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Das unterbrochene Spiel: Die Geschichte des von einem Freischärler erschossenen ukrainischen Junioren-Fußballspielers

Das unterbrochene Spiel: Die Geschichte des von einem Freischärler erschossenen ukrainischen Junioren-Fußballspielers

Das russische Staatsfernsehen wird wohl kaum jemals von Stepan Tschubenko berichten. Trotz dieser Tatsache könnte man seine Geschichte stark für Propaganda, für eine Fälschung oder eine unverhohlene Lüge halten. Man will sie nicht glauben und wenn man sie gelesen hat, dann würde man sie in der ersten Zeit danach am liebsten vergessen. Doch ihre Wahrhaftigkeit durchdringt einen. Die Kummertränen der Mutter, die Blumen auf dem Sarg und die nie erlöschende Erinnerung, welche in den Herzen jener weiterlebt, die ihn kannten.

Am 28. Juli 2017 sind drei Jahre seit dem grausamen Mord an dem jungen ukrainischen Fußballspieler vergangen, den die Freischärler der “DNR” (Donezker Volksrepublik) wegen seiner pro-ukrainischen Haltung zu Tode gefoltert hatten. Zu Ehren des jungen Mannes wurde ein Fußball-Gedenkturnier veranstaltet. Außerdem wurde vor kurzem auf der von Russland besetzten Krim der Freischärler gefasst, der mutmaßlich die Schuld am Tod des Jungen trägt. Er soll auf ukrainisches Territorium nach Kramatorsk zur Beweisaufnahme gebracht werden.

2014

Am 23. Juni 2014 war der 16-jährige Stepan Tschubenko auf dem Weg von Kiew in seine Heimatstadt Kramatorsk. Er kaufte einen Fahrschein und wollte seinen Zug auf keinen Fall verpassen – trotz des Krieges, der bewaffneten Menschen mit typisch russischer Aussprache an den Checkpoints und der Ungewissheit, die ihn dort erwartete. Weil er nicht anders konnte. Weil ihn gerade das auf die Demonstrationen für die territoriale Integrität der Ukraine in Kramatorsk trieb. Und das leitete ihn, als er trotz des Beschusses der Stadt die Gefahr ignorierte und älteren Menschen half, in die dürftigen Verstecke der Kellerräume von Nachbarhäusern hinabzusteigen. Später kehrte er zu ihnen zurück, um sie mit Wasser zu versorgen.

Nach dem Beginn der Besetzung, im April, brachte die Mutter Stepan zu ihren Eltern nach Russland, doch nach einem Monat war er wieder zurück in der Ukraine und erklärte, dass er sich in diesen für sein Land schweren Zeiten nicht “wie eine Ratte” verstecken wolle.

Schließlich machte er etwas völlig Unvernünftiges: mitten auf dem Stadtplatz des zu dem Zeitpunkt noch besetzten Kramatorsks riss Stepan, ungeachtet der Risiken, die Fahne der selbsternannten “Donezker Volksrepublik” vom Flaggenmast hinunter. Danach besuchte er in Kiew einen Freund, blieb dort aber nicht lange. Er musste zurück nach Kramatorsk – nach Hause zu seiner Familie und seiner Fußballmannschaft. Stepan war Torwart der Jugendmannschaft der Kramatorsker “Avantgarde”.

Zwei Wochen zuvor hatten die ukrainischen Truppen die Stadt befreit, aber eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Kiew und Kramatorsk war noch nicht hergestellt worden. Daher fuhr Stepan mit einem Zug nach Donezk. Und eben dort geriet der junge Mann wegen einer blau-gelben Schleife an seinem Rucksack in die Hände der Freischärler des Bataillons “Kertsch”.

Am 28. Juli wurde der Jugendliche erschossen. Aber sein Körper mit Folterspuren wurde erst Anfang Oktober gefunden.

Stepan wurde im November 2014 in seiner Heimatstadt Kramatorsk beerdigt. Das war einer der wenigen Fälle, wo bei einer Beerdigung die Jugend in der Mehrheit und der Sarg vor Blumen nicht mehr zu sehen war.

2015-2016

Am 24. Juli sowohl 2015 als auch 2016 fand in Kramatorsk ein Turnier in Gedenken an Stepan Tschubenko statt. Das Turnier wurde bereits zwei Jahre in Folge von Stepans Freunden organisiert, die als erste den Entschluss gefasst hatten, das Gedenken an den jungen Patrioten auf diese Weise zu verewigen. Am Turnier nahmen Junioren-Fußballmannschaften aus Kramatorsk und Amateurmannschaften bestehend aus Soldaten teil.

“Wir, Stjopas Eltern, wollen der Ultrasbewegung “Kramatorzi” unseren Dank aussprechen, denn dank dem von ihnen bestellten Plakat mit dem Foto unseres Sohnes kennt man ihn in allen Städten, in denen “Avantgarde” spielt. Den Pokal bezahlen die Jungs schon seit zwei Jahren selbst. Wir wollen allen danken, die zu dem Gedenken an unseren Sohn beigetragen haben. […] Danke auch an alle Zuschauer. Ich weiß, dass einige von ihnen aus Slowjansk, Druschkiwka und Kostjantyniwka gekommen sind. Ich denke, dass sie vom Spiel der Mannschaften nicht enttäuscht sind. Ich danke allen nochmals für das Gedenken an unseren Sohn!”, sagte Stepans Mutter.

Einen Tag vor dem zweiten Turnier wurde Stepan mit der von Volontären verliehenen Auszeichnung “Volksheld der Ukraine” gewürdigt.

2017

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug die Nachricht ein, dass am 20. Juli in Jalta, auf der vorübergehend besetzten Krim, Wladimir Pogodin, der Anführer der illegalen bewaffneten Gruppierung “Kertsch”, gefasst worden sei. Eigentlich fahndet die Polizei von Kramatorsk nach Pogodin wegen Mordes und der Entführung von Menschen, und nicht die Polizei in Russland oder auf der Krim. Unter den von Pogodins Freischärlern ermordeten Menschen ist auch der 16-jährige Stepan Tschubenko.

Mehr noch, Medienberichten zufolge befindet sich der Freischärler derzeit im Untersuchungsgefängnis von Simferopol. Die selbsternannte Regierung der Krim bereite entsprechend einem ukrainischen Ersuchen an Interpol und gemäß der Abkommen zwischen Russland und der internationalen Polizeibehörde Pogodins Auslieferung an die Ukraine vor.

***

Nach dem 6. Juli 2014 kehrte der Krieg nicht mehr nach Kramatorsk zurück. Stepan Tschubenko hätte sich darüber gefreut, genauso wie jeder vernünftige Ukrainer. Er hätte mit seinem Rucksack samt der blau-gelben Schleife durch die Straßen seiner Heimatstadt spazieren können. Doch das Einzige, was von ihm geblieben ist, ist das Gedenken an ihn.

Nun, kurz vor dem dritten alljährlichen Turnier in Gedenken an Stepan, besteht die Hoffnung, dass sein mutmaßlicher Peiniger und Mörder eine gerechte Strafe bekommt.

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