Man muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die russische Armee in der Südukraine einmarschiert

Gajde Risajewa, ukrainische Aktivistin, Maidanteilnehmerin, Freiwillige in der ukrainischen Armee und Binnenflüchtling, sowie Mitorganisatorin der Wirtschafts- und Energieblockade zur Krim, war zweimal bei den pro-russischen Rebellen in Gefangenschaft. Sie war die einzige Krimtatarin, die bewaffneten Separatisten an einem Checkpoint „Slawa Ukraine“ („Ruhm der Ukraine“) zurief. Heute lebt die „Black Mamba“ Russlands im Kiewer Gebiet und hilft weiterhin ukrainischen Soldaten. Sie spielt außerdem die Hauptrolle beim Film „Gefangene des Donbass“, der im Herbst 2016 gedreht werden soll. In einem Exklusivinterview mit dem Ukraine Crisis Media Center erzählt Gajde Raisajewa, was sie in ihrer Gefangenschaft erlebte, was sie über die skandalöse Erklärung von Nadija Sawtschenko denkt, und wie sie sich eine Befreiung der Krim vorstellt.

Gajde, Sie sind die bekannteste Aktivistin der Krimtataren. Sie waren auf dem Maidan und helfen ukrainischen Soldaten. Was hat Sie dazu gebracht?

Ich fing tatsächlich auf dem Maidan als Aktivistin an. Von Anfang an hieß unser Zelt, das auf dem Maidan stand, „Krim“. Als dann Russland die Krim okkupierte, wurde dieses Zelt zur ersten Anlaufstelle für Flüchtlinge von der Halbinsel, die eine Unterkunft suchten. Einen Teil dieser Flüchtlinge brachten wir in Meschyhirja unter, dem Sitz des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch; einen Teil bei Puschtscha-Wodizja, und überall, wo es Platz gab. Das heißt, zuerst beschäftigte ich mich mit Flüchtlingen. Später, als die Kriegsoperation im Donbass begann, meldete ich mich beim ersten Freiwilligenbataillon „Aidar“. Ich transportierte humanitäre Hilfe für unsere Leute und dabei wurde ich gefangen genommen.

12239683_1071690686211130_4865738297720674032_nWie kamen Sie in Gefangenschaft und wie kamen Sie wieder frei?

Wir saßen zu viert in einem Auto. Es war spät. Wir verfuhren uns in der Dunkelheit und standen plötzlich an einem Checkpoint der Rebellen. Ich schlief auf dem Rücksitz und als das Auto anhielt, kapierte ich nicht, wessen Checkpoint das ist. Entsprechend rief ich „Slawa Ukraine“. Die Separatisten verstanden natürlich, wer wir sind und wohin wir fahren. Deshalb nahmen sie uns gefangen.

Oxana Bilosir, Wjatscheslaw Grischajew und Oleg Kotenko, die der Gruppe „Patrioten“ angehören, setzten sich mit Unterstützung des SBU für meine Befreiung ein. Ich wurde gegen gefangene Rebellen ausgetauscht.

 

Wie erging es Ihnen in der Gefangenschaft?

Ich mag ungern darüber sprechen, aber man muss das erzählen. Die Gefangenschaft ist wirklich etwas sehr fürchterliches, denn es handelt sich nicht nur um Freiheitsentzug, sondern um Isolationshaft. Man sitzt dort, weil man irgendein Verbrechen begangen haben soll. Im normalen Gefängnis ist klar, weshalb und wie lange man dort ist, und es sind Pakete von Verwandten erlaubt, sowie Telefonate. [Nicht so in diesen Löchern.]

Allerdings erwartet man ständig den Tod. Vor allem, wenn einem klar ist, dass man sich nicht in der normalen Ukraine befindet, sondern auf einem Gebiet, das plötzlich aus unverständlichen Gründen zu irgendwelchen „Volksrepubliken“ wurde. Und weil die eigenen politischen Ansichten diesen Leuten nicht passen, sitzt man im Gefängnis. All das ist schlimm und nicht zu begreifen.

