{"id":67124,"date":"2017-02-09T17:15:34","date_gmt":"2017-02-09T17:15:34","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=52456"},"modified":"2017-02-15T00:16:11","modified_gmt":"2017-02-14T22:16:11","slug":"52456-behind-flare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/52456-behind-flare","title":{"rendered":"Was verbirgt sich hinter der Eskalation in Awdijiwka?"},"content":{"rendered":"<p>Am 29. Januar sind die Kampfhandlungen in Awdijiwka, einer Stadt in der Ostukraine innerhalb des von der ukrainischen Regierung kontrollierten Territoriums, <a href=\"http:\/\/internews.ua\/2017\/02\/avdiivka-explainer\/\">deutlich eskaliert<\/a>. Die K\u00e4mpfe begannen sechs Kilometer n\u00f6rdlich von Donezk in unmittelbarer N\u00e4he zur Kontaktlinie (<a href=\"https:\/\/uacrisis.org\/52084-hostilitiesavdiyivka\">siehe Karte<\/a>) und dauerten bis zum 3. Februar an. <a href=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/52270-weekly-digest-31-january-6-february-2017\">Nach offiziellen Berichten<\/a> wurden seit der Versch\u00e4rfung der Kampfhandlungen 13 ukrainische Soldaten get\u00f6tet und 93 weitere verletzt. Drei Zivilisten kamen ums Lebens und ein weiterer wurde verwundet. Au\u00dferdem wurde ein britischer Journalist verletzt, sodass er anschlie\u00dfend in einem Krankenhaus der Stadt Dnipro operiert werden musste. Von dem heftigen Beschuss aus den von den Separatisten kontrollierten Gebieten waren auch die umliegenden Wohngebiete betroffen. Awdijiwka wurde somit von der Strom-, Wasser- und W\u00e4rmeversorgung abgeschnitten. Aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen war es unm\u00f6glich, trotz der bitteren K\u00e4lte, mit Reparaturen zu beginnen.<\/p>\n<p>Inzwischen verbessert <a href=\"http:\/\/en.hromadske.ua\/articles\/show\/eastern_ukraine_recovering\">sich die Lage in Awdijiwka<\/a>. Die Versorgung mit Wasser, W\u00e4rme und Strom wurde am 6. Februar wiederhergestellt. Die Antwort der ukrainischen Regierungstruppen auf den Granatbeschuss zielte auf Donezk und seine Vororte ab, sodass auch dort die Wasser-, Strom-, und W\u00e4rmeversorgung unterbrochen war, die allerdings ebenfalls am 6. Februar wiederhergestellt wurde.<\/p>\n<p>Die Feindseligkeiten eskalierten auch nahe der St\u00e4dte Mariupol, <a href=\"http:\/\/hromadske.ua\/posts\/obstrili-v-krasnohorivci-ta-mar-inci\">Mariinka<\/a>, Opytne, Pisky, Popasna und weiterer Ortschaften. Die Sonderbeobachtermission der OSZE in der Ukraine berichtet, dass die Anzahl <a href=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/52200-osce-smm-11\">der Verst\u00f6\u00dfe gegen den Waffenstillstand<\/a> innerhalb des Dreiecks zwischen Awdijiwka, Jasynuwata und dem Donezker Flughafen seit dem 29. Januar in einem bislang beispiellosen Ausma\u00df zugenommen haben.<\/p>\n<p>Das sind die wichtigsten Faktoren, sowohl auf globaler als auch lokaler Ebene, die dabei helfen k\u00f6nnten, die derzeitige Eskalation zu erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p><strong>Globale Aspekte<\/strong><\/p>\n<p><strong>Russlands Kriegsspiel:<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg in der Ostukraine wurde urspr\u00fcnglich von pro-russischen sowie russischen Milit\u00e4reinheiten im Fr\u00fchjahr 2014 als Reaktion auf die Euromaidan-Proteste in der Ukraine entfacht. Seitdem h\u00e4lt Russland