{"id":87603,"date":"2018-05-12T08:30:26","date_gmt":"2018-05-12T08:30:26","guid":{"rendered":"http:\/\/uacrisis.org\/?p=66714"},"modified":"2018-05-12T08:30:58","modified_gmt":"2018-05-12T05:30:58","slug":"66714-second-world-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/uacrisis.org\/de\/66714-second-world-war","title":{"rendered":"Unterschiedliche Wege: Wie die Ukraine und Russland an den Zweiten Weltkrieg erinnern"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Revolution der W\u00fcrde in der Ukraine hat dem Land nicht nur neue Hoffnung f\u00fcr die Zukunft geschenkt, sondern auch zu einem neuen Verst\u00e4ndnis der eigenen Vergangenheit gef\u00fchrt. So hat die Dekommunisierung die Tradition ver\u00e4ndert, wie an den Zweiten Weltkrieg erinnert wird. Seit drei bis vier Jahren tut sich diesbez\u00fcglich eine immer tiefere Kluft zwischen der Ukraine und Russland auf. Einzelheiten von Ukraine Crisis Media Center:<\/em><\/p>\n<p><strong>Vom Tag des Sieges im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg zum Tag des Gedenkens und der Vers\u00f6hnung. <\/strong>Seit 2015 begeht die Ukraine nicht nur den Tag des Sieges am 9. Mai, sondern auch den 8. Mai als Tag des Gedenkens und der Vers\u00f6hnung. Symbol des 8. Mai ist die rote Mohnblume. Dies f\u00fchrt die Ukraine n\u00e4her an die europ\u00e4ische Tradition heran. Zugleich entfernt dies die Ukraine von der sowjetischen, postsowjetischen und heutigen Tradition in Russland. In diesem Jahr hob der ukrainische Pr\u00e4sident Petro Poroschenko die Unterschiede zwischen den Gedenkfeiern in Russland und der Ukraine deutlich hervor: &#8220;Sie sagen, Stalin habe den Krieg gewonnen, doch wir sagen, dass es das Volk war. Wir sagen: Nie wieder. Und sie sagen: Das k\u00f6nnen wir wieder machen.&#8221;<\/p>\n<p><img class=\"lazyload alignnone size-full wp-image-66715\" src=\"data:image\/svg+xml;charset=utf-8,%3Csvg xmlns%3D'http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg' viewBox%3D'0 0 1 1'%2F%3E\" data-src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/WW-2-DE-01.png\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><strong>Die Ukraine im Zweiten Weltkrieg. <\/strong>Millionen von Ukrainern k\u00e4mpften und starben in den Reihen der Roten Armee, andere k\u00e4mpften gegen den sowjetischen Totalitarismus in den Reihen der Ukrainischen Aufst\u00e4ndischen Armee (UPA). &#8220;Die Ukrainer fanden sich auf gegen\u00fcberstehenden Barrikaden wieder, sie stie\u00dfen aufeinander und litten unter einer doppelten oder gar dreifachen Besetzung. Zweifellos war der Sieg \u00fcber den Nationalsozialismus eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Jedoch darf nicht vergessen werden, wie schrecklich das Stalin-Regime f\u00fcr die Ukraine war: Allein der Holodomor nahm etwa vier Millionen Menschen das Leben. Der Sieg eines totalit\u00e4ren Systems \u00fcber ein anderes konnte f\u00fcr die Ukraine wohl kaum einen &#8216;eigenen&#8217; Sieg bedeuten&#8221;, meint der ukrainische Philosoph Wolodymyr Jermolenko.<\/p>\n<p><strong>Siegeskult in Russland. <\/strong>In den 2000er Jahren hat sich Russland klar f\u00fcr eine Verst\u00e4rkung des Mythos des &#8220;Gro\u00dfen Sieges&#8221; entschieden. Der Kreml machte die Ereignisse von vor \u00fcber 70 Jahren zum Fundament der heutigen Staatsideologie. &#8220;Der Sieg ist die Grundlage der gegenw\u00e4rtigen russischen Staatsideologie, ihr Imperativ. In den sp\u00e4ten 2000er Jahren war das Sankt-Georgs-Band, obwohl es eine k\u00fcnstliche Erfindung ist, nur eine rein &#8216;pers\u00f6nliche Angelegenheit&#8217;. Heute m\u00fcssen die Mitarbeiter staatlicher Unternehmen oder des Staatsfernsehens das Band an den Feiertagen tragen&#8221;, schreibt der Journalist Andrij Archanhelskyj. Weiter betont er, dass fr\u00fcher das &#8220;Unsterbliche Regiment&#8221; nur eine Initiative von B\u00fcrgern gewesen sei. Aber im letzten Jahr sei in Moskau in Wohnh\u00e4usern auf Plakaten dazu aufgerufen worden, am 9. Mai zum Marsch zu kommen. Das &#8220;Unsterbliche