{"id":83966,"date":"2018-01-12T18:42:56","date_gmt":"2018-01-12T18:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=63691"},"modified":"2018-01-13T12:44:34","modified_gmt":"2018-01-13T10:44:34","slug":"63691-interview-professor-kozlovskyi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/63691-interview-professor-kozlovskyi","title":{"rendered":"Ihor Koslowskyj nach seiner Rebellen-Gefangenschaft: &#8220;Die Ukraine braucht einen Dialog mit dem Donbass und zugleich eine starke Armee&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 27. Dezember 2017 fand im Donbass erstmals seit zwei Jahren ein Gefangenenaustausch zwischen der ukrainischen Regierung und den sogenannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221; statt. Unter den befreiten Ukrainern war auch Ihor Koslowskyj. Der 63-j\u00e4hrige Wissenschaftler gilt in der Ukraine als Pers\u00f6nlichkeit des \u00f6ffentlichen Lebens. Zwei Jahre verbrachte er unter unmenschlichen Bedingungen im Donezker Gef\u00e4ngnis, darunter in einer Einzelzelle ohne Fenster. Koslowskyj musste auch seitens der pro-russischen Rebellen Folter ertragen. Nach seiner Freilassung gab er zahlreichen ukrainischen Medien Interviews. Eines davon gab Koslowskyj der ukrainischen Internetzeitung &#8220;Ukrajinska prawda&#8221;. Das Ukraine Crisis Media Center bringt eine verk\u00fcrzte \u00dcbersetzung des Gespr\u00e4chs.<\/em><\/p>\n<p>Ihor Koslowskyj schloss 1980 in Donezk ein Geschichtsstudium ab. 2012 promovierte er als Religionswissenschaftler und lehrte\u00a0 an der Nationalen Technischen Universit\u00e4t Donezk am Institut f\u00fcr Philosophie. Auch nach der Besetzung von Donezk setzte er seine T\u00e4tigkeit als Wissenschaftler und Dozent fort. Er reiste oft in die Gebiete, die sich unter der Kontrolle der Ukraine befinden. Unter anderem nahm er an einer Konferenz in Kiew teil und besuchte Abteilungen der Universit\u00e4t Donezk, die in das von Kiew kontrollierte Pokrowsk, nahe Donezk, umzogen sind. Koslowskyjs Ehefrau und die Familie seines j\u00fcngeren Sohnes verlie\u00dfen Donezk im Jahr 2014. Der Wissenschaftler selbst war gezwungen, mit seinem \u00e4ltesten behinderten Sohn im besetzten Donezk zur\u00fcckzubleiben. Es war zu schwierig, einen Umzug des bettl\u00e4gerigen Sohnes zu organisieren. Aber Koslowskyj gibt auch zu, er sei geblieben, weil er an eine baldige Befreiung von Donezk durch ukrainische Truppen geglaubt habe. Am 27. Januar 2016 hatten Unbekannte in Donezk versucht, ein Lenin-Denkmal zu sprengen. Dies diente als Vorwand, Koslowskyj festzunehmen. Er verbrachte einen Monat im Keller des sogenannten &#8220;Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit der Volksrepublik Donezk&#8221;. Danach wurde er ins Donezker Gef\u00e4ngnis verlegt. Erst ein Jahr sp\u00e4ter wurde der Fall Koslowskyj der &#8220;Justiz&#8221; \u00fcbergeben und es wurde ein &#8220;Milit\u00e4rtribunal&#8221; angesetzt. Am 3. Mai 2017 wurde Koslowskyj schlie\u00dflich als &#8220;unzuverl\u00e4ssiger B\u00fcrger&#8221; zu 2,8 Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p><strong>Ukrajinska prawda: Herr Koslowskyj, glauben Sie, dass es im Fr\u00fchjahr 2014 noch eine Chance gab, alles aufzuhalten? H\u00e4tte man die von den Rebellen besetzten Verwaltungsgeb\u00e4ude st\u00fcrmen sollen?