Gajde, Sie waren bei der Energie- und Wirtschaftsblockade zur Krim beteiligt. Warum sind Sie diesen Schritt gegangen, dass der Strom auf der ganzen Halbinsel abgeschalten wird, einschließlich bei Ihren Verwandten und Freunden…

Ich tat es für die Krim, für meine Heimat. Als ich verstand, dass man Russland und Putin nicht mit demokratischen Methoden zur Vernunft bringen kann, entschied ich, mich an dieser Blockade zu beteiligen. Wieso werden unsere Waren und Lebensmittel an ein Aggressorland geliefert?

Was meine Familie betrifft… Sie müssen verstehen, wenn jeder von uns nur an seine Familie, seine Angehörigen und seine Eltern denkt, statt an die eigene Heimat, wird Russland nie verstehen, welch starke Nation wir sind. Dabei unterstützt die Regierung der Krimtataren, der „Medschlis“, die Lieferung von Generatoren für den Bedarf der Bevölkerung.

Waren Sie seit der russischen Annexion zu Hause auf der Krim? Wie ist die heutige Situation auf der okkupierten Halbinsel?

Nein, ich darf nicht auf die Krim. Ich war auf dem Maidan, ich helfe ukrainischen Soldaten… wenn ich auf die Krim fahren würde, würde man mich sofort festnehmen. Für die Behörden auf der Krim bin ich Feind Nummer Eins; vor allem, nach dieser Blockade. Aber ich bleibe mit Leuten im Gespräch, die noch dort sind, und ich weiß, dass die dortige Situation beklagenswert ist. Die Menschen werden auf jede Weise eingeschüchtert. Man erlaubt ihnen nicht, ihren Standpunkt zu vertreten. Und viele Leute warten sehr darauf, dass die Krim wieder Teil der Ukraine wird. Faktisch war die pro-russische Stimmung auf der Krim im März 2014 weitaus stärker als heute. Nun ändern die Leute ihre Meinung zur Ukraine und zu Russland.

Heißt das, dass Sie es für möglich halten, die Bevölkerung auf der Krim wieder in die Ukraine zu integrieren, wenn die Annexion zu Ende ist? Glauben Sie, dass die Annexion irgendwann aufhört?

Ehrlich gesagt glaube ich, dass die Krimbewohner längst angefangen haben, sich wieder in die Ukraine zu integrieren. Die Leute sahen den Unterschied zwischen Russland und der Ukraine. Aber aus Sicht der Politik und der internationalen Beziehungen ist es natürlich schwierig. Doch wir hoffen, dass das passiert. Eine andere Sache ist, dass wir die Krim am wenigsten durch militärisches Eingreifen zurück wollen. Ein Blutvergießen des eigenen Volkes ist die allerletzte Möglichkeit im Kampf. Dafür haben die Krimtataren in ihrer Geschichte schon zu viel durchgemacht. Unsere Männer kämpften im zweiten Weltkrieg in den Reihen der Sowjetischen Armee und einige wurden zu „Helden der Sowjetunion“. Viele Tataren sind während der Deportation durch Hunger und Krankheit ums Leben gekommen.

Ich meine, dass es besser ist, dem wirtschaftlichen und politischen Druck zur Befreiung der Krim mehr Zeit zu lassen, statt durch bei dem Versuch, die Krim schneller zu befreien, unser und ukrainisches Blut zu vergießen.

Der wirtschaftliche Druck auf Russland muss verstärkt werden: was der russischen Regierung am meisten weh tut, ist der Geldbeutel.

In den vergangenen Wochen gab es beunruhigende Nachrichten von der Krim. Was meinen Sie, was Russland damit bezweckt?

Wie ich das sehe, versucht Putin entweder die Sanktionen loszuwerden, die sich in den Taschen der russischen Bürger ernstlich bemerkbar machen, oder er plant einen offenen Krieg mit der Ukraine, indem er mit solch absurden Provokationen beginnt, um seine weiteren Aktionen zu rechtfertigen.

