{"id":68224,"date":"2017-03-02T01:09:00","date_gmt":"2017-03-02T01:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=53227"},"modified":"2017-03-13T22:52:15","modified_gmt":"2017-03-13T20:52:15","slug":"53227-deportation-tatars-de-crimee-questions-reponses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/53227-deportation-tatars-de-crimee-questions-reponses","title":{"rendered":"Die Deportation der Krimtataren"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Artikel basiert <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/russian\/society\/2015\/05\/150518_crimean_tatars_deportation\">auf Material von BBC<\/a><\/p>\n<p>Zwischen dem 18. und 20. Mai 1944 hat per Befehl aus Moskau der sowjetische Geheimdienst NKWD (Volkskommissariat f\u00fcr Innere Angelegenheiten der UdSSR) fast die gesamte krimtatarische Bev\u00f6lkerung der Krim zusammengetrieben und in 70 Eisenbahnz\u00fcgen Richtung Usbekistan geschickt.<\/p>\n<p><strong>Wie haben die Krimtataren vor der Deportation gelebt?<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Gr\u00fcndung der Sowjetunion im Jahr 1922 hat Moskau die Krimtataren als autochthones Volk der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Krim im Rahmen der Korenisazija-Politik (Indigenisierungspolitik) anerkannt.<\/p>\n<p>In den 20er Jahren wurde den Krimtataren erlaubt, ihre eigene Kultur zu leben und zu f\u00f6rdern. Auf der Krim erschienen krimtatarische Zeitungen und Magazine. Es gab krimtatarische Bildungseinrichtungen, Museen, Bibliotheken und Theater.<\/p>\n<p>Krimtatarisch war neben Russisch Amtssprache der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Krim. Zwischen 1920 und 1939 hatten die Krimtataren einen Anteil von 25 bis 30 Prozent an der Gesamtbev\u00f6lkerung der Halbinsel.<\/p>\n<p><strong>Wann fand die Deportation statt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Hauptphase der Zwangsumsiedlung dauerte drei Tage: Sie begann im Morgengrauen des 18. Mai 1944 und endete zwei Tage sp\u00e4ter am 20. Mai um 16 Uhr. Insgesamt wurden 238.500 Menschen von der Krim deportiert, fast alles Krimtataren. Daf\u00fcr wurden vom NKWD \u00fcber 32.000 Mann eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>Was waren die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Deportation?<\/strong><\/p>\n<p>Offizieller Grund f\u00fcr die Zwangsumsiedlung war der Vorwurf des \u201cLandesverrats\u201d gegen das gesamte Volk der Krimtataren. Sie wurden \u201cder Vernichtung von Sowjetmenschen\u201d und der \u201cKollaboration\u201d mit den nationalsozialistischen Besatzern bezichtigt.<\/p>\n<p>Doch Historiker sehen andere Gr\u00fcnde f\u00fcr die Deportation. Einer soll der Umstand gewesen sein, dass die Krimtataren historisch enge Beziehungen zur T\u00fcrkei unterhielten, die die UdSSR zu jener Zeit als potentiellen Feind betrachtete. F\u00fcr die Sowjetunion war die Krim strategisch gesehen ein Aufmarschgebiet bei einem m\u00f6glichen Konflikt mit der T\u00fcrkei. Stalin wollte sich gegen die m\u00f6glichen \u201cSaboteure und Verr\u00e4ter\u201d absichern, die die Krimtataren in seinen Augen waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Theorie spricht die Tatsache, dass aus Gebieten im Kaukasus, die an die T\u00fcrkei grenzen, andere muslimische ethnische Gruppen umgesiedelt wurden: Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier und Balkaren.<\/p>\n<p><strong>Haben die Krimtataren die Nazis unterst\u00fctzt?<\/strong><\/p>\n<p>Laut dem Historiker Jonathan Otto Pohl haben in den Kampfeinheiten gegen die Sowjets, die von den deutschen Beh\u00f6rden gebildet wurden, 9000 bis 20.000 Krimtataren gedient. Einige von ihnen wollten ihre D\u00f6rfer vor sowjetischen Partisanen sch\u00fctzen. Wie die Krimtataren damals berichteten, wurden sie von den Partisanen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft verfolgt.