{"id":83236,"date":"2017-12-15T16:20:32","date_gmt":"2017-12-15T16:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=63174"},"modified":"2017-12-16T13:09:37","modified_gmt":"2017-12-16T11:09:37","slug":"63174-quiet-eastern-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/63174-quiet-eastern-front","title":{"rendered":"Ist alles an der Ostfront ruhig?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Westen nichts Neues: Die Ukraine und ihre Nachbarn<\/strong><\/p>\n<p><em>In letzter Zeit haben sich die Beziehungen der Ukraine zu ihren westlichen Nachbarn, insbesondere zu den EU-Mitgliedstaaten Polen und Ungarn, verschlechtert. Grund f\u00fcr die Verschlechterung des Verh\u00e4ltnisses zu Ungarn ist das im September vom ukrainischen Parlament verabschiedete Bildungsgesetz. Und der Grund f\u00fcr die Krise im Verh\u00e4ltnis zu Polen ist der Streit um den Umgang mit historischen Ereignissen. <\/em><\/p>\n<p><em>Diese Woche gab es in diesem Zusammenhang zwei wichtige Nachrichten &#8211; Grund f\u00fcr eine Zwischenbilanz. Die Venedig-Kommission lehnte die ungarische Beschwerde ab, wonach Kiew die Rechte der ungarischen Minderheit einschr\u00e4nke. Und der polnische Pr\u00e4sident Andrzej Duda kam endlich zu einem Besuch in die Ukraine und traf sich mit Pr\u00e4sident Petro Poroschenko. Tritt nun die lang ersehnte Ruhe im Verh\u00e4ltnis zwischen der Ukraine und ihren westlichen Nachbarn ein? Das Ukraine Crisis Media Center ist dieser Frage nachgegangen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sprachenstreit zwischen der Ukraine und Ungarn<\/strong><\/p>\n<p>Grund f\u00fcr die Verschlechterung der Beziehungen zu Ungarn war die Abstimmung \u00fcber das neue Bildungsgesetz im ukrainischen Parlament. In der Ukraine leben etwa 150.000 ethnische Ungarn. Nach Angaben des ukrainischen Bildungsministeriums werden derzeit in der Ukraine 16.020 Kinder in Schulen auf Ungarisch unterrichtet.<\/p>\n<p><strong>Was ist der Kern des Konflikts? <\/strong>F\u00fcr Streit sorgte Artikel 7 des Gesetzes, wonach der Unterricht in Minderheitensprachen k\u00fcnftig auf die vier Grundschulklassen beschr\u00e4nkt wird. Fr\u00fcher konnten Kinder aus nationalen Minderheiten eine vollst\u00e4ndige Sekundarschulbildung in ihrer Muttersprache erhalten. Nach dem neuen Gesetz werden ab der 5. Klasse alle Hauptf\u00e4cher in der Staatssprache, also auf Ukrainisch unterrichtet. Gleichzeitig wird die Lehre der Muttersprache sowie der Unterricht mehrerer F\u00e4cher in der Muttersprache nationaler Minderheiten nicht eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><strong>Argumente der Ukraine. <\/strong>Der ukrainische Gesetzgeber betont, dass gerade durch die Unkenntnis der ukrainischen Sprache Kinder nationaler Minderheiten in ihren Rechten eingeschr\u00e4nkt seien. So seien ihre Chancen geringer, sich an Universit\u00e4ten einzuschreiben, Arbeit zu finden, eine politische Karriere in der Ukraine zu beginnen und sogar ihre eigenen Interessen zu verteidigen. Paragraf 4 des umstrittenen Artikels 7 besagt auch klar, dass ein oder mehrere F\u00e4cher in mehreren Sprachen unterrichtet werden k\u00f6nnen: in der Staatssprache, auf Englisch oder in einer der Sprachen der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p><strong>Ungarn spricht von einem &#8220;Dolch in den R\u00fccken&#8221;.<\/strong> Die Regierung, die Medien und die Gesellschaft in Ungarn haben sehr scharf auf das neue ukrainische Bildungsgesetz reagiert. Die Ungarn sind \u00fcberzeugt, dass das Gesetz die Rechte der ungarischen Minderheit einschr\u00e4nkt. Sie bef\u00fcrchten, dass ungarischsprachige Schulen in der Ukraine geschlossen werden. Der ungarische Ministerpr\u00e4sident P\u00e9ter Szijj\u00e1rt\u00f3 sagte, das Gesetz sei ein &#8220;Dolch in den R\u00fccken&#8221; und drohte, die ungarische Regierung werde alle weiteren Beschl\u00fcsse der Europ\u00e4ischen Union blockieren, die auf eine Ann\u00e4herung der Ukraine an die EU abzielen. Der diplomatische Skandal hat dazu gef\u00fchrt, dass man sich an Dritte wenden musste. Ungarn reichte eine Beschwerde bei der Venedig-Kommission ein. Gerade diese europ\u00e4ische Institution sollte in diesem Streit ein Ende setzen.