“Tschernobyl”: Wahrheit und Fiktion in der beliebten TV-Serie

“Tschernobyl”: Wahrheit und Fiktion in der beliebten TV-Serie
07. Juni 2019.

Die TV-Serie “Tschernobyl” des US-amerikanischen Fernsehprogrammanbieters HBO ist zu einem Erfolg geworden. Die Geschichte der größten Atomkatastrophe der Welt zieht Millionen von Zuschauern an und ist Thema in zahlreichen Medien. Die Serie gibt detailliert die Dramatik der Ereignisse vor 33 Jahren sowie die Stimmung im damaligen sowjetischen Alltag wider. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird die Serie auch in der Ukraine verfolgt, wo sich Millionen von Menschen noch gut an das Jahr 1986 erinnern können. Das Ukraine Crisis Media Center erinnerte im Frühjahr 2016 anlässlich des 30. Jahrestags mit einem Artikel an die Katastrophe. Doch was wird in der HBO-Serie wahrheitsgetreu dargestellt und was ist frei erfunden?

Es gibt zahlreiche Quellen, anhand derer geklärt werden kann, welche Szenen in der TV-Serie den damaligen Ereignissen entsprechen und welche nicht. Unter anderem liegen Berichte von zwei unmittelbaren Augenzeugen der Katastrophe vor, aber auch Bücher und Dokumentarfilme über Tschernobyl.

Ein Zeuge ist Oleksij Breus. Er war 1986 leitender Ingenieur am vierten Reaktorblock des Atomkraftwerks. Sein Arbeitsplatz war die Schaltzentrale, die in der ersten Folge der HBO-Serie gezeigt wird. Seine Schicht begann am Morgen, als die Tragödie bereits in Gang war. Seine Berichte sind in einem Beitrag von BBC(in ukrainischer Sprache) zusammengefasst. Der damals 27-jährige Breus war derjenige, der als letzter einen Knopf in der Schaltzentrale des AKWs bediente. Er sprach damals persönlich mit den Mitarbeitern, die später zu Hauptfiguren der amerikanischen TV-Serie geworden sind. Während der Katastrophe wurde Breus einer erheblichen radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Später arbeitete er als Journalist. Heute ist er 60 Jahre alt und lebt in Kiew.

Ein anderer wichtiger Augenzeuge ist der leitende Ingenieur des AKWs Borys Stoljartschuk. Er war am 26. April 1986 in der Nachtschicht in der Schaltzentrale des vierten Blocks und nahm an dem dort laufenden Versuch teil. Er war Zeuge der Explosion. Stoljartschuk ist einer der wenigen, der sich im Epizentrum der Tragödie befand und überlebt hat. Die ukrainische Journalistin der Internetzeitung “LB”, Sonja Koschkina, führte im November 2018 mit im ein Interview (in russischer Sprache).

Als weitere Quelle dient das Buch “Tschernobyl: Die Geschichte der Tragödie” des ukrainischen Historikers Serhij Plochij. Er ist Professor für ukrainische Geschichte und Leiter des Harvard Ukrainian Research Institute in den USA. Im November 2018 erhielt sein Buch, das in englischer Sprache beim Verlag Allen Lane erschienen ist, den britischen Baillie Gifford Prize. Auch das Buch der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist eine gute Quelle, das im Deutschen unter dem Titel “Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft” herausgegeben wurde.

Legasows Selbstmord und seine Kassetten

In den ersten Szenen der Serie zeichnet der Wissenschaftler Walerij Legasow, eine der Schlüsselfiguren bei der Beseitigung der Folgen der Katastrophe von Tschernobyl, seine Berichte über die Ereignisse auf Audiokassetten auf. Er trägt sie in einem Mülleimer aus dem Haus und versteckt sie hinter einem Gitter einer Lüftung. Dabei wird er von einem KGB-Agenten vom Auto aus beobachtet. Legasow geht zurück nach Hause und füttert seine Katze. In der nächsten Szene sind seine Beine zu sehen, die wenige Zentimeter über dem Boden schaukeln.

