{"id":84197,"date":"2018-01-19T18:03:04","date_gmt":"2018-01-19T18:03:04","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=63901"},"modified":"2018-01-20T16:03:22","modified_gmt":"2018-01-20T14:03:22","slug":"63901-la-sage-femme-espionne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/63901-la-sage-femme-espionne","title":{"rendered":"Halyna Hajewaja nach ihrer Rebellen-Gefangenschaft: &#8220;Keine Amnestie f\u00fcr diejenigen, die gek\u00e4mpft und get\u00f6tet haben&#8221;"},"content":{"rendered":"<p><em>Beim gro\u00dfen <\/em><a href=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/63526-top-10-results-2017-ukraine\"><em>Gefangenenaustausch<\/em><\/a><em> zwischen der ukrainischen Regierung und den sogenannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221; am 27. Dezember 2017 ist auch Halyna Hajewaja aus dem besetzten Teil des Donbass in das von Kiew kontrollierte Gebiet \u00fcberstellt worden. Die Frau war seit 1980 als Krankenschwester in Dokutschajewsk t\u00e4tig. Zwei Jahre musste sie unter der Herrschaft der sogenannten &#8220;Volksrepublik Donezk&#8221; (DNR) arbeiten. Ihre Familie &#8211; Kinder und Enkel &#8211; haben das von den prorussischen Rebellen besetzte Gebiet l\u00e4ngst verlassen. Halyna Hajewaja musste bleiben, um ihre 80-j\u00e4hrige Mutter zu pflegen. Im Herbst 2016 wurde sie wegen &#8220;Spionage&#8221; f\u00fcr den Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Gefangen gehalten wurde sie im Kulturzentrum &#8220;Isolation&#8221;, das von den Rebellen 2014 besetzt wurde. Gegen\u00fcber der ukrainischen Zeitung &#8220;Glavred&#8221; berichtet sie \u00fcber ihre Haft, die Pr\u00e4senz russischer Milit\u00e4rs und das Leben in den besetzten Gebieten. Das Ukraine Crisis Media Center (UCMC) bringt eine verk\u00fcrzte \u00dcbersetzung des Gespr\u00e4chs.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>\u00dcber die Zusammenarbeit mit dem SBU und die russische Pr\u00e4senz im Donbass<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong>Glavred: Haben Sie da daran gedacht, als die Ereignisse im Donbass begannen, die besetzten Gebiete zu verlassen?<\/strong><\/p>\n<p>Halyna Hajewaja: Meine Kinder sind nat\u00fcrlich gegangen. Aber ich konnte meine fast 80-j\u00e4hrige Mutter nicht verlassen. Und die Tante meines Mannes war allein, wir haben uns um sie gek\u00fcmmert. Sie starb Ende 2015 und wir haben sie bestattet. Au\u00dferdem habe ich in einem Krankenhaus gearbeitet und ich verf\u00fcgte \u00fcber Informationen, die f\u00fcr die Ukraine n\u00fctzlich waren.<\/p>\n<p><strong>Sie bestreiten also nicht, dass Sie den ukrainischen Beh\u00f6rden Informationen \u00fcber die Lage in den besetzten Gebieten \u00fcbermittelt haben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p><strong>An wen genau auf ukrainischer Seite haben Sie Informationen weitergegeben?<\/strong><\/p>\n<p>An den SBU in der Stadt Wolnowacha, per Telefon und pers\u00f6nlich, als ich dorthin fuhr. Ich berichtete ihnen dar\u00fcber, was sie interessierte. Ich hatte wirklich Zugang zu Informationen, die die Terroristen versteckt hielten. Bei uns wurden zum Beispiel Russen behandelt.<\/p>\n<p><strong>Russische Staatsb\u00fcrger?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Das waren nicht einfache Staatsb\u00fcrger. Das waren regul\u00e4re Milit\u00e4rs der russischen Armee. Ich erinnere mich sogar an einen Namen: Aleksandr Nabijew. Er kommt aus der Region Amur und ist Offizier. Der junge Mann hat ein Bein verloren. Er ging auf Erkundung und geriet in eine Sprengfalle. Die ganze Zeit machte er sich Sorgen, was er wohl seiner Mutter sagen w\u00fcrde, was er tun w\u00fcrde &#8211; er wollte doch in der Armee dienen. Er war 33 oder 34 Jahre alt, ein h\u00fcbscher junger Mann. Man konnte gleich sehen, dass er nicht einer von diesen &#8220;DNR-Landstreichern&#8221; war, die in zerrissenen Socken, Gummilatschen oder Stiefeln umherlaufen. Er hatte eine Uniform, saubere Socken und ein schneewei\u00dfes Unterhemd&#8230; Was soll man da noch sagen.