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Verluste ohne Feindeinwirkung. Was verschweigen Generalstab und Verteidigungsministerium

Verluste ohne Feindeinwirkung. Was verschweigen Generalstab und Verteidigungsministerium

2016 waren die Verluste ohne Feindeinwirkung höher als die Kampfverluste in der Zone der Anti-Terror-Operation. Die ukrainische Regierung gibt solche Informationen nur ungern preis, weswegen bei den Bürgern nur ein lückenhaftes Bild von der eigentlichen Situation besteht. Die Ukrainer verstehen nicht, was Verluste ohne Feindeinwirkung sind und durch was sie verursacht werden. Die Situation wird noch von der Tatsache erschwert, dass in den öffentlichen Quellen entweder überhaupt nicht über die Verluste ohne Feindeinwirkung gesprochen wird oder sie als Kampfverluste angegeben werden. 

UCMC veröffentlicht eine verkürzte Version eines Artikels aus der Ukrajinska Prawda.

Verluste ohne Feindeinwirkung in der ATO-Zone – kein Thema für einen öffentlichen Diskurs 

Im vergangenen Jahr starben im Donbass 211 ukrainische Soldaten. Die Angaben beziehen sich auf die Kampfverluste der ukrainischen Armee. Der Anzahl der Verluste ohne Feindeinwirkung sind jedoch höher gewesen – davon zeugen die offiziellen Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Das Verteidigungsministerium gibt dabei auch die Ursachen für die Verluste ohne Feindeinwirkung bekannt. Selbstmord – 63, Mord – 30, Verkehrsunfall – 18, Vergiftung (durch Alkohol Drogen uns sonstige Substanzen) – 10, fahrlässiger Umgang mit Waffen – 39, Verletzung von Sicherheitsanweisungen – 4, krankheitsbedingte Todesfälle – 58, Unglücksfälle – 29, sonstige Fälle – 5. Gesamt – 256.

Verschiedene Informationsquellen berichten auch über Fälle, wo Verluste ohne Feindeinwirkung als Kampfverluste gerechnet werden und ebenfalls über Fälle, wo die Todesursache gefälscht wird. Die erhaltenen Aussagen sind jedoch nur sehr schwer zu überprüfen. Das Thema der Kampfverluste der ukrainischen Streitkräfte scheint ein größeres Geheimnis zu sein als die Bewaffnung der Armee.

Verteidigungsministerium, Generalstab und Militärstaatsanwaltschaft versuchen mit allen Mitteln dem Thema der Kampfverluste auszuweichen. Offen über die Verluste ohne Feindeinwirkung zu sprechen, lehnen sowohl die Soldaten und Offiziere im Dienst, die Mediziner als auch die Psychologen ab.

Verfälschte Statistik 

Die von den unterschiedlichen Behörden veröffentlichten Angaben sind widersprüchlich.

2.10.2015 Verteidigungsministerium der Ukraine 597
20.11.2015 Generalstab 831
10.06.2016 Militärstaatsanwaltschaft 1294
19.01.2017 Verteidigungsministerium der Ukraine 655

Laut der Veröffentlichung der Militärstaatsanwaltschaft aus dem Sommer 2016 betrug zu diesem Zeitpunkt die Anzahl der Verluste ohne Feindeinwirkung von 1294. Unter diesem Gesichtspunkt sehen die zuletzt vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Zahlen merkwürdig. Demnach betrage die Anzahl der Verluste ohne Feindeinwirkung bei den ukrainischen Streitkräften bei 655.

Wenn wir die Zahlen des Verteidigungsministeriums mit den Zahlen des Generalstabs für 2015 vergleichen, ergibt sich folgendes Bild: Innerhalb von 2 Monaten im Zeitraum Oktober-November 2015 wurden 234 Todesfälle von Soldaten ohne Feindeinwirkung ausgewiesen. Das sind fast fünf Personen pro Tag, was die Durchschnittswerte um das Mehrfache überschreitet. Daraus kann man schlussfolgern, dass die beiden Zahlenangaben als fraglich zu bewerten sind.

In der Statistik des ukrainischen Verteidigungsministeriums gibt es ebenfalls Angaben zu den Verlusten ohne Feindeinwirkung aus 2016. In seinen offiziellen Antworten auf Anfragen in Bezug auf Verluste ohne Feindeinwirkung gab das ukrainische Verteidigungsministerium zuerst die Zahl von 256 und einige Tage später auf eine neue Anfrage die Zahl von  – 232 Verluste an.

Es ist jedoch nicht gelungen, eine Erklärung zu erhalten, woher dieser Unterschied kommt.