<\/p>\n<p>Andere Krimtataren haben sich den deutschen Truppen angeschlossen, da sie in Gefangenschaft der Nazis geraten waren und den schlechten Bedingungen in den Kriegsgefangenenlagern in Simferopol und Nikolajew entkommen wollten. Gleichzeitig k\u00e4mpften 15 Prozent der erwachsenen m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung der Krimtataren aufseiten der Roten Armee. W\u00e4hrend der Deportation wurden sie demobilisiert und nach Sibirien und in den Ural in Arbeitslager geschickt.<\/p>\n<p><strong>Wie wurde die Zwangsumsiedlung durchgef\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n<p>Angeh\u00f6rige des NKWD kamen in die H\u00e4user und Wohnungen der Krimtataren und erkl\u00e4rten ihnen, dass sie wegen Landesverrats von der Krim umgesiedelt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Menschen hatten 15 bis 20 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Offiziell hatte jede Familie das Recht, bis zu 500 Kilogramm Gep\u00e4ck mitzunehmen, doch tats\u00e4chlich wurde viel weniger erlaubt, manchmal sogar gar nichts.<\/p>\n<p>Mit Lastwagen wurden die Menschen zu Bahnh\u00f6fen gebracht. Von dort aus wurden sie in fast 70 fest verschlossenen und mit Menschen v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten G\u00fcterz\u00fcgen gen Osten geschickt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt kamen rund 8000 Menschen ums Leben. Die h\u00e4ufigsten Todesursachen waren Verdurstung und Typhus. Einige Menschen konnten das Leid nicht ertragen und verloren den Verstand. Der zur\u00fcckgelassene Besitz der Krimtataren wurde verstaatlicht.<\/p>\n<p><strong>Wohin wurden die Krimtataren deportiert?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Tataren wurden nach Usbekistan oder in Gebiete in Kasachstan und Tadschikistan gebracht, die an Usbekistan grenzen. Kleine Gruppen kamen in den Ural, in die russische Region Kostroma oder in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Mari.<\/p>\n<p><strong>Welche Folgen hatte die Deportation f\u00fcr die Krimtataren?<\/strong><\/p>\n<p>In den ersten drei Jahren nach der Deportation starben zwischen 20 und 46 Prozent der deportierten Krimtataren an Ersch\u00f6pfung und Krankheit. Fast die H\u00e4lfte der Toten waren Kinder im Alter bis zu 16 Jahren. Wegen Mangels an sauberem Wasser, schlechten Hygienebedingungen und fehlender medizinischer Versorgung brachen Malaria, Gelbfieber, Dysenterie und anderen Krankheiten aus.<\/p>\n<p><strong>Welchen Status hatten die Krimtataren in Usbekistan?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Krimtataren wurde in sogenannte Sondersiedlungen gebracht, die von bewaffneten Wachen und Kontrollposten umgeben sowie mit Stacheldraht eingez\u00e4unt waren. Sie glichen daher eher Arbeitslagern als D\u00f6rfern.<\/p>\n<p>Die Neuank\u00f6mmlinge wurden in kollektiv bewirtschafteten Kolchosen und staatlichen Sowchosen oder in Industriebetrieben als billige Arbeitskr\u00e4fte eingesetzt. Zu den h\u00e4rtesten Arbeitseins\u00e4tzen z\u00e4hlte der Bau des usbekischen Farhad-Wasserkraftwerks.<\/p>\n<p>Im Jahr 1948 erkl\u00e4rte Moskau die Krimtataren zu \u201cUmsiedlern auf Lebenszeit\u201d. Wer ohne Genehmigung des NKWD die Sondersiedlungen verlie\u00df, um beispielsweise Verwandte zu besuchen, riskierte eine Gef\u00e4ngnisstrafe von bis zu 20 Jahren. Solche F\u00e4lle hatte es gegeben.<\/p>\n<p>Noch vor der Deportation wurde mit Propaganda Hass unter der lokalen Bev\u00f6lkerung gegen die Krimtataren gesch\u00fcrt, um sie als Verr\u00e4ter und Volksfeinde zu brandmarken.