<\/p>\n<p><strong>Seine Mutter wusste nicht, wo ihr Sohn ist?<\/strong><\/p>\n<p>Sie wusste, dass er in der Armee dient, aber nicht, dass er im Donbass ist. Er war nicht der Einzige. Es gab dort regul\u00e4re Soldaten, aber ihnen wurden alle Dokumente weggenommen. Und wenn so ein Mann mit einer Verwundung zu uns kam, wurde ihm gesagt, dass er nicht mehr in der Armee dienen w\u00fcrde, da er seit gestern entlassen sei. Die M\u00e4nner &#8211; ohne Bein oder Arm &#8211; schrien dann: &#8220;Wie? Ich bin nicht mehr in der Armee?&#8221; So war es dort \u00fcblich.<\/p>\n<p><strong>Sie haben in einer Entbindungsstation gearbeitet. Warum kamen Verwundete dorthin?<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren nach wie vor eine Entbindungsstation. Aber abgesehen davon betrieben wir einen separaten Operationssaal, wo An\u00e4sthesisten t\u00e4tig waren, die das gesamte Krankenhaus betreuten. Alles passierte vor unseren Augen. W\u00e4hrend der aktiven Kampfphasen wurden f\u00fcnf oder sechs Personen gleichzeitig hereingebracht. Alles schwere F\u00e4lle mit Amputationen. Sie wurden auch therapiert. Vor allem waren es Ortsans\u00e4ssige und S\u00f6ldner, auch mit Alkohol- oder Drogenvergiftung. Unter ihnen waren Burjaten und Mordwinen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den &#8220;Gerichtsprozess in der DNR&#8221; und die Haft<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie wurden Sie &#8220;verhaftet&#8221;?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wurde auf der Arbeit abgeholt. Es kamen zwei M\u00e4nner angeblich vom &#8220;Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit&#8221;. Fr\u00fcher waren sie einfach nichts. Sie haben nicht einmal eine Ausbildung, sie besuchen lediglich irgendeine &#8220;Polizeischule&#8221; vor Ort. Sie kamen am 14. Oktober 2016. Ich war ich ein Jahr und fast drei Monate in Gefangenschaft.<\/p>\n<p><strong>Was wurde Ihnen vorgeworfen?<\/strong><\/p>\n<p>Spionage. Ich war &#8220;ein Spion eines feindlichen fremden Staates, der f\u00fcr die ukrainischen Streitkr\u00e4fte in den vor\u00fcbergehend von der ukrainischen Armee kontrollierten St\u00e4dten Wolnowacha und Mariupol arbeitet&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Wie lief der &#8220;Prozess&#8221; ab?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war anwesend, auch diejenigen, die sich als Anwalt, Staatsanwalt und Richter bezeichneten. Es waren drei sogenannte Richter. Sie lasen selbst vor, was sie erfunden haben. Am Ende wurde ich gefragt: &#8220;Betrachten Sie sich als ukrainische Staatsb\u00fcrgerin?&#8221;. Ich antwortete: &#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;. Dann kam mehrfach die Frage: &#8220;Und geh\u00f6rt Donezk zur Ukraine?&#8221; Ich sagte immer: &#8220;Ja&#8221;. Auf die Nachfrage &#8220;Sicher?&#8221; sagte ich: &#8220;Ich bin mir sicher und bald werdet Ihr es auch sein.&#8221; Bei meinem Prozess waren Vertreter der UNO anwesend, das haben meine Kinder erreicht. Die Donezker Seite wollte gar nicht best\u00e4tigen, dass sie mich gefangen h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie etwas \u00fcber die ehemalige Fabrik sagen, die erst zu einem Kulturzentrum und dann zu einem Gef\u00e4ngnis umfunktioniert wurde?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist heute wie in einem richtigen Gef\u00e4ngnis. Die R\u00e4ume sind wie Zellen ausgestattet. In Donezk gibt es mindestens f\u00fcnf solcher Gef\u00e4ngnisse. Das sind kaputte ehemalige Fabriken, meist au\u00dferhalb der Stadt. In ihnen sitzen nicht nur Gefangene. In vielen Hangars steht auch viel Ger\u00e4t. Aber es kam in den elf Monaten, in denen ich dort war, nicht zum Einsatz. Anfangs sa\u00dfen dort etwa 20 Personen. Sp\u00e4ter mehr. Als ich wegfuhr, waren es 55. Von diesen waren 20 sozusagen unsere Ukrainer. Nur vier kamen in den Gefangenenaustausch: Ljoscha Holikow, Sascha Arbusow, Ljoscha Kuskow und ich.