<\/p>\n<p><strong>Entscheid der Venedig-Kommission. <\/strong>Am 11. Dezember ver\u00f6ffentlichte die Europ\u00e4ische Kommission f\u00fcr Demokratie durch Recht (Venedig-Kommission) einen Entscheid bez\u00fcglich der Sprachen-Bestimmungen im neuen ukrainischen Bildungsgesetz. Der Entscheid ist sehr ausgewogen. Einerseits hat die Kommission anerkannt, dass die F\u00f6rderung und St\u00e4rkung der Staatssprache ein legitimes und sogar lobenswertes Ziel eines Staates ist. Die Kommission lehnte den Vorwurf Ungarns ab, das ukrainische Gesetz schr\u00e4nke mit seinen Bestimmungen zur Unterrichtssprache die Rechte der nationalen Minderheiten ein. Andererseits enth\u00e4lt der Entscheid der Venedig-Kommission eine Reihe von Empfehlungen an die Ukraine, darunter den Vorschlag, die \u00dcbergangsfrist zur vollst\u00e4ndigen Anwendung des Gesetzesartikels \u00fcber die Unterrichtssprache bis zum Jahr 2020 zu verl\u00e4ngern. Ferner wird vorgeschlagen, Beratungen mit nationalen Minderheiten abzuhalten. Auch soll im Gesetz das Recht festgeschrieben werden, bestimmte F\u00e4cher f\u00fcr nationale Minderheiten in deren Muttersprache zu unterrichten, um so ein hohes Ma\u00df an m\u00fcndlichen und schriftlichen Kenntnissen der Muttersprache erreichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Doch ob dieser Entscheid der Venedig-Kommission wirklich im Streit zwischen der Ukraine und Ungarn einen Punkt setzen wird, wird die Zeit zeigen.<\/p>\n<p><strong>Streit um die Geschichte zwischen der Ukraine und Polen<\/strong><\/p>\n<p>Seit mehr als einem Jahr sind die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen angespannt. Heute werfen die Ukrainer den Polen vor, nicht mehr Anwalt der Ukraine in der EU zu sein. Doch die Ukraine und Polen trennt nicht so sehr die Geschichte, sondern vielmehr der Umgang mit ihr und deren heutige Deutung.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"lazyload alignnone wp-image-63175 size-full\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1024 683'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DQ7XqFjWsAAmQ0-.jpg\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><\/p>\n<p>Die Politisierung historischer Ereignisse f\u00fchrt zu Spannungen in den bilateralen Beziehungen. So erinnern die Ukrainer die Polen immer wieder daran, dass sie von ihnen \u00fcber Jahrhunderte beherrscht wurden. Und die Polen \u00e4rgern sich \u00fcber die Verherrlichung der Ukrainischen Aufst\u00e4ndischen Armee (UPA) sowie von Stepan Bandera, einem der bekanntesten Vertreter der ukrainischen nationalistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts. Die UPA war eine ukrainische Partisanenarmee und der milit\u00e4rische Fl\u00fcgel der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Die UPA wurde 1942 gegr\u00fcndet und existierte bis etwa 1956. Im Zweiten Weltkrieg bek\u00e4mpfte sie deutsche Truppen und die polnische Heimatarmee. Nach dem Krieg k\u00e4mpfte sie weitere f\u00fcnf Jahre in der Ukraine gegen die Sowjetherrschaft. Streit gibt es auch um die Trag\u00f6die von Wolhynien. Dabei handelt es sich um gegenseitige ethnische S\u00e4uberungen der ukrainischen und polnischen Bev\u00f6lkerung in den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die 1943 w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs von der UPA und der polnischen Heimatarmee durchgef\u00fchrt wurden. Im Sommer 2016 stufte das polnische Parlament diese Ereignisse als &#8220;V\u00f6lkermord&#8221; ein.<\/p>\n<p><strong>Was ist der Kern des Streits? <\/strong>Die Polen sind gegen eine vom Ukrainischen Institut f\u00fcr Nationales Gedenken betriebene Verherrlichung von Stepan Bandera und der UPA. Und die Ukrainer verstehen nicht, warum die Polen so heftig auf den Umgang mit der Trag\u00f6die von Wolhynien reagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der &#8220;Gr\u00e4ber-Streit&#8221;. <\/strong>Dar\u00fcber hinaus herrscht zwischen der Ukraine und Polen ein &#8220;Streit um Gr\u00e4ber&#8221;. Seit 2014 werden in Polen immer wieder Gr\u00e4ber von Soldaten der UPA gesch\u00e4ndet. Ganze Grabsteine werden zerst\u00f6rt. Die polnischen Beh\u00f6rden ziehen die T\u00e4ter nicht zur Verantwortung. Als Reaktion darauf initiierte das Ukrainische Institut f\u00fcr Nationales Gedenken ein Moratorium f\u00fcr die Exhumierung von Polen, die w\u00e4hrend milit\u00e4rischer Konflikte in der Ukraine umgekommen sind. Dies f\u00fchrte zu einer neuen Konfrontations-Runde. Eine Vereinbarung \u00fcber die Aufhebung des Moratoriums wurde erst im November 2017 erzielt. Das entsprechende Treffen fand am 17. November statt. Die Ukraine sicherte zu, das Moratorium f\u00fcr die Exhumierung aufzuheben. Diese Entscheidung machte den j\u00fcngsten Besuch des polnischen Pr\u00e4sidenten Duda in Charkiw erst m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Erkl\u00e4rung des neuen polnischen Premiers. <\/strong>Der neue polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki, der die Beziehungen Polens innerhalb Europas verbessern soll, erkl\u00e4rte am ersten Tag im Amt, dass die Beziehungen zur Ukraine &#8220;auf der historischen Wahrheit aufgebaut werden m\u00fcssen&#8221; und dass &#8220;Ereignisse wie der V\u00f6lkermord in Wolhynien nicht vergessen werden d\u00fcrfen&#8221;.