Wenn man den enormen Aufmarsch von Militärtechnik berücksichtigt, die Russland auf die Krim und nach Dschankoj verlegte, schließe ich die Möglichkeit nicht aus, dass die russische Armee in der Südukraine einmarschiert. Wir müssen sehr aufmerksam bleiben.

In der Ukraine gab es Leute, die nach ihrer Freilassung aus der Gefangenschaft in die große Politik gingen. Wollten Sie nie als Abgeordnete kandidieren, um eine politische Karriere zu machen?

Um ehrlich zu sein, ich bin gegen eine solche politische Karriere. Nehmen wir das Beispiel von Nadija Sawtschenko, die nach ihrer Freilassung, oder genauer, nach ihrer Isolationsuntersuchungshaft, in die Politik ging. Aber hier zeigt sich für mich, dass in der Politik, wie auch in anderen Fällen, Spezialisten sein sollten. Wenn jemand nichts davon versteht, sollte er es sein lassen. Außerdem muss ein Politiker gewisse Normen einhalten und nicht mit wüsten Schimpfworten um sich werfen, nicht öffentlich barfuss auf der Straße herumlaufen und so weiter. Politik ist etwas sehr ernstes und es sollten Leute in die Politik, die bereit sind, sich für die Ukraine und dessen Bürger einzusetzen. Solche Leute, auf die man auf jedem Niveau hört.

Wenn wir schon über Nadija Sawtschenko sprechen… Was denken Sie über ihren Appell, dass man die Rebellen, sowie bei den Müttern von ermordeten Rebellen um Verzeihung bitten soll und dass man vor der Präsidialverwaltung dafür demonstrieren soll?

Prinzipiell ist das eine schlechte Idee. Wir können nicht jenen verzeihen, die unsere Leute umbrachten. Wie kann eine Mutter vergessen, dass ihr Sohn im Krieg durch Rebellen getötet wurde? Wie soll man das verstehen und verzeihen können? Wie sollen die Ukraine das verzeihen? Das ist realitätsfern! Ich denke, es ist ein Verbrechen, wenn man mit den Rebellen verhandelt. Das bedeutet, dass man sie anerkennt, dass man sie akzeptiert und ihnen verzeiht. Das geht nicht.

Was die Aktion vor der Präsidialverwaltung angeht: dort waren zirka 30 Leute und ein Großteil davon waren Journalisten. Das zeigt, dass die Leute gegenüber solchen Aktionen sehr misstrauisch sind. Außerdem sprach sich ein Großteil von Ex-Gefangenen sofort gegen diese Aktion aus. Sie erklärten, dass sie nicht daran teilnehmen wollen.

Außerdem gibt es kompetente Institutionen zum Gefangenenaustausch. Und bisher versuchten diese Institutionen alles mögliche, damit unsere Leute nach Hause kommen. Innerhalb von zwei Jahren kamen so über 2.000 Gefangene frei. Und die Methode, die Sawtschenko jetzt im Verhandlungsverlauf vorschlägt, ist für mich einfach nur Verrat, in erster Linie an ihrem eigenen Volk.

Vor ein paar Wochen gewann die Krimtatarische Sängerin Jamala mit einem Lied über die Deportation der Krimtataren von 1944 den „Eurovision Song Contest“. Ein Großteil des russischen Publikums reagierte äußerst negativ auf diesen Sieg. Sie meinten, dass das Lied einen unausgesprochenen politischen Sinn enthält. Wie stehen Sie zu diesem Sieg?

Jamala gewann nicht einfach nur beim ESC, sondern auf der ganzen Welt. Nach diesem Sieg wissen alle, wer Krimtataren sind. Die russische Position ist verständlich. Klar, dass sie gekränkt auf den Sieg der Ukraine reagieren, um so mehr, weil es ein Sieg der Krimtataren war.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Welche Pläne? Da gibt es für mich nur eins: dass die Krim zur Ukraine zurückkehrt. Und ich werde alles tun, damit die Krim wieder ukrainisch wird.