In Wirklichkeit war es aber anders. Legasow beging tatsächlich Selbstmord und hinterließ auch Audioaufnahmen, auch wenn er sie nicht hinter jenem Gitter versteckt hatte. Die Gründe für den Selbstmord waren komplex. Legasow ist dank seiner ehrlichen Berichte über die Katastrophe von Tschernobyl im Westen zu einem Helden geworden. Aber die sowjetische Führung mochte ihn nicht. Die staatliche Auszeichnung “Held der Sowjetunion” bekam er nicht, obwohl sie bereits für ihn angekündigt war. Verletzter Stolz, aber auch die Tatsache, dass seine Kollegen Projekte zur Verbesserung der Sicherheit in Kernreaktoren ablehnten, waren nach Ansicht des Historikers Serhij Plochij die Gründe für den Selbstmord. Über Legasows Leben gibt es einen Dokumentarfilm unter dem Titel “Nach Tschernobyl. Akademiemitglied Legasow” (in russischer Sprache).

Die Strahlenbelastung des Personals

Radioaktive Strahlung, rote Haut, Strahlenverbrennungen und Verbrennungen durch Dampf. Über all das sei zwar gesprochen worden, aber das sei noch nie so deutlich gezeigt worden wie in der TV-Serie, meint der Ingenieur Oleksij Breus. “In der Serie gibt es eine Szene, wo ein Mensch unterhalb des Reaktors war und danach bei ihm durch die Kleidung hindurch rote Flecken zu sehen sind. Ich weiß nicht, ob es so schnell zu Strahlenverbrennungen kommt. Aber diejenigen, die ich gesehen habe und rot waren, sind danach gestorben”, sagt Breus.

Insgesamt wurden am ersten Tag nach der Katastrophe 126 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert, schreibt Serhij Plochij in seinem Buch. Darin ist auch der Verlauf der Strahlenkrankheit der sogenannten Liquidatoren der Katastrophe beschrieben, einschließlich der “unsichtbaren” Phase, in der die Verbrennungen abheilen und der Patient sich zu erholen scheint.

Feuerwehrleute waren die ersten Opfer

Sowohl Feuerwehrmänner als auch Bedienstete des AKWs versuchten in jener Unglücksnacht an vielen Stellen Feuer zu löschen. Die Geschichte des Feuerwehrmanns Ignatenko und seiner Frau Ljudmila wird in der Serie sehr genau erzählt. Auch im Buch von Swetlana Alexijewitsch berichtet Ljudmila in einem Monolog detailliert über die Nacht des 26. April, die Reise ihres Mannes in ein Krankenhaus nach Moskau, den sie – damals schon schwanger – begleitete. Sie erzählt auch von dem Tod ihres Babys gleich nach der Geburt.

Wahr ist in der TV-Serie auch die Szene der Beerdigung der Toten in den ersten zwei Wochen nach der Katastrophe. Sie wurden in zwei Särgen beigesetzt, in einem aus Holz und einem aus Blei. Das Grab wurde mit Beton zugegossen.

Doch Informationen über das Feuer werden in der Serie nur ungenau wiedergegeben. Dazu Oleksij Breus: “Alle hören angeblich, dass es auf dem Dach ein Feuer gibt. Alle befürchten, dass es auf den nächsten Reaktorblock übergreift. Doch das Feuer auf dem Dach ist ein Mythos. Da gab es keinen Brand. Das sagen auch die Feuerwehrmänner, die selbst dort waren.”

Ferner sagt Breus: “Es gab lokale Nester, die schnell gelöscht wurden. Aber auf dem Dach standen Feuerwehrleute, die in den heißen und zerstörten Reaktor Wasser pumpten. Aber das, was sie da hineingossen, verdampfte wahrscheinlich sofort. Doch man stellte sie dorthin, damit sie den Reaktor löschen. Deswegen sind sie später gestorben. Ich stelle ihr Heldentum nicht in Frage, aber es stellt sich die Frage, ob es notwendig war, den Reaktor auf diese Weise zu löschen.”

