{"id":82202,"date":"2017-11-10T12:49:35","date_gmt":"2017-11-10T12:49:35","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=62278"},"modified":"2017-11-14T12:58:29","modified_gmt":"2017-11-14T10:58:29","slug":"62278-ukrainisch-polnisches-verhaltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/62278-ukrainisch-polnisches-verhaltnis","title":{"rendered":"Historiker Andrij Portnov \u00fcber die Schwierigkeiten im ukrainisch-polnischen Verh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wodurch sind die Komplikationen in den ukrainisch-polnischen Beziehungen entstanden? Sind es politische Spielchen oder handelt es sich um eine grundlegend verschiedene Auslegung historischer Ereignisse in der Ukraine und in Polen? Das Ukraine Crisis Media Center (UCMC) hat mit dem ukrainischen Historiker Andrij Portnov gesprochen, der die polnisch-ukrainisch-russischen Beziehungen erforscht. Er ist Gastprofessor an der Humboldt-Universit\u00e4t in Berlin.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Herr Portnov, wie kann man Ihrer Meinung nach beschreiben, was gerade zwischen der Ukraine und Polen passiert? Gibt es daf\u00fcr objektive Gr\u00fcnde oder werden historische Themen manipuliert?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov:<\/strong> Ich w\u00fcrde sagen, dass wir eine sehr schlechte Phase gegenseitigen Missverst\u00e4ndnisses haben. Dieses Missverst\u00e4ndnis ist nicht wirklich ein Problem von Mangel an historischem Wissen. Dazu ist es gekommen, weil die Geschichte zum Gegenstand politischer Manipulation gemacht wurde, sowohl in der Ukraine als auch in Polen. Leider muss sich die Ukraine darauf einstellen, dass sich ihre Beziehungen zu ihren unmittelbaren westlichen Nachbarn verschlechtern werden. An dieser Verschlechterung der Beziehungen sind meiner Meinung nach beide Seiten, Polen wie Ukrainer, schuld, weil sie eine Reihe von unklugen Schritten zugelassen haben, ohne auf die Reaktion der anderen Seite zu achten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Meinen Sie die Welle von Stra\u00dfenumbenennungen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov:<\/strong> Unter anderem. In der Ukraine wird diese Umbenennung in der Regel im Zusammenhang mit der russischen Aggression und dem Maidan betrachtet, im Zusammenhang mit der Suche nach historischen Symbolen, die klar eine unabh\u00e4ngige, anti-russische Konnotation haben. Aus ukrainischer Sicht, \u00fcbrigens auch aus Sicht derer, die Anh\u00e4nger oder Gegner von Bandera und Schuchewytsch sind, ist dies in der Regel kein anti-polnischer Schritt. Doch aus polnischer Sicht, und dar\u00fcber haben alle polnische Medien auf ihren Titelseiten wochenlang geschrieben, sind die Umbenennungen von Stra\u00dfen in Kiew in Bandera- oder Schuchewytsch-Prospekt vor allem eine anti-polnische Aktion. Genauso fehlt es auf polnischer Seite an Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass in der ukrainischen Diskussion \u00fcber die Geschichte des nationalistischen Untergrunds dessen anti-polnische Aktionen nicht an erster Stelle stehen, sondern die anti-sowjetischen Aktivit\u00e4ten und die Frage der Kollaboration mit den Deutschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus dient auf polnischer Seite das Thema Wolhynien-Massaker 1943 als V\u00f6lkermord gegen die Polen als wichtige symbolische und ideologische Best\u00e4tigung eines starken historischen Klischees f\u00fcr ein polnisches Martyrium und Opfer. In den letzten Jahren wurde in Polen sehr viel \u00fcber Jedwabne gesprochen (Stadt in Ostpolen, wo im Jahre 1941 Polen ihre j\u00fcdischen Nachbarn am lebendigen Leibe verbrannten), aber auch dar\u00fcber, dass die Polen f\u00fcr dieses Verbrechen verantwortlich sind. Nun wird die Ansicht verbreitet, wonach in erster Linie Polen zu Hunderttausenden in Wolhynien und Galizien zu unschuldigen Opfern geworden seien. Ich denke, am bittersten und alarmierendsten ist, dass eine solche Herangehensweise oft als Rechtfertigung dient, zum Beispiel f\u00fcr eine arrogante Haltung Ukrainern gegen\u00fcber, die in Polen studieren oder arbeiten. Eigentlich betrifft das Thema Wolhynien in Polen nicht nur die polnisch-ukrainischen Beziehungen, sondern es ist auch eine Frage der inner-polnischen Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Kann man sagen, dass die polnische Regierungspartei &#8220;Recht und Gerechtigkeit&#8221; (PiS) dabei eine wichtige Rolle