<\/strong><\/p>\n<p>Ihor Koslowskyj: Chancen gab es. Man h\u00e4tte sie st\u00fcrmen sollen. Mir ist klar, dass die meisten Sicherheitsorgane vor Ort die Ukraine verraten haben. Aber auf Donezker Stadtgebiet gab es noch mehrere Milit\u00e4reinheiten und die h\u00e4tte man einsetzen sollen.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie auch jetzt noch, dass eine gewaltsame L\u00f6sung effektiv w\u00e4re? Sollten die Gebiete gewaltsam befreit werden oder w\u00e4ren Verhandlungen der einzig richtige Weg?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist keine Glaubensfrage. Dies ist das Ergebnis komplexer Bem\u00fchungen, unter anderem durch das Eingreifen von Gro\u00dfm\u00e4chten. Hier spielen viele Faktoren auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Auf der einen Seite muss eine starke Armee gebildet werden, um unsere St\u00e4rke zu demonstrieren. Damit die andere Seite versteht, dass wir eine gewaltsame L\u00f6sung nicht ausschlie\u00dfen und dass unsere Armee in der Lage ist, die Region jederzeit unter ihre Kontrolle zu bringen. Es reicht ein Tag, um zum Beispiel die Stadt Horliwka wieder unter Kontrolle zu bringen. Und in drei Tagen k\u00f6nnte die gesamte Region mit Gewalt befreit werden. Aber auf der anderen Seite w\u00fcrde dies zu menschlichen Verlusten, Zerst\u00f6rung und negativen Reaktionen im Ausland f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ja, wir wissen, dass w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs die sowjetischen Truppen bei der Befreiung von Territorien f\u00fcr mehr Zerst\u00f6rung gesorgt haben als die Deutschen &#8211; es gab massenhaft Opfer. Aber niemand nahm darauf R\u00fccksicht, weil die Aufgabe eine andere war. Wir k\u00f6nnen nicht so vorgehen, weil wir im 21. Jahrhundert leben. Und dr\u00fcben leben unsere Menschen und es ist unser Land. Auch wenn die Menschen dort das anders sehen. Daher ist die sinnvollste Option ein konstruktiver Dialog, der kontinuierlich gef\u00fchrt werden sollte, nicht nur auf Regierungsebene im Minsk-Format, sondern auch auf der Ebene der Menschen. Wer dort Bekannte hat, muss mit ihnen reden. Das hei\u00dft, es sollte einen Dialog auf der Ebene der gesamten ukrainischen Gesellschaft geben. Aber gleichzeitig, ich wiederhole es, ist es wichtig, parallel eine starke Armee aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>Sie gehen also davon aus, dass sich eine Wiedereingliederung der besetzten Gebiete des Donbass lange hinziehen k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist ein Problem, das sich f\u00fcr eine Weile hinziehen wird. Auch wenn dieses Territorium ganz befreit wird und wir wieder bis an unsere Staatsgrenze kommen, was ja die Hauptaufgabe ist, und die Grenze geschlossen wird, dann werden wir dennoch dort Menschen mit anderen Denkmustern vorfinden. Man muss verstehen, dass ihre H\u00e4user zerst\u00f6rt sind und sie Angeh\u00f6rige verloren haben. Und dieses Problem wird noch sehr lang bestehen. Die Befreiung bezieht sich daher nicht nur auf das Territorium, sondern auch auf das Bewusstsein der Menschen.<\/p>\n<p><strong>Was meinen Sie, hat die Anzahl der Menschen, die auch nach vier Jahren Besatzung eindeutig gegen die Ukraine eingestellt sind, eine kritische Masse erreicht?