„Flucht von der Krim“ – die unglaubliche Geschichte eines ehemaligen politischen Gefangenen

„Flucht von der Krim“ – die unglaubliche Geschichte eines ehemaligen politischen Gefangenen
18. August 2016.

Im Juni 2016 wandte sich Jurij Iltschenko, politischer Gefangener, der von der okkupierten Krim floh, an die Freiwilligenorganisation „KrimSOS“ von Lwiw. Das Ukraine Crisis Media Center veröffentlicht eine gekürzte Version des Artikels in der „Ukrainska Prawda“, in dem über Folter und die unmenschliche Behandlung in russischen Untersuchungsgefängnissen berichtet wird.

Jurij Iltschenko wurde im Juli 2015 von Mitarbeitern des FSB und ZPE (Zentrum zur Extremismusbekämpfung) festgenommen. Er war 11 Monate lang in den Untersuchungsgefängnissen von Simferopol und Sewastopol. Iltschenko wurde beschuldigt, sich in seinem Blog und in Sozialen Netzen in Bezug auf die Okkupation der Krim durch Russland und den Krieg, den Russland in der Ostukraine führt, scharf geäußert zu haben.

Im Juni 2016 kam er in Hausarrest, aus dem er auf das Festland in die Ukraine fliehen konnte.

Verhaftung

Nach der Okkupation der Halbinsel im März 2014 weigerte sich die Familie von Iltschenko, die russische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Jurij Iltschenko gab in Sewastopol Nachhilfe und Sprachkurse, unter anderem für ukrainisch, krimtatarisch, türkisch, polnisch und englisch.

Er vertrat aktiv eine pro-ukrainische Position, über die er in seinem Blog und in Sozialen Netzen berichtete. Unter anderem schrieb er Petitionen für die Anerkennung des Medschlis als einzig legales Machtorgan auf der Krim, sowie für die vollständige Blockade der Krim. Außerdem trat er mehrfach mit Appellen gegen die Okkupierung der Halbinsel auf.

Am 25. August 2014 kamen Mitarbeiter des FSB und des ZPE (Zentrum zur Extremismusbekämpfung) in sein Büro und führten ein „vorbeugendes Gespräch“ über seine „extremistischen Tätigkeiten“.

Am 2. Juli 2015 brachen 10 Personen in die Wohnung seiner Eltern ein.

Nach der Hausdurchsuchung wurde er verhört und ins Untersuchungsgefängnis von Sewastopol gebracht. Gegen ihn wurde ein Verfahren laut Artikel 282 des russischen Strafgesetzbuchs (Schüren von internationalem Zwist) für seine anti-russischen Posts im Internet eröffnet.

Ihm drohten mehrjährige Haftstrafen (10-20 Jahre) in Magadan (Russland). Ihm wurde angeboten, die Strafe abzumildern, wenn er bei den Ermittlungen kooperiert. Hierzu hätte er ein „Schuldgeständnis“ und einen Vertrag über die Zusammenarbeit unterschreiben sollen. Außerdem wurde verlangt, dass er alles über seine Aktionen berichtet und sich stellt (er sollte angeben, dass er ein „Koordinator des „Rechten Sektors“ in Sewastopol und auf der Krim“ sei und dass er das Lenindenkmal sprengen wollte).

Iltschenko weigerte sich, zu kooperieren. Deshalb wurde er angeklagt, extremistische Tätigkeiten begangen zu haben.

Gefängnis

Iltschenko befand sich vom 2. Juli 2015 bis 2. Juni 2016 in den Untersuchungsgefängnissen von Sewastopol und Simferopol.

Beziehung zwischen Mitgefangenen

Im Gefängnis wurde er ständig von seinen Mitgefangenen verprügelt. Dafür wurde ihnen versprochen, sie vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Außerdem versuchten seine Mitgefangenen regelmäßig, ihn zur russischen Staatsangehörigkeit zu überreden und dass er mit dem FSB zusammenarbeitet. Sie verhielten sich ihm gegenüber sehr schlecht und drohten ihm mit Vergewaltigung.

Iltschenko erhielt keine zeitnahe ärztliche Behandlung, obwohl er schriftlich darum bat. Er musste manchmal bis drei Monate warten, dass sich endlich ein Arzt um ihn kümmerte.

Haftbedingungen und Folter

Laut Angaben von Iltschenko waren die Zellen überfüllt: „Ich hatte sogar kein eigenes Bett. Wir schliefen nacheinander. Manchmal musste ich auf dem Fußboden schlafen. Ich bekam erst 10 Monate nach meiner Verhaftung eine Decke zum Schlafen, und nach 9 Monaten eine eigene Tasse, einen Löffel und Teller. Ich bekam mehrere Monate lang keine notwendigen Medikamente. Das Licht war 24 Stunden am Tag an und wurde nie ausgeschalten. Die oberen Betten waren direkt neben der Lampe. Teilweise gab es kompletten Schlafentzug. Ich wurde gezwungen, zu stehen, und wenn ich nicht mehr konnte, dann musste ich auf einem Hocker sitzen. Immer wenn ich kurz vor dem Einschlafen war, wurde ich geschlagen. Und wenn ich fast das Bewusstsein verlor, weil ich niedrigen Blutdruck habe, beschuldigten mich die Mitarbeiter der Sonderdienste, dass ich simulieren würde und schlugen mich. Einmal brachten sie mich ins Krankenhaus und zwangen den Arzt, eine Bescheinigung auszustellen, dass ich nur simuliere. Außerdem wurde den Ärzten von den Mitarbeitern der Sonderdienste diktiert, was sie schreiben sollten. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung gab es nicht, obwohl diese im Befund angewiesen war.“

Treffen mit Verwandten

Innerhalb dieser 11 Monate sah Iltschenko nur einmal seine Eltern. Er wurde auch daran gehindert, einen privaten Anwalt zu konsultieren.

