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Kirchen-Diplomatie: Kiew zwischen Moskau und Konstantinopel

Kirchen-Diplomatie: Kiew zwischen Moskau und Konstantinopel
Kiew, 27. Juli 2018.

Ende Juli begeht die Ukraine traditionell den Jahrestag der Taufe der Kiewer Rus. Der diesjährige 1030. Jahrestag steht unter einem besonderen Zeichen. Im April hatte Präsident Petro Poroschenko eine historische Entscheidung angekündigt, wonach in der Ukraine schon bald eine vereinte und autokephale, also eigenständige orthodoxe Landeskirche geschaffen werden könnte. Erwartet wurde, dass der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., den dafür nötigen Tomos (Erlass) noch vor den diesjährigen Feierlichkeiten herausgibt. Inzwischen ist von einem Termin bis Ende des Jahres die Rede. Warum ist diese Frage für die Ukraine so wichtig und was hat sie mit Geopolitik zu tun? Einzelheiten vom Ukraine Crisis Media Center:

Die Orthodoxie in der Welt. Heute gibt es weltweit etwa 300 Millionen orthodoxe Christen – dreimal weniger als Katholiken. Der Patriarch von Konstantinopel (Istanbul) gilt historisch unter allen orthodoxen Patriarchen als Primus inter pares (Erster unter Gleichen). Doch das Patriarchat Moskau hält dies für eine reine Formalität, da die russische heute die größte unter allen orthodoxen Kirchen ist.

Sie alle kann man in zwei Lager teilen: das pro-griechische (Konstantinopel, Alexandria, Jerusalem, Zypern, Griechenland, Albanien) und das pro-russische (Antiochien, Georgien, Serbien, Bulgarien, Polen und Tschechien-Slowakei). Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist nicht gerade pro-griechisch, aber auch pro-russisch ist sie nur situativ und deklarativ. Die Ukraine war in den letzten drei Jahrhunderten im russischen Einflussbereich. Diesen kann die Orthodoxie in der Ukraine mit Unterstützung von Konstantinopel verlassen, indem sie Autokephalie (Unabhängigkeit) erlangt.

Ukraine: Moskau oder Konstantinopel? Sowohl Konstantinopel als auch Moskau betrachten die Ukraine als ihr eigenes kanonisches Territorium. Doch das Christentum kam von Konstantinopel nach Kiew, das 700 Jahre lang der Mutterkirche, dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt war. Im Jahr 1686 wurde die Metropolie von Kiew aufgrund historischer Umstände auf nicht kanonische Weise dem Moskauer Patriarchat untergeordnet.  In Konstantinopel ist man der Ansicht, dass Moskau die Gebiete damals “annektiert” hatte. Deswegen habe auch heute Patriarch Bartholomäus I. das Recht, sich die Kiewer Metropolie zu unterstellen und ihr Autokephalie zu gewähren.

Die Orthodoxie in der Ukraine: Wo liegt das Problem? Seit dem Zerfall der Sowjetunion gibt es in der Ukraine gleich drei religiöse Organisationen, die sich als orthodoxe Kirche bezeichnen. Aber nur eine von ihnen, die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, die Teil der Russischen Orthodoxen Kirche ist, gilt als kanonisch, also als von allen anderen orthodoxen Kirchen der Welt anerkannt. Die beiden anderen – die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche  – sind nicht anerkannt. Deren Angehörige werden von Moskau als Kirchenspalter verurteilt. Die Gewährung von Autokephalie für die Ukraine würde diesen beiden Kirchen die Möglichkeit eröffnen, sich in einer Kirche zu vereinen, die dann einen kanonischen Status hätte.

Was hat der Krieg seit 2014 verändert? Alle bisherigen ukrainischen Präsidenten wollten eine eigene orthodoxe Landeskirche (auch Ortskirche genannt) schaffen, die völlig unabhängig von Moskau wäre. Doch keinem von ihnen war das bisher gelungen. Seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem Beginn des Krieges im Donbass im Jahr 2014 werfen viele ukrainische Politiker der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats immer wieder vor, dem Kreml zu dienen. “Es geht hier nicht nur um Religion, sondern auch um Geopolitik. Das ist eine Frage der nationalen Sicherheit, denn der Kreml betrachtet die Russische Orthodoxe Kirche als ein wichtiges Instrument des Einflusses auf die Ukraine”, sagte Präsident Poroschenko. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass führt auch dazu, dass die “Moskauer Kirche” in der ukrainischen Gesellschaft immer unbeliebter wird. Laut dem Kiewer Razumkov-Forschungszentrum ist die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, was die Anzahl der Anhänger angeht, nicht mehr die größte unter den Kirchen in der Ukraine.