sein beachtliches milit\u00e4risches Engagement im Donbass aufrecht. Obwohl der Pressesprecher von Pr\u00e4sident Putin, Dmitrij Peskow, die russische Einmischung bestreitet und behauptet, dass der Krieg im Donbass ein \u201c<a href=\"https:\/\/www.gazeta.ru\/politics\/news\/2017\/02\/06\/n_9653633.shtml\">inner-ukrainischer Konflikt<\/a>\u201d sei, zeigt <a href=\"http:\/\/www.atlanticcouncil.org\/blogs\/ukrainealert\/ten-things-you-should-know-about-russian-involvement-in-ukraine\">eine \u00fcberw\u00e4ltigende Beweislast<\/a>, dass Russland milit\u00e4risch und politisch im Donbass aktiv ist. Selbst eine so behutsame Institution wie der Internationale Strafgerichtshof spricht von der \u201c<a href=\"https:\/\/www.icc-cpi.int\/iccdocs\/otp\/161114-otp-rep-PE_ENG.pdf\">Existenz eines internationalen bewaffneten Konfliktes<\/a>\u201d.<\/p>\n<p>Derzeit nutzt der Kreml zunehmend die Spannungen im Donbass aus, um die ukrainische Innenpolitik zu beeinflussen, indem er versucht, ein Gef\u00fchl von Kriegsm\u00fcdigkeit zu verst\u00e4rken, die \u00f6ffentliche Meinung zu polarisieren sowie die jetzige pro-westliche ukrainische Regierung zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p><strong>Minsker Vereinbarungen in Frage gestellt:<\/strong><\/p>\n<p>Die derzeitige Eskalation kommt zu einem Zeitpunkt, wo sich die Minsker Vereinbarungen an einem Tiefpunkt befinden. Obwohl die Minsker Vereinbarungen in der ukrainischen Bev\u00f6lkerung unbeliebt sind, verfolgt die Regierung offiziell eine Politik der vollst\u00e4ndigen Umsetzung der Vereinbarungen, wobei sie darauf besteht, dass die Sicherheitskomponente noch vor der politischen Komponente implementiert wird. F\u00fcr Russland bedeutet der Stillstand beim Minsk-Prozess, dass die Aufhebung der Sanktionen in weite Ferne r\u00fcckt. Dementsprechend wird Russland einen besseren Deal herbeif\u00fchren wollen. Russland und seine Stellvertreter in der Ostukraine lie\u00dfen die Kampfhandlungen sowohl im Jahr 2014 als auch 2015 unmittelbar vor den Verhandlungen \u00fcber die Minsker Vereinbarungen eskalieren, um eine Abmachung zu Russlands Bedingungen zu erreichen. Solch eine Strategie &#8211; \u201cdurch Gewalt zum Frieden\u201d &#8211; k\u00f6nnte auch jetzt wieder Anwendung finden.<\/p>\n<p><strong>Gespr\u00e4ch zwischen Trump und Putin:<\/strong><\/p>\n<p>Ein Telefongespr\u00e4ch zwischen dem US-Pr\u00e4sidenten Trump und Putin am 28. Januar f\u00fchrte nicht zur Aufhebung der Sanktionen gegen Russland. Die Eskalation, die schon am darauffolgenden Tag herbeigef\u00fchrt wurde, k\u00f6nnte ein Warnsignal an Trump sein, um deutlich zu machen, dass die Sicherheit in der Ostukraine in Putins Hand liege und dass er die Situation verschlechtern k\u00f6nne, sollten die Sanktionen nicht aufgehoben werden.<\/p>\n<p><strong>Lokale Aspekte<\/strong><\/p>\n<p><strong>Artillerie-Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Die Minsker Vereinbarungen verlangen, dass schweres Kriegsger\u00e4t bis auf 30 Kilometer hinter die Frontlinie zur\u00fcckgezogen wird, was allerdings nicht g\u00e4nzlich umgesetzt wurde. Die j\u00fcngste Entwicklung um Awdijiwka ist eine deutliche Eskalation, da schwere Waffen in diesem Ausma\u00df seit Monaten nicht mehr eingesetzt wurden. Ein tragischer Aspekt dieser Eskalation ist der Umstand, dass der Krieg in dicht besiedelten Gebieten stattfindet und dass Milit\u00e4reinheiten in St\u00e4dten und insbesondere in Wohngebieten stationiert sind. So wurde beispielsweise Awdijiwka aus Wohngebieten in Donezk heraus beschossen. Der Gegenangriff traf dementsprechend die Wohngebiete in Donezk. Hinzu kommt, dass der Angriff auf Awdijiwka auf die kommunale Infrastruktur (Wasser, W\u00e4rme und Strom) abzielte, was mitten im Winter besonders gravierend ist.