Arrestzellen

„In der Arrestzelle waren die Bedingungen noch schlechter. Diese befanden sich im Keller, wo es Ratten gab. Einmal war ich dort für fünf Tage. Ich durfte von 6 Uhr Morgens bis Abends 10 Uhr nicht schlafen, wobei es auch keine Sitzmöglichkeit gab, weil das Bett um 6 Uhr Morgens hochgeklappt und an der Wand fixiert wurde. In diesen 16 Stunden konnte man nur herumgehen oder auf dem kalten Beton sitzen. Ärztliche Betreuung gab es keine. Ein Arzt meinte, dass die Betten täglich frisch bezogen werden sollen, aber wir durften manchmal zweieinhalb Monate nicht ins.“

Ernährung

„Das Essen war so schlecht, dass die Gefangenen das Frühstück und Abendessen verweigerten. Das Mittagessen bestand aus einer Suppe, die man nur aß, nachdem sie abgekocht wurde. Zweimal in der Woche gab es gebackene Nudeln, was als Festtag galt. An den sonstigen Tagen gab es unessbaren ungekochten Brei. Das Wasser war sehr schlecht. Es roch ständig nach Chlor, weshalb man es auch abkochen musste. Und für alle Pakete von Verwandten gab es dumme Vorschriften. Zum Beispiel durfte kein Streuzucker, keine Butter und kein Essen von zu Hause übergeben werden. Alles musste in einem Laden gekauft werden. Es war untersagt, Eier, Obst, Gemüse oder Fleischprodukte zu bringen. Diese Verbote galten mehrere Monate.“

Sprachliche Diskriminierung

Iltschenko wurde dafür geschlagen, weil er ukrainisch und krimtatarisch sprach. Er wurde gezwungen, nur russisch zu sprechen. Es war ihm verboten, sich mit irgendeiner Fremdsprache zu beschäftigen und Bücher zu lesen.

Flucht von der Krim

Gericht und Hausarrest

Am 2. Juni 2016 entschied das russische „Okkupationsstadtgericht von Sewastopol“, Iltschenko bis zum 25. Juni unter Hausarrest zu stellen.

Allerdings gab es dafür viel Einschränkungen: nur innerhalb der Wohnung bleiben, kein Telefon (sowohl Festnetz, als auch mobil), kein Internet, kein Kontakt außer den Eltern, insbesondere kein Kontakt mit Zeugen zu seinem Fall. Er durfte auch keine Post empfangen oder verschicken. Und er brauchte eine Erlaubnis, um mit einem Anwalt zu sprechen, was illegal ist.

In den ersten Tagen wurde er von Mitarbeitern der Sonderdienste in seiner Wohnung beobachtet. Er hatte eine elektronische Fußfessel und im Hof waren Videokameras aufgestellt.

Flucht

Polizisten deuteten Iltschenko mehrfach an, dass er wieder verhaftet wird. Deshalb entschied er sich, am 11. Juni in der Nacht zu fliehen. Er ging mit Sachen seiner Eltern aus der Wohnung. Nachdem er die Kameras passiert hatte, schnitt er die Fußfessel mit einem Messer ab. Dann kam er per Anhalter bis Bachtschyssaraj und bestellte sich mit einem fremden Telefon ein Taxi, mit dem er bis zum Busbahnhof von Simferopol fuhr. Von dort gelangte er mit dem nächsten Bus bis Armjansk.

Grenzübertritt

An der Grenze sah er auf der einen Seite freies Feld und auf der anderen eine Mauer mit unpassierbarem Gestrüpp. Er wusste, dass beide Seiten Minen und Sprengfallen verlegt hatten, aber er war bereit, besser zu sterben, als noch einmal in ein russisches Gefängnis zu gehen.

Iltschenko wählte die Mauer.

Nachdem er über der Mauer war, sah er einen russischen Soldaten, an dem er bis zum ukrainischen Checkpoint vorbei musste. Der Checkpoint war nur mehrere Meter entfernt. Als er dort unbeschadet ankam, erzählte er den ukrainischen Grenzsoldaten seine Geschichte und zeigte entsprechende Dokumente, wonach sie ihn durch ließen.

Ankunft in Lwiw

Iltschenko schaffte es bis nach Nikolajew. Von dort aus gelangte er nach Lwiw. Dort wurde ihm mit etwas Geld, Essen und einer Wohnung geholfen, sowie bei der medizinische Versorgung und den notwendigen Dokumenten.

Die Leute von „KrimSOS“ halfen auch, dass die Eltern von Jurij Iltschenko von der Krim ausreisen konnten.

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