Taucher verhinderten noch größere Katastrophe

In der TV-Serie suchen die Leiter der Kommission zur Beseitigung der Folgen der Katastrophe, Legasow und Schtscherbyna, nach Freiwilligen, die unter den Reaktor hinabsteigen und dort das angesammelte Wasser ablassen. In der Seri sterben sie nur eine Woche später an den Folgen der Strahlung. In Wirklichkeit überlebten Oleksij Ananenko, Walerij Bespalow und Borys Baranow, die als “Tschernobyl-Taucher” bekannt wurden, ihren damaligen Einsatz. Baranow starb im Jahr 2005, die beiden anderen leben noch heute.

Oleksij Breus sagt: “Das in der Serie beschriebene Treffen, bei dem angeblich Freiwillige gesucht wurden, gab es überhaupt nicht. Jener Einsatz wurde im Voraus geplant. Dass das Wasser aus dem Reaktor abgelassen werden musste, wurde irgendwo oben entschieden. Der Auftrag ging dann an die Regierungskommission, dann an die Leitung des AKWs und dann an Ananenko, Bespalow und Baranow, die während der Schicht Dienst hatten. Sie waren keine Freiwilligen, was aber ihr Heldentum nicht mindert. Die Strahlung war natürlich hoch, viel höher als unter normalen Bedingungen. Aber nicht katastrophal. Sie bekamen keine Strahlenkrankheit.”

Bergleute gruben einen Tunnel

In der TV-Serie graben Bergleute aus dem russischen Tula einen Tunnel unter dem Reaktorblock. Damit wollte man damals in der Tat verhindern, dass die Kernschmelze bis ins Grundwasser vordringt. Um dies zu stoppen, versuchte man, einen Tunnel zu bohren, um mit flüssigem Stickstoff gegen die geschmolzene Masse vorzugehen. Doch letztlich stellte sich heraus, dass dies nicht notwendig war und es wurde auch kein Stickstoff zugeführt.

“Die Bergleute wurden nicht im Tunnel der Strahlung ausgesetzt, der sie eigentlich vor ihr geschützt hatte. Sie bekamen die Strahlung ab, als sie ihn verließen, um zu trinken und zu rauchen. Sie nahmen die Atemschutzmasken ab, zogen sich aus, aber nicht bis auf die Haut wie im Film”, sagt Oleksij Breus. Wenig überzeugend sei in der TV-Serie auch die Szene eines Gesprächs der Bergleute mit dem Energieminister.

Beobachtung von einer Brücke aus

In der TV-Serie gehen mehrere Dutzend Einwohner der Stadt Prypjat, die für die AKW-Arbeiter gebaut wurde, in der Katastrophen-Nacht auf eine Brücke. Von dort beobachten sie das Glühen im Himmel, verursacht durch das Feuer im AKW Tschernobyl, ohne sich des Risikos der radioaktiven Strahlung bewusst zu sein. Doch in Wirklichkeit gab es nachts keine großen Flammen. Diese Szene ist frei erfunden.

“Ich weiß, dass es Menschen gab, die zum AKW kamen, um zu schauen, was da los ist”, sagt Oleksij Breus und fügt hinzu: “Ich lag mit einem Studenten im Krankenhaus, der am Morgen des 26. April mit dem Fahrrad auf jene Brücke gefahren ist. Dort erhielt er eine Strahlendosis, die laut dem behandelnden Arzt eine klassische Strahlenkrankheit ersten Grades hervorrief. Es hatte also genügt, einfach mal dorthin zu fahren. Aber es waren keine Menschenmassen, die sich das nachts angeschaut haben.”

Erfundener Hubschrauber-Absturz

Der Held der TV-Serie Legasow kommt in Tschernobyl an und schlägt vor, den Brand des Reaktors mit einer Mischung aus Sand und Bor zu ersticken. Nach seinen Berechnungen sind dafür 5000 Tonnen notwendig. In der Tat wurden damals Sand und Bor von Hubschraubern aus in den Reaktorblock abgeworfen. Doch in der TV-Serie wird gezeigt, wie einer von ihnen in den Reaktor stürzt. Die Technik habe aufgrund der Strahlung versagt.