<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen dort haben drei verschiedenen Einstellungen. Die Anzahl derer, die pro-ukrainisch eingestellt sind, ist den letzten Jahren zur\u00fcckgegangen, weil viele von ihnen das Gebiet verlassen haben. Dann gibt es die Unterst\u00fctzer der &#8220;Donezker Volksrepublik&#8221; oder die Bef\u00fcrworter eines Anschlusses an Russland. Davon gibt es ziemlich viele. Aber die Mehrheit ist eine gleichg\u00fcltige Masse. Sie will einfach nur ruhig leben, Frieden und Wohlstand haben und dass niemand mehr schie\u00dft. Und gerade auf diese Masse muss man Einfluss nehmen. Diese Menschen werden sich egal wem anschlie\u00dfen, der ihnen Frieden und Wohlstand bietet. Das hei\u00dft, wenn sich die Ukraine weiterentwickelt und zeigt, dass man mit B\u00fcrgern auch anders umgehen kann, wenn sich der Wohlstand in der Ukraine mehrt, dann kann dies zu einem Faktor werden, der diese Menschen beeinflussen wird.<\/p>\n<p><strong>Wie bewerten sie in diesem Zusammenhang die Handelsblockade gegen die besetzten Gebiete und die von der ukrainischen Regierung ausgesetzten Zahlungen von Sozialleistungen und Renten?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Renten haben sich die Menschen verdient. Wenn sie die Ukraine verlassen w\u00fcrden, w\u00fcrde unser Staat die Renten laut Gesetz zahlen. Doch die Menschen sind gar nicht irgendwohin ausgereist. Eigentlich st\u00f6\u00dft jede Blockade nur ab. Sie tr\u00e4gt auch dazu bei, dass jene gleichg\u00fcltigen Menschen zu Anh\u00e4ngern Russlands werden. Denn Russland \u00f6ffnet seinerseits seine Grenzen, erm\u00f6glicht die Einreise, auch um dort zu arbeiten. Russland erkennt die P\u00e4sse der sogenannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221; an. Jetzt ist auch noch das Verfahren zur Erlangung der russischen Staatsb\u00fcrgerschaft f\u00fcr diejenigen vereinfacht worden, die aus dem besetzten Donbass kommen. Die Blockade seitens der Ukraine w\u00e4re logisch, wenn die russische Grenze geschlossen w\u00e4re. Dann w\u00e4ren die Rebellen gezwungen, unsere Bedingungen zu akzeptieren. Deswegen ist das keine Blockade, wir sto\u00dfen die Menschen einfach ab.<\/p>\n<p><strong>Sie haben anderen Gefangenen geholfen, die Haft psychisch zu ertragen. Wie kann man eine solche Gefangenschaft \u00fcberleben und dabei noch den Verstand bewahren?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Liebe von Verwandten und Freunden. Auch eine reiche eigene innere Welt hilft dabei. Wenn ein Mensch nur \u00fcber eine begrenzte innere Welt verf\u00fcgt, dann wird es f\u00fcr ihn sehr schwierig zu \u00fcberleben. Es gab auch solche, die das nicht ausgehalten haben. In unserem Trakt sa\u00df ein Mann, nur weil er seine Wohnung an jemanden vermietet hatte, der zuvor wegen Spionage festgenommen worden war. Dem Vermieter wurde mit lebenslanger Haft gedroht. Ich hatte ihn im Fr\u00fchjahr gesehen. Vier Monate sp\u00e4ter erfuhr ich, dass er sich das Leben genommen hatte. Die Haftbedingungen selbst waren erdr\u00fcckend: eine kleine Zelle, so breit wie ausgestreckte Arme. Das war der 10. Gef\u00e4ngnistrakt, wo in der Sowjetzeit &#8220;Todeskandidaten&#8221; und sp\u00e4ter zu lebenslanger Haft Verurteilte sa\u00dfen. Aber mit Gebeten, Meditation und Yoga begab ich mich in eine gewisse innere Welt. Das habe ich auch anderen beigebracht. Ich zeigte ihnen Atem\u00fcbungen und unterst\u00fctzte sie generell psychologisch. Hauptsache ist, sich das Ziel zu setzen, um jeden Preis zu \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. 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