Kiew
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Militärische Unterstützung des Westens – Teil I

Militärische Unterstützung des Westens – Teil I

Foto: pravda.com.ua 

In den Medien werden eifrig mögliche Lieferungen tödlicher Waffen an die Ukraine diskutiert. US-Vertreter und ukrainische Spitzenbeamte machen unterschiedliche Aussagen darüber, welche Aussichten die Ukraine hat, zum Beispiel Flugabwehrraketen vom Typ Javelin zu erhalten. Wie effektiv kann eine solche Hilfe überhaupt sein?

Das Ukraine Crisis Media Center bringt eine gekürzte Übersetzung eines Artikels von Vitaly Deynega für die Internetzeitung “Ukrajinska Prawda”. Vitaly Deynega ist Gründer der Wohltätigkeitsstiftung “Komm lebendig zurück!”. Er berät den ukrainischen Unabhängigen Anti-Korruptions-Ausschuss für Verteidigung.

Die internationale Hilfe, die man am schwierigsten bekommt, ist die militärische. Im Interesse der entwickelten Länder ist, dass sich moderne Militärtechnologien in der Welt langsam verbreiten. Je später sie in die Hände potentieller Feinde der USA geraten, desto besser. Die USA wollen ihre modernen Waffen nicht in irgendeiner unruhigen Region der Welt sehen und möglicherweise in einem Kampf mit ihnen konfrontiert werden. Was die USA am wenigsten wollen, ist, dass die von ihnen zur Verfügung gestellten Artillerie-Radare, Drohnen und Nachtsichtgeräte gegen sie eingesetzt werden.

Die USA haben viel, was sie der Ukraine bieten könnten. Auch wenn die Bedeutung der Lieferung tödlicher Waffen an die Ukraine etwas übertrieben ist, ist doch klar, dass die ukrainischen Streitkräfte durch sie einen Vorteil bekommen können. Und um besser zu verstehen, welches Schicksal die Hilfe mit tödlichen Waffen erwarten könnte, sollte man sich das Schicksal der Ausrüstung anschauen, die die Ukraine schon erhalten hat.

Im vergangenen Jahr hat der Unabhängige Anti-Korruptions-Ausschuss für Verteidigung (NAKO), den Transparency International UK und Transparency International Ukraine ins Leben gerufen haben, die Arbeit an einem Bericht über die internationale Militärhilfe an die Ukraine aufgenommen. Für den Bericht wurden 18 große Interviews mit Militärs, Freiwilligen, Spitzenbeamten sowie mit Vertretern der Geberländer durchgeführt. Befragt wurden mehr als zehn Militäreinheiten, die Endempfänger von Fahrzeugen, Funk- und Nachtsichtgeräten sowie von Drohnen waren.

Über die Mechanismen

Vor fast 20 Jahren bekam die Ukraine erstmals materielle und technische Unterstützung seitens der USA. Im Jahr 1998 erhielt sie die ersten “Glückspakete” im Rahmen des Foreign Military Financing Program. Als der Krieg im Osten der Ukraine ausbrach, wurde nichts Neues erfunden. Die Hilfe lief über bereits etablierte Kanäle. Mit anderen Ländern gab es solche Mechanismen nicht, daher traf die Hilfe als humanitäre Unterstützung ein.

Der Mechanismus der humanitären Unterstützung ist einfach: Ein Geberland erklärt den Wunsch, der Ukraine etwas zu liefern, und das ukrainische Ministerium für Sozialpolitik erklärt die Lieferung als humanitäre Hilfe. So kann die Lieferung zollfrei in die Ukraine gelangen. Die Entscheidung, was zur Verfügung gestellt wird, ist jedes Mal individuell.

Der Mechanismus zur materiellen und technischen Hilfe ist ein wenig komplizierter. Das Verteidigungsministerium muss dem Wirtschaftsministerium eine Liste der gewünschten Hilfe vorlegen. Das gesamte folgende Verfahren untersteht dem Wirtschaftsministerium, so sieht es das Gesetz vor. Aber die Militärs begannen sehr schnell, mit den Geberländern direkt in Kontakt zu treten, wodurch die Rolle des Wirtschaftsministeriums nur noch rein formalen Charakter erhielt. Im Frühjahr 2014 kam alles in Gang und die Ukraine erhielt schon in wenigen Monaten die ersten Lieferungen.