Der echte Legasow kam wirklich auf die Idee, den Brand auf diese Weise zu löschen. Aber die abgeworfene Mischung enthielt auch noch Blei. Doch die Szene mit dem Hubschrauber-Absturz ist frei erfunden. Einer stürzte tatsächlich während der ganzen Ereignisse ab, aber erst im Oktober 1986. Der Hubschrauber sollte das Dach des Reaktorblocks mit Wasser begießen, um die Ausbreitung radioaktiven Staubs zu verhindern. Er stürzte aber neben dem Reaktor ab.

Anatolij Djatlow – in der TV-Serie und in Wirklichkeit

In der TV-Serie beginnt die Handlung im AKW unmittelbar nach dem Unglück. Der Zuschauer bekommt die erste negative Figur in der Serie zu sehen, und zwar den stellvertretenden Chef des AKWs, Anatolij Djatlow. Er will einen Versuch durchführen: einen Notstopp des Reaktors. Getragen wird er von persönlichen Ambitionen. Als es zum Unglück kommt, geht Djatlow von einer Explosion im Kühlbecken aus. Dieser Meinung ist auch die Leitung des AKWs. Sie verlangt, Wasser hinzuzufügen, um den Kern des Reaktors zu kühlen. Er weist Auszubildende an, die Brennstäbe manuell herabzulassen, um den Reaktor zu stoppen.

Serhij Plochij schreibt in seinem Buch, in Wirklichkeit habe Djatlow nicht auf einer Explosion im Kühlbecken bestanden. Auch der Ingenieur Borys Stoljartschuk sagt, dass es keinen ernsthaften Streit zwischen den Beschäftigten gab. Ihm zufolge war der Grund für die Tragödie nicht das Vorgehen des Personals, sondern die unzulängliche Konstruktion des Reaktors. Stoljartschuk meint, man habe beim Gerichtsprozess gegen Djatlow und seine Kollegen die Schuld für die Katastrophe einfach auf sie geladen.

Ein Jahr nach der Explosion gab Djatlow während eines Prozesses gegen leitende Mitarbeiter des AKWs zu, den Reaktor nach einem plötzlichen Stromausfall nicht wieder in Gang bekommen zu haben. Doch die Hauptursache für die Katastrophe seien Mängel des Reaktortyps gewesen.

Oleksij Breus sagt: “In der TV-Serie wird die emotionale Stimmung, die damals beim Personal und bei den Behörden herrschte, sehr gut wiedergegeben. Tatsächlich wusste niemand, wie man vorgehen sollte – weder wir Beschäftigten, noch die Leitung des AKWs, noch die Beamten, noch Gorbatschow. Denn so etwas hatte es noch nie gegeben.” Doch Breus kritisiert an der TV-Serie, dass in ihr um die wichtigsten Figuren wie Direktor Brjuchanow, Chef-Ingenieur Fomin, Ingenieur Djatlow nicht einfach viel erfunden, sondern gelogen sei.

“Djatlow ist zur negativen Hauptfigur der TV-Serie geworden, weil gerade so ihn viele seiner Mitarbeiter im AKW unmittelbar nach dem Unglück wahrgenommen hatte. Später änderte sich das. Er war wirklich hart. Man hatte Angst vor ihm. Dennoch war Djatlow ein Fachmann. Der Grund für das Unglück war nicht sein autoritärer Stil, sondern Mängel des Reaktors”, so Breus. Djatlow starb 1995 an einem Herzinfarkt.

In der TV-Serie gibt es viele Ungenauigkeiten, aber die Drehbuchautoren widmen Details große Aufmerksamkeit. Es gibt keine hundertprozentige dokumentarische Genauigkeit in der TV-Serie “Tschernobyl”, aber sie wurde mit großem Respekt vor den Opfern der Tragödie gedreht.

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