{"id":65823,"date":"2017-01-17T22:13:49","date_gmt":"2017-01-17T22:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=51625"},"modified":"2017-01-23T00:27:19","modified_gmt":"2017-01-22T22:27:19","slug":"51625-concessions-douloureuses-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/51625-concessions-douloureuses-ukraine","title":{"rendered":"Warum es falsch ist, von der Ukraine &#8220;schmerzvolle Kompromisse&#8221; zu verlangen"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Text ist Teil einer Initiative der Gruppe UkraineWorld, der zahlreiche Experten der ukrainischen Au\u00dfenpolitik sowie Journalisten angeh\u00f6ren. Der Artikel spiegelt Ansichten wieder, die bei vielen ukrainischen Experten vorherrschen. Die Autoren sind Wolodymyr Jermolenko, Direktor der Europa-Projekte bei Internews-Ukraine, und Alja Schandra, Chefredakteurin von Euromaidan Press.<\/em><\/p>\n<p>Seit Ende 2016 ist in ukrainischen und ausl\u00e4ndischen Medien eine Kampagne zu beobachten, mit der offenbar ein radikaler geopolitischer Kurswechsel der Ukraine vorbereitet werden soll. In einem Artikel f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.wsj.com\/articles\/ukraine-must-make-painful-compromises-for-peace-with-russia-1483053902\">The Wall Street Journal<\/a> fordert Wiktor Pintschuk, einer der reichsten ukrainischen Oligarchen, &#8220;schmerzvolle Kompromisse&#8221; auf dem Weg zu einem Frieden mit Russland. Er fordert, das Ziel eines NATO- und EU-Beitritts der Ukraine aufzugeben sowie die Krim-Frage f\u00fcr Jahrzehnte einzufrieren. \u00c4hnlich \u00e4u\u00dferte sich der ukrainische ehemalige Diplomat und heutige Politikexperte Wasyl Filiptschuk in einem Artikel f\u00fcr <a href=\"http:\/\/world.apostrophe.ua\/\">Apostroph<\/a>. Auch der bekannte ukrainische Blogger Juri Romanenko vertritt auf seiner <a href=\"http:\/\/hvylya.net\/analytics\/geopolitics\/chto-oznachaet-plan-pinchuka-dlya-ukrainyi-konturyi-bolshoy-sdelki-ssha-i-rossii.html\">Webseite<\/a> \u00e4hnliche Positionen, was eine &#8220;Neutralit\u00e4t&#8221; der Ukraine angeht. Die oben genannten Beitr\u00e4ge f\u00fchrten dazu, dass in zahlreichen ukrainischen Medien zu einer Vers\u00f6hnung mit Russland aufgerufen wurde. All dies legt nahe, dass es sich dabei um eine Medienkampagne handelt, mit der die \u00f6ffentliche Meinung sowohl in der Ukraine als auch im Westen ver\u00e4ndert und die Ukraine in die Zeit vor dem Euromaidan zur\u00fcckversetzt werden soll &#8211; als neutraler Satellit Russlands, aber diesmal ohne die Krim und den Donbass.<\/p>\n<p>Wir glauben, dass dieses Szenario schmerzvolle Folgen sowohl f\u00fcr die Ukraine als auch westliche L\u00e4nder haben wird, aus folgenden Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Eine Neutralit\u00e4t der Ukraine wird die Aggression Russlands nicht stoppen, sondern sie wahrscheinlich noch anheizen.<\/strong> Die oben erw\u00e4hnten Bef\u00fcrworter einer radikalen Kurswechsels der Ukraine treten f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zum neutralen (blockfreien) Status des Landes ein und meinen, dass so das gest\u00f6rte geopolitische Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Aber Neutralit\u00e4t hat noch nie Schutz vor einer Aggression geboten, erst recht nicht, wenn ein neutraler Staat Objekt geopolitischer Interessen seines Nachbarn ist. Im Jahr 2014, als die Ukraine Opfer der russischen Aggression auf der Krim und im Donbass wurde, war sie ein blockfreies Land. Die Neutralit\u00e4t der Republik Moldau, die Russland verlangt hatte und in der Verfassung von 1994 verankert ist, sollte den Transnistrien-Konflikt l\u00f6sen. Doch auch das half nicht, Transnistrien wieder in die Republik Moldau zu integrieren. Die &#8220;rote Ampel&#8221; f\u00fcr Georgiens NATO-Mitgliedschaft im April 2008 (beim NATO-Gipfel in Bukarest) hat das Land nicht vor der russischen Aggression im August 2008 bewahrt, sondern sie eher sogar noch provoziert. Neutralit\u00e4t hatte auch schon in der Vergangenheit weder Belgien, D\u00e4nemark, den Niederlanden noch Norwegen geholfen, von der Nazi-Aggression im Zweiten Weltkrieg verschont zu bleiben. Wenn ein Angreifer sein Ziel erreichen will, dann hilft dem Opfer auch keine Neutralit\u00e4t. Sie macht ein potenzielles Opfer eher schutzlos.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Eine Akzeptanz der Annexion der Krim k\u00f6nnte weiteres aggressives Vorgehen in der ganzen Welt ausl\u00f6sen.