spielt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov: <\/strong>Es gibt einen wichtigen Punkt. Als der Sejm und der Senat f\u00fcr eine Resolution stimmten, mit der das Wolhynien-Massaker als V\u00f6lkermord eingestuft und ein Gedenktag f\u00fcr die Opfer festgelegt wurde, wurde diese Entscheidung von allen Parteien unterst\u00fctzt. Von ausnahmslos allen. Daher ist es zu simpel, zu glauben, dass nur die PiS dieses Thema unterst\u00fctzt. Wenn wir uns die polnische Presse anschauen, dann schreibt nicht nur die politisch rechte polnische Presse \u00fcber Wolhynien 1943 als V\u00f6lkermord. Nahezu alle wichtigen Akteure der polnischen politischen und intellektuellen Szene stimmen darin \u00fcberein, dass es sich um einen V\u00f6lkermord gehandelt hat, und sie halten eine &#8220;Kanonisierung&#8221; von Bandera f\u00fcr unzul\u00e4ssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt wenige Stimmen in der aktuellen polnischen Debatte, die davor warnen, mit einem Opfer-Komplex zu spielen und aus dem Wolhynien-Massaker einen &#8220;Holocaust an den Polen&#8221; zu machen. In Polen entsteht eine sehr gef\u00e4hrliche Situation, in der die Zunahme von Fremdenfeindlichkeit gef\u00f6rdert werden kann. Mir scheint, dass man in der Ukraine endlich erkannt hat, dass dies ein sehr ernstes Problem ist. Sowohl die polnische als auch die ukrainische Elite haben verpasst, dieses Problem auf politischem Wege mehr oder weniger ruhig zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Wann h\u00e4tte man dies machen sollen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov: <\/strong>Idealerweise, auch wenn es seltsam klingt, h\u00e4tte man das w\u00e4hrend Janukowytschs Pr\u00e4sidentschaft machen sollen. Damals war der Dialog mehr oder weniger ruhig. Und damals hat die damalige ukrainische F\u00fchrung &#8211; von der wir wissen, wie sie war &#8211; mehrere Fehler gemacht. Es sei daran erinnert, wie der polnische Pr\u00e4sident Bronislaw Komorowski am Jahrestag des Massakers von Wolhynien in die Ukraine in die Region Wolhynien gekommen war. Das war im Juli 2013. Janukowytsch sollte auch kommen. Doch dann hie\u00df es, &#8220;nein, ich mache Urlaub auf der Krim&#8221;. F\u00fcr die polnische \u00d6ffentlichkeit war das eine Ohrfeige. Und Janukowytsch, davon bin ich \u00fcberzeugt, hat \u00fcberhaupt nicht verstanden, worum es ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die n\u00e4chste &#8220;Ohrfeige&#8221; &#8211; und das schon nach dem Maidan &#8211; war die Verabschiedung der sogenannten Dekommunisierungs-Gesetze, in denen es auch um die Anerkennung der Veteranen der Ukrainischen Aufst\u00e4ndischen Armee (UPA) als K\u00e4mpfer f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine geht. Ich erinnere daran, dass das ukrainische Parlament jene Gesetze unmittelbar nach der Rede von Pr\u00e4sident Komorowski verabschiedete. Bei vielen Menschen in Polen entstand der Eindruck, dass die Gesetze \u00fcber die UPA-Anerkennung bewusst direkt nach der Rede des polnischen Pr\u00e4sidenten angenommen wurden, um ihn und Polen zu dem\u00fctigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch etwas Wichtiges: Leider sind aus einigen polnischen Kreisen in letzter Zeit \u00c4u\u00dferungen zu h\u00f6ren, die es vorher nicht (oder kaum) gab und die manchmal mit Putins Propaganda \u00fcbereinstimmen. Dies ist zum Beispiel bei der rhetorischen Definition des Maidan sp\u00fcrbar. Bestimmte Leute nutzen das Wolhynien-Massaker als Argument daf\u00fcr, dass Polen der heutigen Ukraine in bestimmten strategischen Fragen nicht unterst\u00fctzen sollte &#8211; unter anderem beim Krieg und bei der L\u00f6sung des Problems im Donbass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Schon lange wird dar\u00fcber gesprochen, dass Russland m\u00f6glicherweise Information zum Thema polnisch-ukrainische Beziehungen und \u00fcber die Zerst\u00f6rung von Denkm\u00e4lern gezielt verbreitet. Ende Februar ist eine Studie von &#8220;Informnapalm&#8221; erschienen, mit eindeutigen Beweisen daf\u00fcr, dass zumindest ein Teil der anti-ukrainischen Aktionen vom Kreml organisiert wurden. Wird in Polen die Gefahr einer russischen Einmischung erst genommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov: <\/strong>Ich denke, kluge Leute tun dies. Es ist doch logisch, dass es f\u00fcr Putin sehr von Vorteil ist, wenn sich die Ukraine und Polen streiten und wenn es keine gemeinsamen regionalen