Was hat das Panorthodoxe Konzil von 2016 verändert? Der Patriarch von Konstantinopel hat wiederholt erklärt, dass die Kiewer Metropolie sein kanonisches Territorium ist. Aber erst jetzt ging er zu konkreten Handlungen über. Entscheidend war das Jahr 2016, als erstmals seit 1000 Jahren auf Kreta ein Konzil aller orthodoxen Kirchen abgehalten wurde. Es wurde 50 Jahre lang vorbereitet und für Bartholomäus I. war es eine Lebensaufgabe. Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche bleiben dem Konzil allerdings fern. Damals erkannte Bartholomäus I., dass man dem Moskauer Patriarchat nicht trauen kann. Die Interessen von Konstantinopel und Kiew fielen zusammen.

Warum ist eine Autokephalie der Ukraine für Konstantinopel von Vorteil? Der Ökumenische Patriarch ist daran interessiert, dass die Kirche in der Ukraine autokephal wird. Denn nur mit den Gemeinden in der Ukraine erreicht das Moskauer Patriarchat den Status der größten orthodoxen Kirche der Welt. Daher beansprucht der Patriarch von Moskau auch den Status, “Erster” unter den orthodoxen Patriarchen zu sein. Nach einem Tomos für die Ukraine aus Konstantinopel werden Schätzungen zufolge in der Ukraine mehr als die Hälfte der Gemeinden der Moskauer Kirche diese verlassen. Für Moskau wird dann auch der Status der “größten orthodoxen Kirche” verloren gehen und damit auch der Führungsanspruch innerhalb der Orthodoxie.

Das Beispiel Polen und Estland. Im Jahr 1924 gab der Patriarch von Konstantinopel auf Bitten des Metropoliten von Warschau und der damaligen polnischen Staatsführung einen Tomos heraus. So entstand die autokephale Polnische Orthodoxe Kirche. Deren Gebiete waren einst Teil der Kiewer Metropolie. Im Jahr 1996 kam es zu einem Konflikt um die orthodoxe Kirche in Estland. In den 1920er und 30er Jahren gab es dort eine Kirche, die Konstantinopel unterstellt war. Infolge der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion wurde diese Kirche Teil der Moskauer. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde in Estland wieder eine unabhängige orthodoxe Kirche geschaffen. 1996 stellte Konstantinopel ihre Autonomie wieder her, was von der Russischen Orthodoxen Kirche nicht anerkannt wird. Somit gibt es heute in Estland zwei orthodoxe kanonische, also von der Orthodoxie weltweit anerkannte Kirchen.

Warum verzögert sich die Autokephalie-Entscheidung für die Ukraine? Im April 2018 richteten der Präsident und das Parlament der Ukraine, alle Bischöfe der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche, und nach Medienberichten auch mehrere Bischöfe der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, ein Ersuchen an den Patriarchen von Konstantinopel. Darin bitten sie ihn, mit einem Tomos der Ukraine Autokephalie zu gewähren. Daraufhin wurde in Konstantinopel eine Sonderkommission aus drei Metropoliten des Patriarchats gebildet, die nun alle orthodoxen Landeskirchen besuchen. Dabei bitten sie nicht um Zustimmung zu einem Tomos, sondern informieren nur die anderen Kirchen über die Absichten von Konstantinopel. Schließlich kann der Ökumenische Patriarch selbst einen Tomos ohne die vorherige Zustimmung dieser anderen orthodoxen Landeskirchen herausgeben. Die Besuche sind derzeit noch im Gange. Gleichzeitig besuchen Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche die Landeskirchen. Sie wollen diese dazu bringen, sich gegen eine Autokephalie für die Ukraine zu positionieren.