<\/strong> Eine Akzeptanz der Annexion der Krim, einer eklatanten Verletzung des internationalen Rechts unter dem Vorwand falscher demokratischen Verfahren, k\u00f6nnte eine B\u00fcchse der Pandora \u00f6ffnen. Die Folge k\u00f6nnten gesetzwidrige Annexionen und Interventionen in vielen anderen Teilen der Welt werden. Dies w\u00fcrde die Weltordnung in ein Kartenhaus verwandeln. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr, was passiert, wenn man einen Aggressor beschwichtigt, ist das M\u00fcnchner Abkommen und die Annexion des Sudetenlandes 1938.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>&#8220;Schmerzvolle Kompromisse&#8221; k\u00f6nnen zu weiteren Spannungen und zu Instabilit\u00e4t in der Region f\u00fchren.<\/strong> Wenn es zu dem Szenario &#8220;schmerzvoller Kompromisse&#8221; kommt, wird es in der Ukraine eine massive Protestwelle geben. Meinungsumfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung einen <a href=\"http:\/\/dif.org.ua\/article\/2016-y-politichni-pidsumki-zagalnonatsionalne-opituvannya\">NATO-Beitritt<\/a> unterst\u00fctzt. 44 Prozent halten ihn f\u00fcr eine &#8220;Grundvoraussetzung&#8221; f\u00fcr Sicherheit. 26 Prozent unterst\u00fctzen einen blockfreien Status ihres Landes. <a href=\"http:\/\/dif.org.ua\/article\/donbas-poglyad-naselennya-na-konflikt\">Lediglich 22,5 Prozent<\/a> der Befragten sind bereit, Frieden um jeden Preis zu akzeptieren. Es ist davon auszugehen, dass sehr viele Menschen in der Ukraine &#8220;schmerzvolle Kompromisse&#8221; als &#8220;weiche Kapitulation&#8221; auffassen werden. Dies wird die Position der jetzigen ukrainischen Regierung deutlich schw\u00e4chen sowie die extremen rechten Kr\u00e4fte und Nationalisten st\u00e4rken. Das kann zu schweren Spannungen im ganzen Land f\u00fchren und die innere Instabilit\u00e4t erh\u00f6hen. Sollte ein Nachbarland auf eine wachsende Instabilit\u00e4t in der Ukraine mit einer milit\u00e4rischen Intervention reagieren, k\u00f6nnte dies einen gro\u00dfen Krieg in Europa ausl\u00f6sen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Eine NATO-Mitgliedschaft w\u00fcrde die F\u00e4higkeit der Ukraine st\u00e4rken, selbst die russische Aggression zu bek\u00e4mpfen.<\/strong> Unabh\u00e4ngig von einer NATO-Mitgliedschaft bringt selbst die einfache Zusammenarbeit mit der Allianz der Ukraine echte Vorteile. Ihre Armee wird modernisiert und besser auf die Bek\u00e4mpfung der russischen Aggression im Donbass vorbereitet. Das erm\u00f6glicht der Ukraine, die Aggression mit eigenen Kr\u00e4ften zu \u00fcberwinden, ohne fremde milit\u00e4rische Hilfe.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Ohne den Anreiz einer EU-Mitgliedschaft werden die ukrainischen Reformen nicht vorankommen.<\/strong> Die Apologeten der &#8220;schmerzvollen Kompromisse&#8221; behaupten, die Ukraine m\u00fcsse ihre Ambitionen aufgeben, Mitglied der Europ\u00e4ischen Union zu werden. Doch bisher war gerade die Aussicht auf ein EU-Beitritt die wichtigste treibende Kraft f\u00fcr Reformen in der Ukraine. Die Aufgabe des Europ\u00e4ischen Traums wird die Reformen stoppen und diese wichtige Ausrichtung des Landes zunichtemachen. Ohne den Druck, europ\u00e4ischen Standards und Verfahren zu entsprechen, wird die Ukraine ein feudales oligarchisches Land unter russischem Einfluss bleiben. Stattdessen w\u00fcrde eine demokratische und prosperierende Ukraine die Demokratisierung Russlands f\u00f6rdern und die autorit\u00e4re F\u00fchrung eind\u00e4mmen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Beschwichtigung hat schon fr\u00fcher Russland zu Aggressionen ermuntert.<\/strong> Die Aufrufe zu Kompromissen mit Russland ziehen die jetzigen Spielregeln des Kremls nicht in Betracht. Er spielt nach den Regeln einer &#8220;Zoo-Politik&#8221;. Danach betrachtet der Kreml Staaten als w\u00e4ren sie Tiere, die untereinander k\u00e4mpfen, wobei der St\u00e4rkere gewinnt. Die Tatsache, dass die westlichen Staaten die eklatante Verletzung des V\u00f6lkerrechts durch Russland in Georgien ignoriert haben, ermunterte den russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin zu einer Aggression gegen die Ukraine. W\u00fcrde die Ukraine heute fallen gelassen werden, w\u00fcrde dies wahrscheinlich Russland dazu ermuntern, seine Okkupationspolitik gegen andere L\u00e4nder fortzusetzen.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>Vereinbarungen mit Russland funktionieren nicht.