<\/p>\n<p>Laut der Historikerin Greta Lynn Uehling wurde den Usbeken erz\u00e4hlt, es k\u00e4men \u201cZyklopen\u201d oder \u201cKannibalen\u201d zu ihnen und sie sollten sich deswegen von den Fremden fernhalten. Als die Usbeken erfuhren, dass die Krimtataren ihre Glaubensgenossen sind, waren sie \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Die Kinder der Krimtataren wurden auf Russisch oder Usbekisch unterrichtet, nicht aber auf Krimtatarisch. Ab dem Jahr 1957 waren jegliche Publikationen in krimtatarischer Sprache verboten. Der Eintrag \u00fcber die Krimtataren wurde aus der Gro\u00dfen Sowjetischen Enzyklop\u00e4die entfernt. Au\u00dferdem wurde verboten, im Pass krimtatarisch als Nationalit\u00e4t einzutragen.<\/p>\n<p><strong>Wie ver\u00e4nderte sich die Krim ohne die Tataren?<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Deportation der Tataren, Griechen, Bulgaren und Deutschen von der Krim verlor die Halbinsel im Juni 1945 der Status einer Autonomen Sowjetrepublik und wurde als Oblast (Gebiet) in die Russische Sozialistische F\u00f6derative Sowjetrepublik eingegliedert. Die s\u00fcdlichen Regionen der Krim, die fr\u00fcher \u00fcberwiegend von Krimtataren bewohnt waren, waren menschenleer.<\/p>\n<p>Beispielsweise lebten laut offiziellen Angaben nach der Deportation nur noch 2600 Menschen im Bezirk Aluschta und im Bezirk Balaklawa nur noch 2200. Nach und nach wurden dann Menschen aus Russland und der Ukraine dort angesiedelt.<\/p>\n<p>Die sowjetischen Beh\u00f6rden vernichteten Denkm\u00e4ler sowie verbrannten historische Handschriften und B\u00fccher der Krimtataren, sogar die ins Krimtatarische \u00fcbersetzen Werke von Lenin und Marx. Die Moscheen wurden in Kinos und Einkaufsl\u00e4den umfunktioniert.<\/p>\n<p><strong>Wann durften die Krimtataren zur\u00fcckkehren?<\/strong><\/p>\n<p>Das Regime der Sondersiedlungen dauerte bis zur Entstalinisierung unter Nikita Chruschtschow Mitte der 1950er Jahre. Damals erleichterten die sowjetischen Beh\u00f6rden den Krimtataren ihre Lebensbedingungen, doch den Vorwurf des Landesverrats lie\u00dfen sie aufrecht bestehen.<\/p>\n<p>In den 50er und 60er Jahren k\u00e4mpften die Krimtataren f\u00fcr ihr Recht, in ihre historische Heimat zur\u00fcckkehren zu d\u00fcrfen, unter anderem mit Demonstrationen in usbekischen St\u00e4dten. Im Jahr 1968 nahmen sie Lenins Geburtstag als Anlass f\u00fcr eine solche Aktion, doch die Beh\u00f6rden schlugen die Demonstration nieder.<\/p>\n<p>Schrittweise gelang es den Krimtataren, ihre Rechte zu erweitern &#8211; zumindest inoffiziell. Doch das Verbot auf die Krim zur\u00fcckzukehren blieb bis 1989 bestehen. In den folgenden vier Jahren kehrten 250.000 Menschen, die H\u00e4lfte aller in der Sowjetunion lebenden Krimtataren, in ihre Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Hat die Deportation Anzeichen eines V\u00f6lkermords?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Wissenschaftler und Dissidenten sind der Ansicht, dass die Deportation der Krimtataren der V\u00f6lkermord-Definition der Vereinten Nationen entspricht. Sie argumentieren, dass die sowjetische F\u00fchrung die Absicht hatte, die Krimtataren als ethnische Gruppe zu vernichten, und sie habe dieses Ziel konsequent verfolgt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2006 bat der Kurultai, die Volksversammlung der Krimtataren, das ukrainische Parlament, die Deportation als V\u00f6lkermord anzuerkennen. Ungeachtet dessen wird in den meisten historischen Werken und diplomatischen Dokumenten die Zwangsumsiedlung der Krimtataren auch heute noch als Deportation und nicht als V\u00f6lkermord bezeichnet. In der Sowjetunion wurde einfach der Begriff \u201cUmsiedlung\u201d verwendet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel basiert auf Material von BBC Zwischen dem 18. und 20. Mai 1944 hat per Befehl aus Moskau der sowjetische Geheimdienst NKWD (Volkskommissariat f\u00fcr Innere Angelegenheiten der UdSSR) fast die gesamte krimtatarische Bev\u00f6lkerung der Krim zusammengetrieben und in 70 Eisenbahnz\u00fcgen Richtung Usbekistan geschickt. 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