Projekte gibt. F\u00fcr den Kreml w\u00e4re es ideal, wenn Polen aufh\u00f6ren w\u00fcrde, die europ\u00e4ische Integration der Ukraine zu unterst\u00fctzen. Obwohl sie dies wissen, reden viele Leute in Polen davon, was oben schon erw\u00e4hnt wurde. Aber abgesehen vom russischen Einfluss gibt es eine sehr starke interne Nachfrage nach diesem Thema. Nat\u00fcrlich arbeiten die russischen Geheimdienste damit, das tun sie ja schon l\u00e4ngst. Aber trotz des \u00e4u\u00dferen russischen Faktors gibt es nach wie vor die Probleme zwischen Ukrainern und Polen, zwischen den beiden Gesellschaften, zwischen den beiden politischen Eliten. In diesem Fall kann man nicht alles auf den FSB abschieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Kann man dieser Zuspitzung einen konstruktiven Diskurs entgegensetzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov: <\/strong>Wenn wir \u00fcber die ukrainische Seite sprechen (\u00fcberlassen wir die polnische den Polen), m\u00fcssen wir zuerst verstehen, wie die Situation, die wir heute haben, entstanden ist. Wir sind uns dessen nicht ganz bewusst, wie schmerzhaft das Wolhynien-Thema f\u00fcr die polnische Gesellschaft ist. Das Schlimmste, was man tun kann, ist sich an die rein reaktive Logik zu halten: jemand von au\u00dfen hat etwas gesagt oder getan und wir rechtfertigen uns. Das ist eine Sackgasse. Wir m\u00fcssen uns eine v\u00f6llig andere Agenda einfallen lassen, nach kreativen Schritten suchen, insbesondere nach kulturellen Aktionen, die eine ganz einfache Botschaft h\u00e4tten: Polen ist wichtig f\u00fcr die Ukraine, wir respektieren Polen und wir sagen nicht: &#8220;Wir haben hier unsere eigenen Probleme, wir m\u00fcssen gegen Putin k\u00e4mpfen&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sehr wichtig, \u00fcber ein positives Programm nachzudenken, in dem es um die prinzipielle These geht, dass Polen f\u00fcr die Ukraine das &#8220;Tor zum Westen&#8221; ist. Es ist das EU-Land, in das die meisten Ukrainer fahren. Es ist eine eng verwandte Sprache. Es ist weitgehend eine gemeinsame Geschichte, die weder auf Konfrontation noch auf ewige Liebe reduziert werden kann. Der Reichtum der historischen Beziehungen und die politisch-wirtschaftlichen Aussichten sind viel wichtiger als die konfrontative Logik im Stile &#8220;Ihr redet von V\u00f6lkermord und wir werden auch an einen erinnern&#8221;. Das f\u00fchrt zu nichts Gutem. Die Ukraine sollte von der Logik ausgehen, dass Polen f\u00fcr sie wichtig, nah und notwendig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>UCMC: Sie haben gesagt, dass es gut w\u00e4re, \u00fcber die Ereignisse in Wolhynien in einem internationalen Kontext ethnischer S\u00e4uberungen und V\u00f6lkermorde zu sprechen und Experten wie Timothy Snyder und Balkan-Kenner hinzuzuziehen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Andrij Portnov: <\/strong>Es ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, dass solche Dinge nur hier passiert sind. Es w\u00e4re gut, renommierte Experten aus verschiedenen L\u00e4ndern einzuladen &#8211; aus Deutschland, Israel und Kanada, gerne sogar aus Japan und China, wo es auch F\u00e4lle von Massenmord gab. Es sollte eine kompetente internationale Kommission geben. Ich glaube, dass so etwas nicht nur Polen braucht, sondern auch die Ukraine, weil auf dem Territorium der heutigen Ukraine das geschehen ist, was sich direkt auf die ukrainische Erfahrung des Krieges bezieht, die sehr verwirrend und widerspr\u00fcchlich ist. Und politisch ist die Position desjenigen, der beginnt, \u00fcber sein eigenes historisches Fehlverhalten zu sprechen, immer st\u00e4rker. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnten ukrainische Initiativen zum Wolhynien-Thema der internationalen Gemeinschaft zeigen, dass die Ukraine verantwortungsvoll mit ihrer schwierigen Vergangenheit umgeht. Und das wird \u00fcbrigens von allen potenziellen EU-Mitgliedern erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wodurch sind die Komplikationen in den ukrainisch-polnischen Beziehungen entstanden? Sind es politische Spielchen oder handelt es sich um eine grundlegend verschiedene Auslegung historischer Ereignisse in der Ukraine und in Polen? Das Ukraine Crisis Media Center (UCMC) hat mit dem ukrainischen Historiker Andrij Portnov gesprochen, der die polnisch-ukrainisch-russischen Beziehungen erforscht. 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