relativ wohl, da es eine Stadt in der gleichen Region ist. Au\u00dferdem kamen die meisten bei Verwandten oder Freunden unter, weshalb es f\u00fcr sie keine fremde Stadt ist. Die Pl\u00e4tze an Schulen und Kinderg\u00e4rten reichten auch aus.<\/p>\n<p>\u201eDie Menschen gew\u00f6hnen sich an den Gedanken, dass sie ihr Leben ver\u00e4ndern m\u00fcssen und dass sie nicht in ihre H\u00e4user in den besetzten Gebieten zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Sie werden bleiben, um hier zu leben. F\u00fcr viele ist diese Bewusstwerdung ein Schl\u00fcsselmoment, denn bisher verstehen sie sich nicht als B\u00fcrger von Mariupol, aber ohne diese Verst\u00e4ndnis k\u00f6nnen sie sich nicht weiterentwickeln\u201c, erkl\u00e4rte Uljana Tokarewa.<\/p>\n<p>Zwischen den Einwohnern von Mariupol und den Fl\u00fcchtlingen gibt es praktisch keine Abgrenzung in der Art \u201ewir \u2013 sie\u201c. Das einzige, was eine gewisse Spannung erzeugt, ist, dass sich die meisten humanit\u00e4ren Programme ausschlie\u00dflich auf Fl\u00fcchtlinge richten. Deshalb f\u00fchlen sich die Einheimischen, die sich ebenfalls in einer prek\u00e4ren Lage befinden, etwas vor den Kopf gesto\u00dfen, weil sie auf sich allein gestellt sind.<\/p>\n<p>\u201eWir haben st\u00e4ndig Kontakt zu internationalen Missionen und bitten sie darum, dass sich die Programme an die gesamte Bev\u00f6lkerung von Mariupol richtet\u201c, sagte Uljana Tokarewa.<\/p>\n<p><strong>Die dringendsten Fragen: Arbeitspl\u00e4tze, Wohnraum und medizinische Versorgung<\/strong><\/p>\n<p>Trotz aller Anstrengungen der Freiwilligen und Lokalbeh\u00f6rden, bleiben mehrere Probleme der Binnenfl\u00fcchtlinge bisher ungel\u00f6st. Die dringendsten Fragen sind Arbeitspl\u00e4tze, Wohnraum und die medizinische Versorgung.<\/p>\n<p>\u201eEs geht nicht darum, dass die Stadt nicht helfen will, vielmehr reichen die Ressourcen einfach nicht aus, die in das Budget f\u00fcr das ganze Gebiet flie\u00dfen und nicht nach Mariupol zur\u00fcckkommen. Und das gesamte Gesundheitswesen, das jetzt zus\u00e4tzlich die Fl\u00fcchtlinge betreut, wird aus dem Stadtbudget finanziert\u201c, erkl\u00e4rte Uljana Tokarewa.<\/p>\n<p>Vor dem Krieg befanden sich die besten medizinischen Zentren mit moderner Ausstattung in Donezk. Doch jetzt sind sie nicht zug\u00e4nglich und Mariupol \u00fcbernimmt die Rolle von Donezk, weshalb die Ressourcen nicht reichen. Zudem gibt es auch Probleme mit den Warteschlangen vor Banken und dass es an Bargeld in den Bankautomaten mangelt.<\/p>\n<p>Die Komiteevorsitzende merkte an, dass diese Probleme nicht verschwiegen werden. All diese Fragen, sowie Fragen zur weiteren Integration, sind st\u00e4ndig im Zentrum der Aufmerksamkeit von Gesellschaftsorganisationen. K\u00fcrzlich wurden sie bei dem Forum \u201eMariupol \u2013 Stadt der Solidarit\u00e4t\u201c besprochen, das in Zusammenarbeit mit der Verwaltung des UN-Hochkommissariats f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen durchgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p><strong>Die Ukraine hat keine Strategie, um die Fl\u00fcchtlinge und vor\u00fcbergehend besetzten Gebiete zu integrieren<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWeltweit gibt es die Praxis, insbesondere in Moldawien und Georgien, dass die Regierung dar\u00fcber nachdenkt, wie nach Ende des Konflikts nicht nur die Menschen, sondern auch die zur\u00fcckgewonnenen Gebiete integriert werden, damit sie wieder Teil des Landes werden. Es ist gut, dass wir inzwischen ein Ministerium f\u00fcr Fragen zu den vor\u00fcbergehend besetzten Gebieten und den Binnenfl\u00fcchtlingen haben, doch fehlt es an einer Strategie zur Integration und was weiter werden soll\u201c, sagte Uljana Tokarewa.<\/p>\n<p>Wenn man die Erfahrung von Georgien analysiert, zeigt sich, dass die wohl wichtigste Komponente einer solchen Integration darin besteht, die Menschen mit Wohnraum zu versorgen.<\/p>\n<p>\u201eNur wenn eine Familie \u00fcber eine Wohnung verf\u00fcgt, empfindet sie Stabilit\u00e4t und Boden unter den F\u00fc\u00dfen, mit der M\u00f6glichkeit, sich von dort aus weiterzuentwickeln\u201c, erkl\u00e4rte Uljana Tokarewa.<\/p>\n<p>In Georgien wurden den Fl\u00fcchtlingen Kredite angeboten, woran sich der Staat zu 50 Prozent beteiligte. In Moldawien nahm die Regierung einen Sonderkredit bei der EU auf.<\/p>\n<p>\u201eIn der Ukraine gibt es um ein vielfaches mehr solcher Menschen, aber nicht alle brauchen einen Kredit. Man sollte mit jenen anfangen, die am dringendsten Wohnraum ben\u00f6tigen, und davon jene aussuchen, die einen Kredit aufnehmen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rte sie und weiter: \u201eSolche Hilfsprogramme sind die Basis der Integrationsstrategie.\u201c<\/p>\n<p><strong>In Mariupol entsteht ein Netz aus Hilfszentren f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfamilien<\/strong><\/p>\n<p>Bereits 2014 wurden Zentren als \u201eSicherer Ort\u201c zur Unterst\u00fctzung von Familien gegr\u00fcndet, die aus dem Kampfgebiet fl\u00fcchteten. Diese entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk der UN und dem D\u00e4nischen Rat f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfragen. Heute gibt es f\u00fcnf solcher Zentren.<\/p>\n<p>\u201eGerade arbeiten wir an einem weiteren Platz. Er soll sich im Bezirk Primorskij befinden, einem der schwierigsten Orte, weil dort der Beschuss zu h\u00f6ren ist. [\u2026] Viele Gesellschaftsorganisationen versuchen auch, R\u00e4ume zu schaffen, wohin sich Familien mit all ihren Problemen wenden k\u00f6nnen. Manchmal auch einfach, um dar\u00fcber zu sprechen, was sie sich f\u00fchlen\u201c, sagte Uljana Tokarewa abschlie\u00dfend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>WATCH IN ENGLISH Kiew, 27. Oktober 2016 \u2013 Die Kampfhandlungen dauern in der Ostukraine bereits fast zweieinhalb Jahre an. In einigen Bereichen der Kontaktlinie gibt es t\u00e4glich Scharm\u00fctzel und trotzdem sind viele Lokalbewohner in ihre H\u00e4user zur\u00fcckgekehrt, um dort ein normales Leben zu leben. 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