Allerdings führte eine große Anzahl von Vermittlern zwischen dem Endempfänger und den Geberländern dazu, dass die Ukraine Dinge erhielt, die von den ukrainischen Soldaten nicht immer genutzt wurden. Das zweite Problem war, dass es nicht immer eine systematische Verteilung gab. 2014 wurden diese beiden Probleme besonders stark deutlich. Das Land war weder psychisch noch logistisch auf den Krieg vorbereitet. Im Ergebnis wurden Entscheidungen darüber, welche Hilfe die Ukraine braucht und welche sie nicht braucht, ziemlich chaotisch getroffen.

Im ersten Jahr des Krieges war die ukrainische Armee auf den Winter nicht vorbereitet. Die Geberländer lieferten meist warme Kleidung und Trockenrationen. Doch die Versorgung Tausender Soldaten mit Uniformen, militärischer Elektronik, tödlichen und nicht gerade tödlichen Waffen sowie mit Fahrzeugen ist ein schwieriges Unterfangen. Und wenn die Armee in wenigen Monaten um dutzende Male wächst, dann heißt das nicht, dass auch die Versorgungsinfrastruktur sich dem schnell anpassen kann und funktioniert. Nicht einmal wenn dafür genug Geld vorhanden ist.

Daher wurden im Jahr 2014 die “Lücken” bei der Versorgung der Soldaten mit warmer Winterkleidung oft von Freiwilligen, den Soldaten selbst und von Geberländern geschlossen. Aber schon im Jahr 2015 stellten Fahrzeuge, Artillerie-Radare und Dienstleistungen von Instruktoren den größten Teil der internationalen Hilfe dar.

Über die Registrierung

Eines der größten Märchen über die internationale Hilfe ist, dass sie “verscherbelt” wurde. Das ist nicht wahr. Der größte Teil der humanitären Militärhilfe wird sofort registriert.

So gab es im Jahr 2014, als Freiwilligen-Bataillone geschaffen wurden, viele Fälle, wo sogar Waffen in grober Verletzung aller Verfahren einfach abgeschrieben wurden. Letztlich gelangten sie auf den Schwarzmarkt. Abteilungen des Innenministeriums, des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und der Militärpolizei bekämpfen nach wie vor den illegalen Markt von Waffen, die in großer Zahl im Jahr 2014 verschwunden waren. Aber mit der Eingliederung der Freiwilligen-Verbände in Strukturen des Innenministeriums oder in die Streitkräfte des Landes hat sich diese Situation verbessert.

Jetzt wird in der Armee ein strenges Register geführt und es ist ziemlich schwierig geworden, ein Maschinengewehr oder Nachtsichtgerät zu stehlen. Sie werden den Soldaten gegen Unterschrift ausgehändigt und sie können aus dem Register nur dann gestrichen werden, wenn eine Untersuchung die Vernichtung der Gegenstände bestätigt.

Zum Zeitpunkt, als in der Ukraine amerikanische Artillerie-Radare, Raven-Drohnen, Nachtsichtgeräte und Fahrzeuge vom Typ HMMWV (“Humvee”) eintrafen, gab es bereits eine hinreichende Registrierung. Es gab keinen einzigen Fall von Diebstahl teurer Ausrüstung, die von Partnern der Ukraine zur Verfügung gestellt wurde. Ausnahmen waren amerikanische Trockenrationen, die 2014 massenhaft im Internet angeboten wurden. Aber wahrscheinlich war dies das Ergebnis von Missbrauch auf der Ebene von Kompanien, Teileinheiten und einzelner Soldaten.

Aber Diebstahl von Drohnen, Nachtsichtgeräten und Fahrzeugen gab es keinen.