<\/p>\n<p><strong>Hybrider Waffenstillstand:<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der Minsker Vereinbarungen hat es im Donbass nie einen Waffenstillstand gegeben. Die \u201chybride Kriegsf\u00fchrung\u201d f\u00fchrt folglich zu einem \u201chybriden Waffenstillstand\u201d. Vereinzelte Zusammenst\u00f6\u00dfe wurden nahezu t\u00e4glich berichtet. Awdijiwka ist nicht der erste Fall einer umfangreichen Verletzung der Vereinbarungen, die zahlreiche Menschenleben forderte: Ende Dezember eskalierte <a href=\"https:\/\/www.kyivpost.com\/ukraine-politics\/kyiv-reports-eight-ukrainian-servicemen-killed-clashes-near-svitlodarsk-december-18-23.html\">die Lage um Switlodarsk<\/a> und zurzeit ist der Krieg wieder an vielen Orten entlang der Frontlinie entfacht.<\/p>\n<p><strong>Russische Munition:<\/strong><\/p>\n<p>Pro-russische und russische Einheiten verwenden Waffen, die \u00fcber die ukrainisch-russische Grenze geliefert werden. Die Grenze wird nicht von der Ukraine kontrolliert und Russland erlaubt der OSZE, entgegen der Minsker Vereinbarungen, nur zwei Checkpoints zu \u00fcberwachen. Die F\u00e4higkeit der Separatisten, den Konflikt mit Hilfe schwerer Waffen und hochentwickelter Technologie aufrechtzuerhalten, kann nur auf kontinuierliche Lieferungen aus Russland zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>Ukrainische Man\u00f6ver:<\/strong><\/p>\n<p>Christopher Miller, Korrespondent von RFE\/RL, berichtet, dass seit Mitte Dezember die ukrainischen Streitkr\u00e4fte weiter in Teile der Grauzone vorgedrungen seien, sodass sich die Distanz zwischen ihnen und den Separatisten verringert habe. Die ukrainische Seite macht allerdings deutlich, dass die ukrainischen Truppen die Minsker Vereinbarungen nicht verletzt h\u00e4tten, da sie die Kontaktlinie nicht \u00fcberschritten und dementsprechend innerhalb des von der Regierung kontrollierten Territoriums geblieben seien. Au\u00dferdem fanden seit den Minsker Vereinbarungen auf beiden Seiten kontinuierlich Man\u00f6ver statt, die in Zusammenst\u00f6\u00dfen mit leichten Waffen endeten. Was diese Zusammenst\u00f6\u00dfe von jenen in Awdijiwka unterscheidet, ist, dass die pro-russischen Separatisten schwere Artillerie und Raketensysteme vom Typ BM-21 \u201cGRAD\u201d einsetzten, die nicht nur milit\u00e4rische, sondern auch zivile Objekte als Ziel hatten.<\/p>\n<p><strong>Die strategisch wichtige Stra\u00dfe Donezk-Horliwka<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Transport. Awdijiwka ist eine strategisch wichtige Stadt, die wom\u00f6glich <a href=\"http:\/\/euromaidanpress.com\/2017\/02\/02\/why-avdiivka-is-the-weakest-point-russia-ukraine-donbas\/\">die schw\u00e4chste Stelle<\/a> in der Verteidigung der Truppen der \u201cDonezker Volksrepublik\u201d ist. <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/ukrainian\/features-38797473\">Einige Milit\u00e4rexperten meinen<\/a>, dass