Regiment&#8221; ist eine urspr\u00fcnglich in der russischen Stadt Tomsk im Jahr 2011 erfundene Aktion, bei der die Teilnehmer des Marsches Fotos von Angeh\u00f6rigen und Vorfahren hochhalten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. &#8220;Das Hauptziel der M\u00e4rsche ist, Bilder f\u00fcrs Fernsehen zu bekommen. Sie sollen dazu dienen, Einheit zwischen der Staatsmacht und den Menschen zu demonstrieren&#8221;, so Archanhelskyj. Die russische Zeitung Wsgljad schrieb im Mai 2018: &#8220;Die Aktion &#8216;Unsterbliche Regiment&#8217;, die zum vierten Mal in ganz Russland stattfand, gewinnt jedes Jahr an Fahrt. In diesem Jahr wurde ein neuer Rekord aufgestellt: eine Million Teilnehmer allein in Moskau.&#8221; Wsgljad zufolge ist das &#8220;Unsterbliche Regiment&#8221; nicht nur einfach eine &#8220;Gedenkaktion anl\u00e4sslich des gro\u00dfen Sieg von 1945, sondern auch eine neue Form der Selbstorganisation des russischen Volkes&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck in die 1970er Jahre. <\/strong>In den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende war der 9. Mai in der Sowjetunion kein Feiertag. Erst Mitte der 1960er Jahre wurde er zu einem arbeitsfreien Tag und Milit\u00e4rparaden wurden zur Tradition. Je l\u00e4nger der Krieg zur\u00fccklag, umso gr\u00f6\u00dfer wurde der 9. Mai gefeiert. Der H\u00f6hepunkt wurde in den 1970er Jahren erreicht. Gerade zu dieser Art der Feierlichkeiten kehrt das heutige Russland zur\u00fcck. &#8220;Die offizielle &#8216;Sprache des Sieges&#8217; ist stilistisch und ideologisch gesehen die Sprache der Breschnew-Zeit in den 1970er Jahren. Die F\u00fclle sowjetischer Plakate f\u00fcr die Feierlichkeiten, die Nachdrucke und Kopien von Vorlagen aus den 1970er Jahren, all das ist die Stilistik eines l\u00e4ngst nicht mehr existierenden Staates. Der wahnsinnige Wunsch, den Sieg so zu feiern, wie in den 1970er Jahren, ist frappierend&#8221;, schreibt Andrij Archanhelskyj.<\/p>\n<p><strong>Stillstand der Geschichte oder Sinnkrise? <\/strong>Von au\u00dfen ist es sehr seltsam zu beobachten, wie in Russland im Laufe der Zeit die Feierlichkeiten anl\u00e4sslich von Ereignissen von vor \u00fcber 70 Jahren immer weiter verst\u00e4rkt werden. Archanhelskyj meint, die Tatsache, dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg in Russland heute so stark gefeiert wird wie seit 30 Jahren nicht mehr, ist ein Symptom f\u00fcr eine andere Krankheit. &#8220;Das ist das allgemeine Konzept der Staatspropaganda, um die j\u00fcngste Vergangenheit, die Perestroika und die 1990er Jahre vollst\u00e4ndig aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis zu l\u00f6schen. Den Massen soll suggeriert werden, dass in den vergangenen Jahrzehnten in Russland nicht viel passiert ist&#8221;, so Archanhelskyj. Ihm zufolge ist gerade dies ein Beweis daf\u00fcr, dass in Russland eine Sinnkrise herrscht.<\/p>\n<p><strong>Die Krim und die sogenannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221;. <\/strong>Die russische Propaganda bezeichnete in der Zeit des Maidan die neue ukrainische F\u00fchrung als &#8220;faschistisch&#8221; und zog Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus in Deutschland und den aktuellen Ereignissen in der Ukraine. Daher ist es kein Zufall, dass die Verherrlichung des &#8220;Gro\u00dfen Sieges&#8221; zu einem Instrument wurde, um eine anti-ukrainische Stimmung auf der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim sowie in den selbsternannten &#8220;Volksrepubliken Donezk und Luhansk&#8221; im Osten der Ukraine zu verbreiten. Jedes Jahr am 9. Mai finden in diesen Gebieten Paraden mit Milit\u00e4rtechnik sowie M\u00e4rsche des &#8220;Unsterblichen Regiments&#8221; statt, die mit jedem Jahr gr\u00f6\u00dfer werden. Solche M\u00e4rsche gibt es auch in anderen St\u00e4dten der Ukraine, auch in Kiew, doch dort sind sie deutlich kleiner.