Kyiv
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Der 9. Mai in der Ukraine: Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern des Tags des Sieges

Der 9. Mai in der Ukraine: Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern des Tags des Sieges
Kyiv, 11. Mai 2017.

Der Tag des Gedenkens und der Versöhnung, der 8. Mai, gehört nicht zu den ältesten Feiertagen in der Ukraine. Eingeführt wurde er im Jahr 2015. Aber für die Ukraine ist er potentiell von großer Bedeutung. Es geht darum, die Köpfe der Ukrainer von der sowjetischen Propaganda zu befreien und ihnen bewusst zu machen, dass es unmöglich ist, den Sieg über Nazi-Deutschland mit irgendwelchen kommunistischen Symbolen zu feiern. Wenn das Wort “Sieg” überhaupt für die Ereignisse angebracht ist, die etwa 16 Millionen Ukrainern das Leben gekostet haben. Der Kommunismus ist eine mit dem Nazismus verwandte Ideologie und war ebenso Wegbereiter des Zweiten Weltkriegs.

Im Jahr 2015 verabschiedete das ukrainische Parlament auch ein Gesetz, mit dem die Kommunistische Partei in der Ukraine verboten wurde. Untersagt wurde zudem die Verwendung jeglicher kommunistischer Symbole. Doch der 9. Mai, der Tag des Sieges, ist in der Ukraine nach wie vor ein gesetzlicher Feiertag. Er ist ein Tag, der mit kommunistischer Ideologie und Symbolen durchtränkt ist. Eine einfache Abschaffung des Feiertags würden Russland sowie alle inneren prorussischen Kräfte gegen die Ukraine verwenden. Auf der anderen Seite provozieren jegliche Aktionen an diesem Tag Konflikte und erhöhen die Spannung in der ukrainischen Gesellschaft. Genau so ist es auch am 9. Mai in einigen großen ukrainischen Städten wieder gekommen.

Kiew. Am Morgen des 9. Mai nahm die Polizei in der Hauptstadt zwei Personen fest, die ein Transparent mit dem Sankt-Georgs-Band entfalten wollten. Gleichzeitig wollten nach Angaben der Polizei Anhänger des 9. Mai eine Aktion mit rund 1500 Teilnehmern durchführen. An den Ort des Geschehens wurden  4000 Polizisten und Angehörige der Nationalgarde geschickt, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Später wurden die Polizisten vom nahegelegenen Büro der “Organisation Ukrainischer Nationalisten” (OUN) aus mit Rauchbomben, Eiern, Kartoffeln und Stöcken beworfen. Danach entfalteten OUN-Vertreter auf dem Gebäude Fahnen und Plakate und riefen dazu auf, die Aktion zu verhindern. Die Polizei stürmte daraufhin gewaltsam das OUN-Büro und nahm 24 Personen fest. Mitglieder der OUN stellten Fotos und Videos ins Internet, auf denen die Folgen des Sturms zu sehen sind: zerbrochene Fensterscheiben, Durcheinander im Büro sowie blutende Köpfe ukrainischer Nationalisten.

Die Zusammenstöße setzen sich nahe dem Grabmal des unbekannten Soldaten im Park des Ewigen Ruhmes fort. Dorthin waren gerade die Teilnehmer der Aktion unterwegs. In ihren Händen trugen sie Blumen und Porträts von Angehörigen, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen waren. Nachdem sie zwei Polizeikordons passiert hatten, trafen sie vor dem Grabmal auf die Gegner ihrer Aktion. Es kam zu Schubsereien und gegenseitigen Beleidigungen. Zugleich versuchten Teilnehmer der Aktion Blumen am Grabmal niederzulegen.

Dnipro. In der Stadt kam es zu einer Massenschlägerei. Der Anlass waren rote Fahnen. Nach Angaben der Polizei gab es zwei Konflikte: einen zwischen Aktivisten und Vertretern der “Sozialistischen Partei”, von denen verlangt wurde, dass sie ihre Fahnen aus der Menschenkolonne entfernen, und einen anderen während des Marsches der Partei “Oppositionsblock”.

Insgesamt kamen an dem Tag infolge der Aktionen 14 Personen zu Schaden, 15 wurden von der Polizei festgenommen. Die Ordnungshüter stellten vier Pistolen sicher. Drei davon waren nicht tödliche Pistolen. Eine war eine Gaspistole. Ferner wurden vier Messer und ein Pfefferspray sichergestellt.

Nach dem offiziellen Teil der Feierlichkeiten gingen Vertreter der “Sozialistischen Partei” mit roten Fahnen auf die Straßen. Mehrere ukrainische Veteranen des jetzigen Krieges im Osten der Ukraine versperrten ihnen den Weg und baten sie, die Fahnen zu entfernen. Unbekannte sportliche junge Männer (auch “Tituschki” genannt), die Infostände der Partei “Oppositionsblock” bewachten, begannen eine Rangelei mit den ukrainischen Militärs. Den jungen Männern schlossen sich schnell Polizisten an, die Knüppel und Pfefferspray einsetzten. Deren Vorgehen wurde von jenen jungen Männern koordiniert. Das Ergebnis dieses gemeinsamen Vorgehens der Polizei und der jungen Männer waren elf verletzte Aktivisten und Veteranen. Zwei mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Am nächsten Tag entließ Innenminister Arsen Awakow den Polizeichef der Region, Ihor Repeschko, sowie den Polizeichef der Stadt, Andrij Bidylo. Awakow kündigte eine interne Untersuchung der Ereignisse in der Stadt Dnipro an.

Saporischschja. Vor dem Rathaus der Stadt kam es zu einer Schlägerei zwischen Teilnehmern der Aktion “Unsterbliches Regiment” und patriotisch gesinnten Aktivisten. Bei dem “Unsterblichen Regiment” handelt es sich um eine ursprünglich in Russland zu Propagandazwecken initiiert Aktion. Bei Märschen durch Städte tragen die Teilnehmer Porträts von Angehörigen, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen waren. Doch einige Teilnehmer der Aktion in Saporischschja hatten rote sowjetische Fahnen dabei und spielten sowjetische Lieder ab. Dies empörte die Patrioten. Sie verlangten, die verbotenen sowjetischen und kommunistischen Symbole zu entfernen. Einige Teilnehmer der Aktion “Unsterbliches Regiment” wurden von Angehörigen der Nationalgarde umzingelt.

Mehrere Aktivisten und Gegner des Marsches des “Unsterblichen Regiments” hatten ironisch gestaltete Porträts von Helden aus der Serie “Game of Thrones“ dabei.

Am 9. Mai wurden in der Ukraine während der Feierlichkeiten anlässlich des Tages des Sieges von der Polizei rund 80 Menschen festgenommen. Nach Angaben der Polizei wurden während der Ereignisse acht Polizisten verletzt, davon sechs in der Stadt Dnipro, jeweils einer in Kiew und Saporischschja. Insgesamt 16 Teilnehmer der Kundgebungen wurden verletzt.

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