die Kontrolle \u00fcber die Stra\u00dfe Donezk-Horliwka, die durch die Vororte von Awdijiwka verl\u00e4uft, f\u00fcr die St\u00e4rkung der ukrainischen Verteidigungsf\u00e4higkeit essentiell ist. Die neuen Stellungen, die von den ukrainischen Regierungstruppen eingenommen wurden, liegen im Territorium, das mit den Minsker Vereinbarungen der Ukraine zugesprochen wurde. Diese Stellungen stellen allerdings eine enorme strategische Herausforderung f\u00fcr die Separatisten dar. Dies erkl\u00e4rt, warum die Separatisten versucht haben, die ukrainischen Stellungen anzugreifen und letzten Endes zum Einsatz von schwerer Artillerie griffen, um die ukrainische Armee zur\u00fcckzuschlagen.<\/p>\n<p><strong>Die Rolle von Achmetow:<\/strong><\/p>\n<p>Rinat Achmetow, einer der einflussreichsten Oligarchen in der Ukraine, der auch \u201cHerrscher \u00fcber den Donbass\u201d genannt wurde, hat immer noch wirtschaftliche Interessen auf beiden Seiten der Kontaktlinie. Achmetow besitzt Kohleminen in den von den Separatisten besetzten Gebieten sowie Stahl- und Elektrizit\u00e4tswerke in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten. Er besitzt eine Koksfabrik in Awdijiwka, die eine Schl\u00fcsselrolle in der ukrainischen Stahlerzeugung einnimmt. Des Weiteren besteht die Verwaltung der selbsternannten \u201cVolksrepublik Donezk\u201d immer noch aus Personen, die mit Achmetow verbunden sind, wie beispielsweise Dmitrij Trapesnikow, Alexej Granowskij, und Maksim Leschtschenko. Achmetow k\u00f6nnte eine Rolle bei der Vermittlung von Gesch\u00e4ften \u00fcber die Frontlinie hinweg spielen, gleichzeitig k\u00f6nnte er aber auch f\u00fcr diejenigen zum Ziel werden, die in ihm ein Hindernis sehen.<\/p>\n<p>All diese Faktoren zeigen, dass die Beilegung des Konflikts in der Ostukraine noch ein weit entferntes Ziel ist. Es gibt zahlreiche Faktoren, sowohl international als auch lokal, die zur Eskalation beitragen. Obwohl Moskau sein milit\u00e4risches Eingreifen in den Konflikt weiterhin leugnet, ist es Russland, das den Krieg im Fr\u00fchjahr 2014 entfachte, ihn bis heute aufrechterh\u00e4lt und immer noch den Schl\u00fcssel zur seiner Beilegung in der Hand hat.<\/p>\n<p><em>Verfasst von WOLODYMYR JERMOLENKO und TETJANA OGARKOWA.<\/em><\/p>\n<p><em>Wolodymyr Jermolenko ist Experte bei Internews Ukraine und UkraineWorld Group, einer Netzwerk-Initiative, die sich auf die Ukraine konzentriert und gegen Desinformation vorgeht. Tetjana Ogarkowa leitet die Abteilung f\u00fcr ausl\u00e4ndische Zielgruppen beim Ukraine Crisis Media Center. Die Autoren danken Alja Schandra, Oleksandr Suschko, Jewhen Bystryzkyi, Dmytro Schulga, Daria Hajdaj, Roman Wybranowskyj und anderen Mitgliedern der UkraineWorld Group f\u00fcr ihre Mithilfe. Um der UkraineWorld Group beizutreten, kontaktieren Sie bitte\u00a0<a href=\"mailto:ukraineworld.international@gmail.com\">ukraineworld.international@gmail.com<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. Januar sind die Kampfhandlungen in Awdijiwka, einer Stadt in der Ostukraine innerhalb des von der ukrainischen Regierung kontrollierten Territoriums, deutlich eskaliert. Die K\u00e4mpfe begannen sechs Kilometer n\u00f6rdlich von Donezk in unmittelbarer N\u00e4he zur Kontaktlinie (siehe Karte) und dauerten bis zum 3. Februar an. 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