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Andrzej Duda in der Ukraine.<\/strong> Vor dem Hintergrund der bilateralen Krise kann der Besuch von Pr\u00e4sident Duda in der Ukraine als echte Errungenschaft der Diplomaten beider Seiten betrachtet werden. Die Pr\u00e4sidenten Poroschenko und Duda trafen sich in Charkiw. Symbolisch wurde Dudas Besuch mit Gr\u00e4bern in Verbindung gebracht. Die beiden Pr\u00e4sidenten besuchten gemeinsam das Denkmal f\u00fcr die Opfer des Totalitarismus, das sich auf dem Gel\u00e4nde eines ehemaligen \u00dcbungsplatzes des sowjetischen Inlandsgeheimdienstes NKWD in der N\u00e4he von Charkiw befindet. Dort wurden 1940 unter anderem mehrere tausend gefangene polnische Offiziere ermordet und begraben.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was wurde vereinbart? <\/strong>Die Pr\u00e4sidenten beider L\u00e4nder vereinbarten, die bilaterale Gr\u00e4ber-Kommission aufzuwerten. Von nun an wird sie von Vize-Premiers geleitet: auf ukrainischer Seite von Pawlo Rosenko und auf polnischer Seite von Piotr Gli\u0144ski. Bemerkenswert ist, dass Pr\u00e4sident Duda im Unterschied zu seinem ukrainischen Amtskollegen den Gro\u00dfteil seiner Rede nicht der Wirtschaft, sondern historischen Themen widmete. Gleichzeitig war Duda optimistischer und sagte, dass die Haupthindernisse im historischen Dialog zwischen beiden L\u00e4ndern beseitigt seien.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der historische Streit zwischen Polen und der Ukraine kann beendet werden. Man sollte nicht um die Vergangenheit k\u00e4mpfen, sondern \u00fcber die Gegenwart nachdenken, und noch besser in die Zukunft schauen. Die Vergangenheit sollte in der Vergangenheit bleiben und die Geschichte den Historiker \u00fcberlassen werden. Dann werden die Ukraine und Polen bessere Chancen haben, sich zu verst\u00e4ndigen. Ob mit den Vereinbarungen von Charkiw der historische Streit tats\u00e4chlich beendet wird und ob man sich nun auf die Herausforderungen konzentrieren wird, vor denen beide L\u00e4nder stehen, wird auch hier die nahe Zukunft zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<figure class=\"mace-gallery-teaser\"\n\tid=\"mace-gallery-83236-1\"\n\tdata-g1-gallery-title=\"\"\n\tdata-g1-gallery=\"[{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:83238,&quot;title&quot;:&quot;DQ7XqFjWsAAmQ0-&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/12\\\/DQ7XqFjWsAAmQ0--150x150.jpg&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/12\\\/DQ7XqFjWsAAmQ0-.jpg&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2017\\\/12\\\/DQ7XqFjWsAAmQ0-.jpg&quot;}]\"\n\tdata-g1-share-shortlink=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/63174-quiet-eastern-front#mace-gallery-83236-1\"\n\t>\n\t<a class=\"mace-gallery-teaser-poster\">\n\t\t<img width=\"613\" height=\"409\" src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DQ7XqFjWsAAmQ0-.jpg\" class=\"attachment-bimber-grid-standard-2x size-bimber-grid-standard-2x\" alt=\"\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DQ7XqFjWsAAmQ0-.jpg 1024w, https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DQ7XqFjWsAAmQ0--300x200.jpg 300w, https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/DQ7XqFjWsAAmQ0--768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/>\t\t<span class=\"mace-gallery-teaser-button\">\n\t\t\t<span class=\"g1-epsilon g1-epsilon-1st mace-gallery-teaser-button-text\">View Gallery<\/span>\n\t\t\t<span class=\"g1-meta mace-gallery-teaser-button-counter\">\n\t\t\t\t1 image\t\t\t<\/span>\n\t\t<\/span>\n\t<\/a>\n<\/figure>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Westen nichts Neues: Die Ukraine und ihre Nachbarn In letzter Zeit haben sich die Beziehungen der Ukraine zu ihren westlichen Nachbarn, insbesondere zu den EU-Mitgliedstaaten Polen und Ungarn, verschlechtert. 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