<\/p>\n<p>UCMC: Das Zentrum f\u00fcr moderne Kultur &#8220;Isolation&#8221; wurde im Jahr 2010 in Donezk in einer ehemaligen Fabrik f\u00fcr D\u00e4mmstoffe er\u00f6ffnet. Am 9. Juni 2014 wurde es von bewaffneten Vertretern der selbsternannten &#8220;Volksrepublik Donezk&#8221; besetzt. Daraufhin zog die Stiftung nach Kiew in eine Werft, wo sie ihre Kulturprojekte fortf\u00fchrt. Sie unterst\u00fctzt sozial aktive K\u00fcnstler und Agenten des Wandels in der Ukraine und arbeitet mit internationalen Kuratoren, Forschern und Kulturschaffenden zusammen.<\/p>\n<p>Seit der Besetzung des Kulturzentrums in Donezk nutzt die sogenannte &#8220;DNR&#8221; die R\u00e4umlichkeiten als Gef\u00e4ngnis, aber auch als Ausbildungsort von Rebellen sowie als Waffen- und Munitionslager. Die sich dort befindlichen Kunstwerke wurden zerst\u00f6rt. Der Gr\u00fcnderin der Stiftung, Ljubow Mychajlowa, zufolge haben Gefangene berichtet, bei der Entladung von Munition und Waffen gefoltert worden zu sein.<\/p>\n<p><strong>War es in dem Fabrikgeb\u00e4ude im Winter kalt?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Das Geb\u00e4ude war an ein B\u00fcro angeschlossen. Es wurde beheizt und es gab sogar einen Boiler. Dennoch haben wir den Winter nat\u00fcrlich sehr schlecht \u00fcberstanden. Wir hatten nur Matratzen, weder Bettw\u00e4sche noch Decken. Mein Mann konnte mir einen warmen Schlafrock \u00fcbergeben, mit dem wir uns irgendwie bedecken konnten. Es gab auch keine Toiletten. Wir wurden nur am Morgen und am Abend rausgeholt. In der restliche Zeit musste man selbst zusehen\u2026 Im Fr\u00fchjahr wurden alle Zellen renoviert und Toilettensch\u00fcsseln und Klimaanlagen eingebaut.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>\u00dcber die Zukunft des Donbass<\/strong><\/span><\/p>\n<p><strong>Wie kann die Ukraine die besetzten Gebiete zur\u00fcckholen?<\/strong><\/p>\n<p>Zurzeit sehe ich keinen friedlichen Weg. Das geht nur mit Gewalt. Es gibt dort niemanden, mit dem man verhandeln kann. Sie alle sind es gewohnt, zu stehlen, einem alles zu nehmen und keinen ehrlichen Weg zu gehen. Niemand wird dort freiwillig etwas aufgeben.<\/p>\n<p><strong>Wahrscheinlich wartet man dort auf eine Amnestie&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Eine Amnestie darf es nicht f\u00fcr diejenigen geben, die gek\u00e4mpft und get\u00f6tet haben.<br \/>\nUCMC: Am 18. Januar 2018 hat das ukrainische Parlament mit 280 Stimmen das Gesetz zur Reintegration des Donbass verabschiedet. Darin wird Russland als Aggressor und Besatzer bezeichnet. Gem\u00e4\u00df dem Gesetz m\u00fcssen Personen, die an der bewaffneten Aggression oder an der Besatzungs-Verwaltung durch die Russische F\u00f6deration beteiligt gewesen waren, strafrechtlich verfolgt werden. Dies steht im Widerspruch zu Absatz 5 der Minsker Vereinbarungen, die eine Amnestie vorsehen. Dies h\u00e4tte aber ein Gesetz erfordert, das verbietet, Personen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Teilen der ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk zu verfolgen und zu bestrafen.<\/p>\n<p><strong>Wie tief sitzt die &#8220;DNR&#8221; in den K\u00f6pfen der Menschen vor Ort?<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Teufel wei\u00df es nur! Alle haben Angst. Alle leben in der Angst, &#8220;heute k\u00f6nnte ich und morgen die anderen dran sein&#8221; &#8211; wenn nicht seitens der &#8220;DNR&#8221;, dann seitens der Ukraine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim gro\u00dfen Gefangenenaustausch zwischen der ukrainischen Regierung und den sogenannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221; am 27. Dezember 2017 ist auch Halyna Hajewaja aus dem besetzten Teil des Donbass in das von Kiew kontrollierte Gebiet \u00fcberstellt worden. Die Frau war seit 1980 als Krankenschwester in Dokutschajewsk t\u00e4tig. 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