Dem hingegen erklärten verschiedene Quellen, warum die offiziellen Todesursachen von Soldaten bei Todesfällen ohne Feindeinwirkung gefälscht werden. In solchen Fällen werden zwei Ziele verfolgt: entweder sollen die Kommandeure und andere Soldaten von der Verantwortung entlastet werden oder man will den Familien der ohne Feindeinwirkung Verstorbenen die Möglichkeit verschaffen, eine Entschädigungssumme zu erhalten.

Laut Gesetz steht der Familie eines Militärangehörigen im Todesfall eine einmalige Entschädigungszahlung in Höhe des 500-fachen des monatlichen Existenzminimums (das waren zuletzt ungefähr 600.000 Hrywnja). Es werden jedoch keine Zahlungen geleistet, wenn Soldaten infolge eines von ihnen verübten Verbrechen getötet werden, wenn sie infolge von Handlungen unter Alkohol- oder Drogeneinfluss sterben, wenn Selbstmordfälle vorliegen oder wenn sonstige mutwillig zugefügte Schäden vorliegen.

In bestimmten Fällen werden Todesfälle infolge von Alkoholmissbrauch oder Selbstmordfällen verborgen. Das passiert am häufigsten dann, wenn ein Soldat stirbt, der sich ehrenhaft in den Kampfhandlungen bewiesen hat. Mit einem solchen Verhalten wollen die Kommandeure das Gedenken an den Soldaten nicht beschädigen.

Es gibt auch gegenteilige Geschichten, wo das Verschweigen der Todesursache bei Soldaten, die regelmäßig Alkoholmissbrauch begangen haben, von den Militärangehörigen negativ gewertet wird.  “Wenn das ein sogenannter “Avatar” gewesen ist (so werden in der Armee betrunkene Militärangehörige genannt), der zu nichts zu gebrauchen war und für seine Einheit nur eine Belastung darstellte und aus ihm jetzt ein Held gemacht werden soll, wird das natürlich negativ bewertet“, erklärt der Vorsitzende des Verbands der ATO-Teilnehmer im Gebiet Iwano-Frankiwsk, der ehemalige Militärangehörige der 26. Brigade  Andrij Dolyk.

Beschlüsse über die Fälschung von Todesursachen werden kollektiv getroffen, erklärt Dolyk. Deswegen wissen über solche Fälle sowohl Ärzte, Kommandeure, Militärstaatsanwälte und der Militärrechtsschutzdienst (WSP).

Nach den Informationen von Andrij Dolyk sind die Fälle von Fälschungen seit der zweiten Hälfte von 2016 zurückgegangen. In erster Linie sind die Kommandeure prinzipienhafter geworden und bemühen sich, die Verluste ohne Feindeinwirkung nicht zu verbergen. Jedoch fällt aus der offiziellen Antwort des Verteidigungsministeriums auf, dass es unter den Verlusten ohne Feindeinwirkung nur 10 Todesfälle infolge einer Alkoholvergiftung gibt. Dabei ist jedoch offensichtlich, dass alle befragten Informationsquellen in einem übereinstimmen: Alkoholmissbrauch ist die Hauptursache für die Mehrzahl der Fälle von Verlusten ohne Feindeinwirkung.

Was ist das ukrainische Ergebnis der “22 Pushup Challenge”? 

Im Unterschied zur ukrainischen Armee werden in der US-Armee die Verluste ohne Feindeinwirkung nicht verborgen. Im Gegenteil, sie werden genau untersucht. Für solche Untersuchungen werden dutzende Millionen von US-Dollar ausgegeben. Alles, um die Anzahl der Verluste ohne Feindeinwirkung zu verringern.

Eines der Resultate vergleichbarer Untersuchungen ist der Flashmob “22 Pushup Challenge” geworden. Eine Untersuchung zeigte, dass im Jahr 2014 täglich 22 US-Veteranen Selbstmord verübten. Die Flashmob-Teilnehmer drückten 22 Mal innerhalb von 22 Tagen ab. Somit versuchten sie die Veteranen zu unterstützen und auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Auch an der Ukraine ist der Flashmob nicht vorbeigegangen. Am Flashmob nahmen der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, viele Kommandeure und Militärangehörige teil. Das ist gut so. Allerdings sollte man zuerst eine ehrliches und offenes Gespräch über die Probleme der Verluste ohne Feindeinwirkung führen, darunter auch Verluste durch Selbstmord in der ATO-Zone und nach der Demobilisierung.  Damit wirklich festgestellt werden kann, wieviel Entschädigungsleistungen für die ukrainischen Militärangehörigen, die im Dienst gestorben sind, zu zahlen ist.

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