<\/p>\n<p><strong>Was sagen Umfragen? <\/strong>Soziologen stellen fest: Insgesamt nimmt in den Augen der Ukrainer die Bedeutung des 9. Mai als ein wichtiger Feiertag allm\u00e4hlich ab. Im Jahr 2010 sagten 58 Prozent, der Tag des Sieges sei ihr beliebtester Feiertag, im Jahr 2018 waren es nur noch 31 Prozent. Die Zahlen sind von Region zu Region unterschiedlich. Die meisten Menschen, f\u00fcr die der Tags des Sieges ihr Lieblings-Feiertag ist, finden sich im Osten und S\u00fcden der Ukraine. Im Zentrum und Westen des Landes ist der 9. Mai nur noch bei einer Minderheit ein beliebter Feiertag. Auch das Alter der Befragten spielt eine Rolle. So sind die meisten Anh\u00e4nger dieses Feiertags \u00fcber 60 Jahre alt. Unter den jungen Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren halten nur 25 Prozent den 9. Mai f\u00fcr einen wichtigen Feiertag.<\/p>\n<p><strong>Fazit: Der wichtigste Unterschied zwischen der Ukraine und Russland.<\/strong> Obwohl der 9. Mai als Tag des Sieges nach wie vor einem gro\u00dfen Teil der Ukrainer wichtig ist, ist in den letzten Jahren eine ganz klare Ver\u00e4nderung zu beobachten. &#8220;Die Ukraine und Russland gehen heute verschiedene Wege, sie entscheiden sich f\u00fcr eine unterschiedliche Optik und kultivieren bei sich unterschiedliche Emotionen. Russland versucht, sich in einer expansiven und aggressiven &#8216;Religion des Sieges&#8217; wiederzufinden, und die Ukraine findet sich eher in einem &#8216;Opfer-Thema&#8217; wieder, in dem es um Gedenken und Erinnerung geht&#8221;, meint der Philosoph Wolodymyr Jermolenko.<\/p>\n<figure class=\"mace-gallery-teaser\"\n\tid=\"mace-gallery-87603-1\"\n\tdata-g1-gallery-title=\"\"\n\tdata-g1-gallery=\"[{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:87605,&quot;title&quot;:&quot;WW-2-DE-01&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/WW-2-DE-01-150x150.png&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/WW-2-DE-01.png&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/WW-2-DE-01.png&quot;},{&quot;type&quot;:&quot;image&quot;,&quot;id&quot;:87606,&quot;title&quot;:&quot;\\u0428\\u0435\\u0441\\u0442\\u0432\\u0438\\u0435 \\u00ab\\u0411\\u0435\\u0441\\u0441\\u043c\\u0435\\u0440\\u0442\\u043d\\u043e\\u0433\\u043e \\u043f\\u043e\\u043b\\u043a\\u0430\\u00bb \\u0432 \\u0420\\u043e\\u0441\\u0442\\u043e\\u0432\\u0435-\\u043d\\u0430-\\u0414\\u043e\\u043d\\u0443, 9 \\u043c\\u0430\\u044f 2013 \\u0433\\u043e\\u0434\\u0430&quot;,&quot;thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/SHestvie-Bessmertnogo-polka-v-Rostove-na-Donu-9-maya-2013-goda--150x150.png&quot;,&quot;3-2-thumbnail&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/SHestvie-Bessmertnogo-polka-v-Rostove-na-Donu-9-maya-2013-goda-.png&quot;,&quot;full&quot;:&quot;https:\\\/\\\/uacrisis.org\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2018\\\/05\\\/SHestvie-Bessmertnogo-polka-v-Rostove-na-Donu-9-maya-2013-goda-.png&quot;}]\"\n\tdata-g1-share-shortlink=\"https:\/\/uacrisis.org\/de\/66714-second-world-war#mace-gallery-87603-1\"\n\t>\n\t<a class=\"mace-gallery-teaser-poster\">\n\t\t<img width=\"613\" height=\"409\" src=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/WW-2-DE-01.png\" class=\"attachment-bimber-grid-standard-2x size-bimber-grid-standard-2x\" alt=\"\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/WW-2-DE-01.png 1024w, https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/WW-2-DE-01-300x200.png 300w, https:\/\/uacrisis.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/WW-2-DE-01-768x512.png 768w\" sizes=\"(max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/>\t\t<span class=\"mace-gallery-teaser-button\">\n\t\t\t<span class=\"g1-epsilon g1-epsilon-1st mace-gallery-teaser-button-text\">View Gallery<\/span>\n\t\t\t<span class=\"g1-meta mace-gallery-teaser-button-counter\">\n\t\t\t\t2 images\t\t\t<\/span>\n\t\t<\/span>\n\t<\/a>\n<\/figure>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Revolution der W\u00fcrde in der Ukraine hat dem Land nicht nur neue Hoffnung f\u00fcr die Zukunft geschenkt, sondern auch zu einem neuen Verst\u00e4ndnis der eigenen Vergangenheit gef\u00fchrt. 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