Wie kann die neue Kirche in der Ukraine geschaffen werden? Wenn der Ukraine ein Tomos gewährt wird, soll zunächst ein Konzil der drei heute bestehenden orthodoxen Kirchen stattfinden – unter Beteiligung der Bischöfe des Kiewer Patriarchats, der Autokephalen Kirche und der Bischöfe des Moskauer Patriarchats, die das Autokephalie-Ersuchen an Bartholomäus I. unterstützen. Bei diesem Vereinigungs-Konzil soll ein Kirchenoberhaupt gewählt werden, das den Tomos im Empfang nimmt. Im Weiteren wird dann die neue Ukrainische Orthodoxe Kirche mit den anderen orthodoxen Landeskirchen in eine Gemeinschaft eintreten.

Neue gesetzliche Regelung nötig. Wichtig ist, dass im Rahmen einer Autokephalie das ukrainische Parlament ein Gesetz über den Namen der neuen Landeskirche annimmt. Denn derzeit bezeichnet sich das Moskauer Patriarchat in der Ukraine als “Ukrainische Orthodoxe Kirche”, wobei sie eigentlich Teil der Russischen Orthodoxen Kirche ist und als ihr Oberhaupt den Patriarchen von Moskau anerkennt. Wenn es also laut Tomos nur eine einzige Ukrainische Orthodoxe Landeskirche geben wird, dann darf es keine andere “Ukrainische Orthodoxe Kirche” geben. Wer der neuen ukrainischen Landeskirche nicht angehören und beim Moskauer Patriarchat bleiben will, wird sich dementsprechend als “Russische Orthodoxe Kirche in der Ukraine” bezeichnen müssen.

Übertritte von Gemeinden. Eine Welle von Übertritten von Gemeinden des Moskauer Patriarchats in der Ukraine zum Kiewer Patriarchat begann im Jahr 2014. Mit dem Beginn des Kriegs im Donbass wurden in Gemeinden Versammlungen durchgeführt und Unterschriften für einen Übertritt gesammelt. Über 70 Gemeinden traten so über. Die Schaffung einer einzigen Landeskirche wird wahrscheinlich noch viel mehr Gemeinden oder Gläubige veranlassen, das Moskauer Patriarchat zu verlassen.

Drohungen seitens Moskau. Nach der Ankündigung, Konstantinopel könnte der Ukraine Autokephalie gewähren, begann das Moskauer Patriarchat zu drohen: Sollte der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. auf diese Weise die “Kirchenspalter legalisieren”, dann würde die Orthodoxie weltweit diese Entscheidung nicht anerkennen. Moskau droht sogar mit einem weiteren Großen Schisma wie im Jahr 1054 zwischen Rom und Konstantinopel.

Die Position des Vatikans. Moskau bemüht sich sogar, Unterstützung vom Vatikan zu bekommen, der sich formal in die Angelegenheiten der Orthodoxie nicht einmischt. In den letzten Monaten besuchte der “Außenminister” der Russischen Orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion, zweimal Papst Franziskus. Doch der Vatikan unternahm auch selbst große Anstrengungen zum Aufbau eines Dialogs mit Moskau. Klar ist, dass der Vatikan nicht daran interessiert, dass in der Ukraine eine ukrainische kanonische orthodoxe Landeskirche entsteht. Denn sie würde mit der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, die mit Rom uniert ist, konkurrieren.

Was denken die Ukrainer über Autokephalie? Rund 31 Prozent der Ukrainer unterstützen die Schaffung einer autokephalen Landeskirche. 20 Prozent sind dagegen. 35 Prozent ist diese Frage egal und 14 Prozent können sie nur schwer beantworten. Das geht aus einer Umfrage hervor, die von der ukrainischen Stiftung “Demokratische Initiativen” und dem Razumkov-Forschungszentrum Ende Mai 2018 durchgeführt wurde.

Fazit. Allem Anschein nach läuft derzeit das Verfahren zur Gewährung eines Tomos für die Ukraine. Ein Tomos wäre wahrlich ein historisches Dokument. Sollte Kiew es erhalten, würde es Präsident Poroschenko im Vorfeld der Wahlen im kommenden Jahr sicher Pluspunkte bringen. Auf jeden Fall würde ein Tomos die neuere Geschichte der Ukraine in eine Epoche “davor” und “danach” unterteilen.

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