Über die Effizienz

Das Problem ist, dass ein großer Teil der zur Verfügung gestellten Ausrüstung ineffizient oder aus verschiedenen Gründen gar nicht genutzt wird. Das beste Beispiel sind die Raven-Drohnen. Sie sind nicht für einen Krieg gegen einen High-Tech-Feind geeignet, der über moderne Mittel zur elektronischen Kampfführung verfügt, wie sie in einem solchen Gebiet mit vielen Stromleitungen und unter den harten Bedingungen des ukrainischen Winters notwendig sind.

Den technischen Eigenschaften zufolge sollte eine solche Drohne bis zu zehn Kilometer weit fliegen können. Doch nach Angaben der Militärs konnte nur eine maximale Reichweite von sechs Kilometern bestätigt werden. Danach ging die Kontrolle über die Drohne verloren oder die Bildqualität ließ sehr stark nach. Stromleitungen und andere Quellen elektromagnetischer Strahlung können auf dem Weg der Drohne dazu führen, dass sich ihre Reichweite noch weiter verkürzt.

Das Sendesignal läuft über einen ungeschützten analogen Kanal. Das heißt, dass wenn eine entsprechende Ausrüstung vorhanden ist, beide Seiten die Bilder sehen können. Außerdem sind die Raven-Drohnen für einen Einsatz unter Bedingungen einer elektronischen Kampfführung völlig ungeeignet. Bei Gegenwehr verlieren sie leicht Kontrolle und stürzen ab.

Eigentlich sind Drohnen diesen Typs für Kriege irgendwo in Afrika und Afghanistan geeignet, wo der Feind meist über leichte Kleinwaffen verfügt. Die US-Armee schickt sie bei Einsätzen oft ihren Kolonnen voraus. Aber unter den Bedingungen eines Stellungskrieges gegen einen Gegner, der mit starker Technik ausgestattet ist, kommen diese Drohnen technisch gesehen alltäglichen Quadrocoptern gleich. Hinzukommt, dass sie deutlich schlechtere Fähigkeiten besitzen, als Drohnen aus ukrainischer Produktion, wie zum Beispiel die Leleka-100.

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Wie effektiv eine Drohne ist, hängt in erster Linie von den Qualifikationen der Crew ab. Die Mannschaften wurden in den USA und im ukrainischen Schytomyr geschult. Offensichtlich war die Qualität der Ausbildung in Schytomyr viel schlechter. Darüber hinaus sind viele der geschulten Personen inzwischen demobilisiert oder auf anderen Posten.

Ein weiterer wesentlicher Nachteil der Raven-Drohnen ist deren Preis. Obwohl es ein Verfahren gibt, nach dem Ausrüstung abgeschrieben werden kann, hatten die Soldaten oft einfach Angst, sie zu starten. Denn bei einem Verlust fürchteten sie, dafür in Haftung genommen zu werden.

Im Ergebnis haben wir eine Drohne:

a) die Zielen einer Teileinheit oder Kompanie entspricht, aber nicht denen einer Artilleriebrigade, die der Hauptnutznießer der Ergebnisse ihres Einsatzes sein sollen [Die US-Streitkräfte nutzen die Raven-Drohnen auf der Ebene von Kompanien – Anmerk. d. UCMC];

b) die leicht und schnell verloren geht (zum Beispiel haben einige Brigaden alle drei Drohnen schon verloren);

c) die oft keinen qualifizierten Piloten hat;

d) die die amerikanische Seite Hunderttausende von Dollar kostet [das Fluggerät selbst kostet 35.000 Dollar und der Gesamtpreis der Apparatur beträgt 250.000 Dollar – Anmerk. d. UCMC].

Die Kosten für die der Ukraine zur Verfügung gestellten Drohnen belaufen sich auf 12 Millionen Dollar.

Hatte diese teure Hilfe wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der Kämpfe? Offensichtlich nicht. Hätte man das Geld der amerikanischen Steuerzahler effektiver nutzen können? Offenbar ja. Erhöht dieser Umstand die Chancen der Ukraine, bessere Kampfmittel und Technologien zu erhalten? Überlegen Sie selbst.

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