<\/strong> Die Bef\u00fcrworter von Zugest\u00e4ndnissen seitens der Ukraine betonen, die Ukraine m\u00fcsse ein neues Abkommen mit Russland schlie\u00dfen, das ihr Sicherheit garantieren w\u00fcrde. Doch es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass Russland sein Wort in Zukunft halten wird. Es hat bereits das Budapester Memorandum (Sicherheitsgarantien f\u00fcr die Ukraine nach ihrem Verzicht auf Nuklearwaffen), die Schlussakte von Helsinki und die UN-Charta missachtet.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"8\">\n<li><strong>Die &#8220;Kompromisse&#8221; schlie\u00dfen eine Souver\u00e4nit\u00e4t und territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine aus.<\/strong> Das Mantra des Westens nach der russischen Aggression im Jahr 2014 betont immer wieder die absolute Achtung der &#8220;Souver\u00e4nit\u00e4t und territorialen Integrit\u00e4t&#8221; der Ukraine. Doch die Anh\u00e4nger &#8220;schmerzvoller Kompromisse&#8221; verwerfen sowohl die territoriale Integrit\u00e4t der Ukraine (die Krim wird als russisch akzeptiert) und die Souver\u00e4nit\u00e4t des Landes (Kiew kommt v\u00f6llig unter russischen Einfluss).<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"9\">\n<li><strong>Zu einem Kurswechsel muss nicht das Opfer, sondern der Aggressor gezwungen werden.<\/strong> Die Bef\u00fcrworter eines radikalen Kurswechsels der Ukraine versuchen mit aller Kraft zu erl\u00e4utern, warum Kiew seine Haltung \u00e4ndern muss. Aber sie sagen nichts dazu, welche Ver\u00e4nderungen und Zugest\u00e4ndnisse sie von Russland erwarten, als dem Land, das an der Destabilisierung der Ukraine schuld ist. Russland seinerseits bestreitet, \u00fcberhaupt eine Konfliktpartei in der Ukraine zu sein, und bezeichnet sich selbst als &#8220;dritte Partei&#8221;. Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass diese &#8220;dritte Partei&#8221; von der Ukraine Zugest\u00e4ndnisse verlangt, als w\u00e4re sie eine vollwertige Konfliktpartei.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"10\">\n<li><strong>Jeglicher Friedensplan muss Entsch\u00e4digungen vorsehen.<\/strong> Die ganze Welt erkennt an, dass Russland ein Land ist, das die Krim illegal annektiert hat und Separatisten im Donbass unterst\u00fctzt. In diesem Fall muss Russland f\u00fcr den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht werden &#8211; n\u00e4mlich f\u00fcr die finanziellen Verluste, die durch den Krieg entstanden sind. Doch die Bef\u00fcrworter eines radikalen Kurswechsels der Ukraine schweigen zu dieser Frage.<\/li>\n<\/ol>\n<figure class=\"mace-gallery-teaser\"\n\tid=\"mace-gallery-65823-1\"\n\tdata-g1-gallery-title=\"\"\n\tdata-g1-gallery=\"[{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:65825,&quot;title&quot;:&quot;bez-nazvaniya-2&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/Bez-nazvaniya-2-150x150.jpg&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/Bez-nazvaniya-2.jpg&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/Bez-nazvaniya-2.jpg&quot;},{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:65826,&quot;title&quot;:&quot;imgonline-com-ua-resize-zd2vthugd9bu&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/imgonline-com-ua-resize-Zd2VThUGd9BU-150x150.jpg&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/imgonline-com-ua-resize-Zd2VThUGd9BU.jpg&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/01\\\/imgonline-com-ua-resize-Zd2VThUGd9BU.jpg&quot;}]\"\n\tdata-g1-share-shortlink=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/51625-concessions-douloureuses-ukraine#mace-gallery-65823-1\"\n\t>\n\t<a class=\"mace-gallery-teaser-poster\">\n\t\t<img width=\"259\" height=\"194\" src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bez-nazvaniya-2.jpg\" class=\"attachment-bimber-grid-standard-2x size-bimber-grid-standard-2x\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/>\t\t<span class=\"mace-gallery-teaser-button\">\n\t\t\t<span class=\"g1-epsilon g1-epsilon-1st mace-gallery-teaser-button-text\">View Gallery<\/span>\n\t\t\t<span class=\"g1-meta mace-gallery-teaser-button-counter\">\n\t\t\t\t2 images\t\t\t<\/span>\n\t\t<\/span>\n\t<\/a>\n<\/figure>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text ist Teil einer Initiative der Gruppe UkraineWorld, der zahlreiche Experten der ukrainischen Au\u00dfenpolitik sowie Journalisten angeh\u00f6ren. 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